40 Jahre ist es her, dass zum ersten Mal Menschen einen anderen Himmelskörper betraten - das könnte ja ein guter Grund sein, diese spannende Geschichte noch einmal zu erzählen.
Dieses Buch habe ich dennoch zunächst mit einer Portion Skepsis gekauft. Ein weiteres Apollo-Buch? Kann da irgendetwas drin stehen, was ich als begeisterter Fan der ersten Stunde noch nicht wußte? Ein weiterer Aufguss der altbekannten Tatsachen? Zum tausendsten Mal "ein kleiner Schritt für einen Menschen" und so weiter? Wieder eine Neuauflage der altbekannten Reportagen?
Weit gefehlt!
Zum einen erzählt Autor Von Croy nicht nur die Geschichte der bemannten Mondflüge, sondern er beschäftigt sich erstmal ausgiebig mit dem Ziel, also dem Mond selbst. Dieses erste Kapitel ist nicht nur ungeheuer bildend und gibt auch Laien einen perfekten Überblick über alle Aspekte unseres Begleiters im All, sondern es ist auch dramaturgisch spannend zu lesen, wie die Menschheit über die Jahrtausende langsam immer mehr vom Mond erfährt, um ihn schließlich in einer Kraftanstrengung sonders gleichen zu besuchen. Man erfährt eigentlich von allem etwas: Wo der Mond herkommt, wie er beschaffen ist, seine physikalischen Besonderheiten (wie etwa viele interessante Details zu seiner Bahn), seine Auswirkung auf viele Kulturen... und natürlich über seine Rolle als Objekt der Wissenschaften seit Galileo.
Nach einer relativ kurzen Überleitung zum Beginn der Weltraumfahrt, dem "Space Race" der Supermächte und dessen Ursprünge im Kalten Krieg (auch dieses Kapitel voller interessanter Fakten und detailgenau erzählt) kommt Von Croy ohne Umschweife zu Apollo.
Er erklärt, so gründlich wie dies niemand zuvor in einem deutschen Buch getan hat, die Technik der Mondschiffe, die Physik der Flugbahnen und sogar die Computer der Schiffsteuerung und die Methoden der Navigation durh das All und zum Mond. Er erzählt auch von Menschen, dem Aufwand des Prjekts Apollo, der Entwicklung von Technologien. Und das tut er so, dass es weder für Laien zu komplex, noch für Spezialisten banal wäre. Und er setzt Bezüge: zu Technologien von heute, erklärt, was es bedeutete, ohne Internet und e-Mail (das Fax war gerade aufgekommen) einen Mondflug zu planen.
Der Faktenreichtum ist wirklich beeindruckend - noch besser aber finde ich, dass das Buch trotz technischen Tiefganges nie in drögen Technikjargon verfällt. Der Autor scheint ein hervorragendes Gespür dafür zu haben, wieviel er bei einem durchschnittlichen Leser an technischer Bildung voraussetzen kann und (wie bei seinem anderen Buch "Abenteurer der Lüfte") balanciert er perfekt auf dieser schmalen Schiene. Bleibt immer spannend im Stil, ist dennoch nie vordergründig reisserisch.
Und dann, wenn es endlich losgeht zum Mond, läuft der Autor zu Höchstform auf: Bereits der Beginn des Apollo-Kapitels, mit einer fesselnden Beschreibung des Starts von Apollo 11, gibt dem Leser das Gefühl, quasi als vierter Mann mit an Bord zu sein. Dabei enthält sich Von Croy aller Platitüden und Klischees - die er auch gar nicht nötig hat, denn er kennt die Materie offenbar so gut, dass er jede Minute des Fluges in der gerade nichts Spektakuläres passiert, mit interessanten technischen Details, Hintergrundinformationen oder klug gewählten Zitaten und Beispielen auffüllen kann. Und selbst ein Schuß Humor fehlt nicht.
Nach einer kurzen Atempause , Apollo 11 ist auf dem dreitägigen Weg in Richtung Mond, blendet der Autor, so wie in einem Film, zurück auf die Anfänge des Apollo-Programms. Er erzählt die tragische Geschichte von Apollo 1 (drei Astronauten starben bei einem Bodentest), erklärt sorgfältig, wie es nach diesem Rückschlag weiter ging, bis zu Apollo 8, der ersten Mission, die zum Erdtrabanten startete aber noch nicht landen durfte. Er beschreibt die Männer, die zum Mond flogen nur knapp, aber man bekommt dennoch ein gutes Gefühl dafür, wie diese Typen gestrickt waren. Apollo 9 und 10 werden erklärt - ein Highlight ist die Beschreibung des Beinahe-Crashes von Apollo 10 auf den Mond während einer Landesimulation. Der Vorfall ist heute kaum mehr bekannt, hätte aber leicht zum Abbruch des Programms führen können, wären damals zwei Männer am Mond gestorben.
