Kurzbeschreibung
Über die Lyrik Bertolt Brechts schreibt Marcel Reich-Ranicki, der Herausgeber dieses Bandes: "In den Nachschlagebüchern und Literaturgeschichten wird Bertolt Brecht in erster Linie als Dramatiker genannt und behandelt. Dagegen ist nichts einzuwen: Es stimmt ja, daß er weder der Lyrik noch der erzählen Prosa auch nur annähernd soviel Lebenszeit gewidmet hat wie dem Drama und dem Theater. Schließlich waren es die Bühnenwerke, die ihn weltberühmt gemacht haben. Doch sollten wir glücklich sein, daß wir Brecht sowohl Stücke als auch Gedichte und Lieder verdanken - und es ist allemal fragwürdig, die eine Gattung gegen die andere ausspielen zu wollen.
Aber obwohl Prophezeiungen zum Metier des Kritikers nicht gehören, dürfen wir ausnahmsweise und ganz leise doch vermuten: Bleiben wird von Bertolt Brecht vornehmlich die Lyrik.
Der Mißbrauch der Poesie zur Flucht ins Undeutliche und Verschwommene, dieses Erzübel der deutschen Literatur, war ihm verhaßt. Den Lesern, die den Rilkeschen Rhyth mus im Blute hatten und die Georgesche Melodie im Ohr, vermochte Brecht zu beweisen, daß der Gesang vernünftig und die Vernunft poetisch sein kann. Er zeigte, daß die Synthese von Dichtung und Intellekt nicht nur nötig, sondern zugleich möglich sei."
Die in diesem Band gesammelten 66 Gedichte von Bertolt Brecht werden von Schriftstellern, Kritikern und Literaturwissenschaftlern kommentiert. Zu den Interpreten gehören Reinhard Baumgart, Peter Demetz, Barbara Frischmuth, Robert Gernhardt, Ludwig Harig, Joachim Kaiser, Ruth Klüger, Günter Kunert, Peter von Matt, Doris Runge, Peter Rühmkorf, Peter Wapnewski und Gabriele Wohmann.
Über den Autor
Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. Von 1917 bis 1918 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München Naturwissenschaften, Medizin und Literatur. Sein Studium musste er allerdings bereits im Jahr 1918 unterbrechen, da er in einem Augsburger Lazarett als Sanitätssoldat eingesetzt wurde. Bereits während seines Studiums begann Brecht, Theaterstücke zu schreiben. Ab 1922 arbeitete er als Dramaturg an den Münchener Kammerspielen. Von 1924 bis 1926 war er Regisseur an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. 1933 verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete über Prag, Wien und Zürich nach Dänemark, wo er sich die nächsten fünf Jahre aufhielt. Außer Dramen schrieb Brecht auch Beiträge für mehrere Emigrantenzeitschriften in Prag, Paris und Amsterdam. 1948 kehrte er aus dem Exil nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tod als Autor und Regisseur tätig war. Der Film Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? aus dem Jahr 1931 ist in der filmedition suhrkamp erschienen.
Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Wloclawek / Polen. Sein Vater, David Reich, war ein polnischer Jude, seine Mutter, Helene eine deutsche Jüdin. Die Familie siedelte 1929 nach Berlin um. Dort besuchte er das Gymnasium. Im Herbst 1938, kurz nach dem Abitur, wurde er verhaftet und nach Polen deportiert, wo er ab 1940 im Warschauer Getto leben musste. Anfang 1943 gelang ihm zusammen mit Teofila, geborene Langnas, die er 1942 geheiratet hatte, die Flucht aus dem Getto in den Warschauer Untergrund. Seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Zunächst im Polnischen Diplomatischen Dienst tätig, fand er seine Berufung schließlich in der Literatur. Er arbeitete für Zeitungen, im Rundfunk, für einen Verlag und als Übersetzer. Als er sich 1958 in der Bundesrepublik aufhielt, kehrte er von dieser Reise nicht mehr nach Polen zurück. Er lebte von 1959 bis 1973 in Hamburg. Danach zog er nach Frankfurt am Main um, wo er bis heute lebt.
Er war für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und die Wochenzeitung Die Zeit als Literaturkritiker tätig und gehörte von 1958 bis 1967 als solcher der Gruppe 47 an. 1968 war er Gastprofessor für deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts an der Washington University in St. Louis (USA) und 1969 am Middlebury College (USA). Von 1971 bis 1975 lehrte er als ständiger Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur an den Universitäten Stockholm und Uppsala. Seit 1974 ist er Honorarprofessor an der Universität Tübingen, in den Jahren 1991/92 bekleidete er die Heinrich Heine-Gastprofessur an der Universität Düsseldorf. Nachdem er 1988 die Leitung des Literaturteils der F.A.Z. abgegeben hatte, schrieb er weiter Kritiken in verschiedenen Zeitungen und wirkte von nun an auch im Fernsehen. Von 1988 bis 2001 leitete er das Literarische Quartett des ZDF. Reich-Ranicki wurde mit zahlreichen Preisen geehrt und gilt als einer der bedeutendsten Literaturkritiker Deutschlands.
Auszeichnungen unter anderem:
Ricarda Huch-Preis (1981)
Thomas Mann-Preis (1987)
Bayerischer Fernsehpreis (1991)
Ludwig-Börne-Preis (1995)
Hessischer Kulturpreis (1999)
Goldene Kamera (2000)
Hölderlin-Preis (2000)
Goethe-Preis (2002)
Ludwig-Börne-Medaille (2010).
Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der Universitäten Uppsala (1972), Augsburg (1992), Bamberg (1992), Düsseldorf (1997), Utrecht (2001) und München (2002).