Eigentlich ist es gar kein Roman, sondern eine Novelle. Der Text hat alle Merkmale einer solchen: die relative Kürze, das eingeschränkte Personal, das Falkenmotiv in der Form eines Eherings, das plötzliche Ereignis und die Wende. Aber wer liest heute noch Novellen. Also nennt sich Mosebachs neuester Titel ,Der Mond und das Mädchen' doch lieber ,Roman'. Dem 19. Jahrhundert ist allerdings nicht nur die Gattung, sondern auch die Sprache entnommen. Es ist eine Hochsprache, in der Mosebach schreibt. Sie ist gewählt, geschmeidig, genau, erhaben, stilsicher, gewandt und elegant. Es ist eine Kunstsprache für die es Könnerschaft braucht und sicherlich kann man eine solch hohe Sprache genießen. Sicherlich ist Mosebach auch ein hintergründiger Erzähler, der es versteht, Fährten zu legen und seinen Text symbolisch zu verdichten. Es ist ein beziehungsreiches Werk. Mehrfaches Lesen ist sicher ergiebig.
Was aber wird eigentlich erzählt?
Es geht um die junge Ehe von Hans und Ina. Hans, ein erfolgreicher Bänker, sucht in Abwesenheit seiner jungvermählten Gattin eine Wohnung für das gemeinsame Leben. Seine Wahl soll schicksalsentscheidend werden. Das Paar zieht in eine obere Wohnung eines etwas heruntergekommenen Hauses in der Frankfurter Bahnhofsnähe. Sie richten sich nett ein, auch die lästige Schwiegermama werden sie irgendwann los, aber irgendetwas ist im Gange, irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Die Erzählung hat eine subtile unheimliche Gegenströmung, die von der schönen Sprache nur überblendet wird. Zunächst beschmutzt eine Taube das noch nicht bezogene eheliche Schlafzimmer, der schäbige marokkanische Hauswart Souad, der mit einer kleinen zwielichtigen Gesellschaft die Abende im Hof des Mehrstockhauses verbringt, der ungestraft fremde Post öffnet, alles beobachtet, über jeden Bescheid weiß und der dem Hauseigentümer nicht die Mietgelder überweist bemächtigt sich Hansens. Aber nicht nur von ihm wird Hans in den Bann gezogen. Da sind auch noch die Witteckinds. Ein Intellektuellen-Ehepaar, die ein Stockwerk unter Hans und Ina wohnen. Der eigentümlichen Anziehung, die Britta Witteckind, eine Schauspielerin auf Hans ausübt, entspricht die Antipathie, die von ihrem Mann ausgeht. Später soll Hans unter kuriosen Umständen mit Britta Ehebruch begehen. Hierbei verliert er seinen Ehering. Dafür findet er jedoch den Ehering seines Vormieters. Dieser wiederum tritt plötzlich auf und fordert seinen Ring zurück, um seine gescheiterte Ehe doch noch zu retten. Er erhält schließlich erneut unter kuriosen Umständen den verlustig gegangenen Ring von Hans.
Alles in diesem Roman scheint einer dunklen und unerklärlichen Gesetzmäßigkeit zu folgen. Niemand scheint frei handeln oder auch nur sprechen zu können. Und dieser Bann wird erst gebrochen, als Ina in einer beherzten Tat ihrem Ehemann eine Bierflasche über die Rübe zieht.
Nun erst scheint es Tag und licht zu werden. Und tatsächlich spielt der Hauptteil der Handlung nachts. Dies mag ein Zeichen für die dunkle und unheimliche Macht sein, die in dem Werk trotz der schönen Sprache regiert. Zeichen über Zeichen. Es wimmelt von Anspielungen. Auch der Titel ,Der Mond und das Mädchen'. Hören wir da nicht Schuberts Konzert ,Der Tod und das Mädchen'? Die Taube, der wandernde Ring. Es geschehen Zeichen und Wunder und doch ist alles so, als wäre es ganz normal.
Die Frage ist aber: Was will mir dieser Roman eigentlich sagen?
Ich weiß es nicht. Er ist sicher ein Stück sehr guter Literatur und ein Genuss für denjenigen, der gute Sprache liebt und überhaupt sich an Kunst erfreuen kann. Und das ist ja auch legitim. Hierzu hört man ja auch gute Musik.
Er ist darüber hinaus ein Fall für den Literaturwissenschaftler. Aber er ist nicht unbedingt Literatur, die mich begeistert.
Thomas Reuter