Der Monddiamant! Was für ein Heiligtum für indische Hindus! Was für ein Reichtum für britische Kolonialherren! So ist es nicht verwunderlich, dass der Stein seinen Weg aus einem indischen Tempel in eine Familie der britischen Oberschicht findet. Doch Lady Rachel Verinder wird nicht lange etwas von dem Geschenk haben, das ihr zum einundzwanzigsten Geburtstag überreicht wird. Der Stein wird gestohlen. Rätsel über Rätsel: Welche Rolle spielen drei indische Gaukler, die mutmaßlich hochrangige Brahmanen sind und im Auftrag unterwegs, den Stein zu seinem Bestimmungsort mit allen Mitteln zurückzuführen? Könnte eine Ex-Diebin unter der Dienerschaft rückfällig geworden sein? Hat der junge Mr. Ablewhite Geldnöte, dessen karitatives Wirken bei manchen Damen gut ankommt, aber von Anfang an schleimig-falsch wirkt? Und warum ist Rachel auf einmal so abweisend gegenüber dem Schenker Franklin Blake, obwohl beide offensichtlich Gefühle füreinander hegen?
Wilkie Collins' viktorianischer Roman "Der Monddiamant" wird gelegentlich als der erste Kriminalroman bezeichnet. Obwohl es natürlich immer schon hochgradig kriminelle Handlungen in der Literatur gab, ist am vorliegenden Werk auffällig, dass über weite Strecken die detektivische Arbeit im Vordergrund steht. Dies gilt auf der erzählten wie auf der erzählenden Ebene. Ersteres wird verkörpert durch die Figur des Inspector Cuff, einem Detektiv, der teilweise Sherlock Holmes vorwegnimmt. Wie Holmes ist Cuff derjenige, der Verbrechen und überhaupt Vorgänge analysiert, ohne bei ihnen dabei gewesen zu sein, und der allein aus der Kombination von Erzähltem und selbst Beobachtetem Erstaunliches herausliest. Er wird darüber hinaus als asketischer, etwas ausgemergelter und leicht überheblicher Eigenbrödler dargestellt, der sich seinem Hobby, der Rosenzucht, mit Verve widmet und ansonsten nicht nur des Auftrags wegen, sondern auch mit deutlichem Genuß seine Überlegenheit herausstellt. Dies erzeugt Holmes'sche Spannung: Oftmals kündigt Cuff gegenüber einem Gesprächspartner an, bereits sehr viel zu wissen und bald eine Bombe platzen zu lassen, spannt ihn - und uns! - aber noch ein, zwei Kapitel auf die Folter, weil es halt taktisch geschickter ist, erst noch etwas zurückzuhalten, oder auch aus Freude, den Zuhörer - und uns - ein bißchen zu ärgern. Dies habe ich als äußerst geschickt und spannungssteigernd empfunden, man möchte das ziemlich lange Buch ungern aus der Hand legen und hat bei 591 Seiten keinen einzigen Durchhänger (auch dann nicht, wenn in der zweiten Hälfte Cuff kaum mehr eine Rolle spielt).
