Ein sonderbares Kind, mit einer eigenartigen Gabe gleichsam beschenkt und geschlagen; ein Wesen, vor dem sich alle fürchten, weil es in die Zukunft sehen kann; ein kleiner Junge, dessen beunruhigende Fähigkeiten und Gebaren bei den bodenständigen westfälischen Bauern zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur engstirniges Mißfallen und Angst auslösen können: die stichwortartige Zusammenfassung des Buches von Eva Maaser klingt vielversprechend. Ich hatte eine schaurig-schöne, vielleicht etwas surreale Geschichte erwartet, die mit dem Thema des "Anders-Seins" (hier: der Hellseherei des Titelhelden) in einer von Gottesfurcht und Aberglauben beherrschten Welt spielt, hatte mir auch von der Kulisse des Moors mit seinen unheimlichen Legenden eine düster-morbide Hintergrundatmosphäre versprochen. Ich wurde leider enttäuscht, denn in dem Buch "Der Moorkönig" gibt es zwar hin und wieder einzelne stimmungsvolle Abschnitte, die an die in der Grundidee steckenden Möglichkeiten ansatzweise heranreichen; aber leider verlieren sich diese interessanten, mitreißenden Passagen sehr schnell wieder in ermüdend schulmeisterlich daherkommenden Beschreibungen des Lebens auf einem westfälischen Bauernhof der damaligen Zeit, in detailversessenen Schilderungen eines münsterländischen Markttages usw., die alle dem Fortgang der Geschichte nicht dienen, sondern lediglich beweisen, daß die Autorin den historischen Hintergrund ihrer Erzählung brav sorgfältig recherchiert hat. Schade, daß sich die Geschichte somit in etwas bieder geschilderten Nebenhandlungen und klischeehaften Beschreibungen der einzelnen Charaktere verliert. Meiner Meinung nach ein nettes, leidlich interessantes Buch, das sich nicht entscheiden kann, ob es nun die Geschichte eines unverstandenen Einzelgängers (für den beim Lesen leider auch kein rechtes "Mitgefühl" aufkommen will) erzählen oder vielmehr das Alltagsleben westfälischer Bauern vor den politischen Wirrnissen des beginnenden 19. Jahrhunderts beschreiben will.