Apollo 11, wie sollte und könnte es auch anders ein, nimmt natürlich den Großteil des verbliebenen Buches ein. Mit der Ankunft am Mond und der Vorbereitung zur Landung geht es weiter, und jetzt steigt die Spannung mit jeder Seite so, dass man das Buch nicht mehr weglegen mag! Ich habe diese Geschichte in allen Variationen wirklich oft gelesen - aber so spannend ist sie mir noch nie untergekommen. Dieses Buch ist ab sofort die Referenz (neben Andrew Chaikin's "A Man on the Moon") wenn es um die Beschreibung der ersten Mondlandung geht.
In den letzten "Sekunden" (Seiten) bis "Eagle" schließlich im Meer der Ruhe auf dem Mond steht, hält man buchstäblich mit der Crew den Atem an. Sehr angenehem: Der Autor räumt hier auf mit der immer wieder erzählten Mär, der "Computer der Mondfähre sei ausgefallen". Er hält sich lieber an die Fakten (der Computer war überlastet, fiel aber nie aus) - die mindestens so spannend sind wie die alten und immer wider aufgewärmten Mondlandungsfabel, die Autoren seit Jahrzehnten ungeprüft voneinander abschreiben.
Auch nach der Landung auf dem Mond geht es im bewährten Stil weiter. Der Autor erzählt von Fakten und Begebenheiten und technischen Zusammenhängen, die sonst immer weggelassen werden - oder aber falsch erklärt. Er erzählt davon, wie Kommandant Armstrong Minuten nach der Landung durch eine Dachluke die Erde betrachtet. Davon, was es für ein Gefühl gewesen sein muss, nun wirklich auf dem Mond gelandet zu sein. Nicht vergessen darf man in diesem Zusammenhang das außergewöhnlich gut zusammengestellte Bildmaterial, etwa das sonst nie gezeigte erste Foto nach der Landung.
Das Buch hält den Spannungsbogen bis zum Ende der Mission Apollo 11. Danach kommt eine, meiner Meinung nach etwas zu kurz geratene, Zusammenfassung der übrigen Mondmissionen und ein Ausblick in die Zukunft der Monderforschung. Auch diese Kapitel mit vielen interessanten - und einigen sehr witzigen! - Details und ebenso spannend geschrieben. Aber hier hätte Von Croy gerne noch 100 Seiten dran hängen können.
Ein großes Plus ist der ausführliche Anhang zum Mond und zu Apollo, in dem alles, was man zu diesem Thema im Sinne von Allgemeinbildung wissen sollte, kompakt noch einmal zusammengefaßt ist.
Mein Fazit:
Wenn man nur ein Buch über die historischen ersten Mondlandungen der Menschen vor 40 Jahren lesen möchte, etwa um seine Bildung in diesem Punkt auf Vordermann zu bringen - dann sollte man sich "Der Mond und die Abentuer der Apollo-Astronauten" auf den Nachtkasten legen oder diesen Sommer in den Urlaub mitnehmen. Von der ersten bis zur letzten Seite spannend wie ein guter Kriminalroman, und auch noch voller sauber recherchierter und präzise und verständlich erklärter Details. Das alles, ohne irgendein Drama dazudichten zu müssen. Der Autor beweist auf eindringliche Weise, dass die Realität spannend genug ist. Man muss nichts dazu erfinden, man muss es "nur" akribisch recherchieren und spannend schreiben können!
Das Buch liest sich trotz der Fülle an technischen und wissenschaftlichen Fakten bis hin zur physikalisch korrekten Erklärung der Flugbahn zum Mond) nicht wie ein typisches "Raumfahrtbuch", sondern ist eher in der Tradition spannender Abenteuerbücher geschrieben, wie es sie etwa über legendäre Seefahrer, Bergsteiger oder Polarforscher gibt.
Es ist deshalb auch uneingeschränkt für ein breites Publikum zu empfehlen, das sonst nie Flieger- oder Raumfahrtbücher liest. Und, wie gesagt: Sogar alte Apollo-Freaks wie ich können hier jede Menge neue Aspekte und Details über die Mondflüge erfahren.