Das detektivische Puzzlespiel findet aber nicht nur IN der Geschichte, sondern auch MIT der Geschichte statt, d.h. Collins schildert nicht nur einen Mann beim Puzzeln, sondern er puzzelt selbst. Wie schon in "Die Frau in Weiß" bedient er sich der Technik, die Geschichte wie einen Bericht abzufassen, bei dem verschiedene Personen einander die Erzählfeder übergeben. Obwohl "Die Frau in Weiß" (auch wegen der kraftvollen, eigenwilligen, hochemotionalen Übersetzung von Arno Schmidt) vielleicht noch ein Quentchen mitreißender ist, habe ich "Der Monddiamant" als besonders konsequent und souverän in der Erzählhaltung empfunden. Stärker noch als bei "Die Frau in Weiß" beschleicht mich die Ahnung, zu wissen, wie Collins das hingezaubert hat: einerseits ganz und gar in die jeweilige Erzählperson hineinzuschlüpfen, andererseits aber ganz und gar Collins zu bleiben und bei all den Verschachtelungen einen Roman aus einem Guß geschrieben zu haben. Zum einen sind die stilistisch-sprachlichen Unterschiede bei den jeweiligen Erzählern geringer als in "Die Frau in Weiß". Zum anderen kompensiert Collins das durch einen schlicht genialen Trick: Alle Figuren weisen eine radikale Offenheit auf, sie tragen ihr Herz auf der Zunge. Dadurch kann Collins seinem Schreibstil treu bleiben und dennoch ungeheuer viel über die jeweiligen Erzähler mitteilen und sich ihnen anverwandeln. Dies gelingt ihm nicht etwa durch offene mitteilungsprosaartige Geständnisse, sondern die Offenheit ist den Erzählern selbst nicht bewusst. Dies schafft eine kluge, feine Ironie. Beispiele: Der eigentlich sympathische ältere Butler Betteredge hat etwas seltsame Anschauungen gegenüber Frauen und schildert völlig offen und ohne Scham- und Schuldgefühle, dass er eine Frau heiratet, damit sie die Arbeiten umsonst erledigt, für die er ihr als Haushälterin einen Lohn zahlen muss. Indem er schildert, wie er genau dies seiner Herrin vorträgt, welche ziemlich fassungslos ist, und dass er deren Fassungslosigkeit nicht im Geringsten versteht, weil er sein Kalkül für völlig in Ordnung hält, wird dem Leser nachdrücklich klar, wie frauenfeindlich das ist. Menschen demaskieren sich bei Collins, indem sie etwas Kritisches wie unschuldige Kinder sagen oder tun. Erwähnenswert als tragicomic relief ist insoweit auch die hochgradig bigotte Ms. Clack, die in nimmermüdem Eifer Leute mit christlichen Ermahnungen und Traktaten traktiert. Sie merkt nicht im Geringsten, wie sie allen nur auf die Nerven geht, sie schildert das ganz aus ihrem nimmermüden Optimismus, den ihr ein Ruf des Herrn gegeben hat, sie glaubt fest an ihr Wirken (aber auch an schale Selbstrechtfertigungen, hinter Vorhängen zu lauschen). Collins Zeilen entsprechen dem, und wir merken umso deutlicher: Das Gegenteil ist wahr, feine Ironie eben.
Neben den menschlichen gelingen Collins die gesellschaftlichen Schilderungen. Man muss bloß einmal Betteredges satirische Beschreibung der Tatsache lesen, dass es im viktorianischen England eine Oberschicht gab, deren größtes "Problem" es war, sich die liebe lange Zeit zu vertreiben, da diese Schicht ein gesichertes Einkommen hatte, ohne arbeiten zu müssen: "Und deshalb kann es auch geschehen, dass gewisse Leute Leinwand mit Ölfarben verschandeln und im ganzen Haus üble Gerüche verbreiten, daß sie Kaulquappen in Gläsern voller Schmutzwasser halten, dessen Gestank jedermann den Magen umdreht, daß sie Steine behauen und die Splitter in sämtlichen Speisen zu finden sind, daß sie sich die Finger besudeln, weil sie Jünger der Photographiekunst geworden sind (wobei sie obendrein alle Hausgenossen gnadenlos zum Opfer ihrer Liebhaberei machen)." (S. 73)
Daneben gelingen Collins aber auch Figuren, die echte Empathie wecken, wie ein Assistenzarzt, dessen Ruf aufgrund eines nie aufgeklärten Vorfalls zu Unrecht ruiniert ist und der in den letzen Monaten seines Lebens seine schwere Krankheit mit Opium bekämpfen (und damit letztlich sein Leben zerstören) muss, aber vorher noch Großes bei der Aufklärung des Falles leistet. Die Lösung hat mit Opium zu tun (dank Rezensentin Tanja Heckendorn weiß ich, dass Collins selbst da auch so seine Erfahrungen gesammelt hat), und mit den Indern ebenfalls. Den Schluss kann man als damals ungewohnte Kolonialismuskritik deuten. Mehr wird nicht verraten. Selbst lesen!