Rossellini, vielleicht der einzige Regisseur bisher, der dazu im Stande war, uns für einen Vorgang zu interessieren, obwohl er ihn objektiv auf derselben Ebene der Inszenierung beließ wie seinen Kontext. Ein Film von Rossellini, wie Bazin schon sah, erschließt sich eben völlig deduktiv aus den Bildern, nicht etwa aus der Art der visuellen Erzählung. Es gibt bei ihm kein auf den Betrachter übertragenes Unbewusste. Ein Film von Rossellini erschließt sich aus der offensichtlichen Sprache der Inszenierung und versteckt diese nicht ins Unsichtbare einer Art zu erzählen (Rhetorik), aus der der Zuschauer dann induktiv den Sinn erst noch, von jeweiligen Gefühlen getrübt, ableiten muss.
IL MESSIA war Rossellinis letzter große Film. Gedreht in Tunesien, mit einer größtmöglichen Alltäglichkeit im Augenwinkel. (Einmal etwa arbeitet Jesus als Tischler, während er eine Predigt gibt.)
Passend zu dieser vollkommenden Dedramatisierung erscheint Jesus hier auch vielmehr als vollkommender Mensch und nicht als Gott. Auch steht Maria hier etwa genauso im Zentrum wie Jesus. Sie wird nicht nur in Rossellinis Rekreation von Michelangelos Pietà zu einer Gestalt die ganz ihre eigene Geschichte erfordert. Durch den ganzen Film hindurch rückt auch die jüdische Geschichte als eigenständige in den Blickpunkt und das dringende Bedürfnis der Juden sich von der Vormachtschaft der Römer zu befreien wird vollständig nachvollziehbar. Ja, wir teilen ihre Angst ganz als Rasse ausgelöscht zu werden. Insofern kann man sagen, dies ist der einzige Film über diese biblischen Ereignisse bisher, der auch der komplexen Rolle der jüdischen Geschichte gerecht wird.
Der fertige Film kam dann in vielen Ländern, unter anderem in den USA, nie in die Kinos.
Ein Reporter fragte einmal Rossellini, am Set in Tunesien: "Was bedeutet es eigentlich, sie wollen lieber nützlich sein, als Künstler?", worauf dieser antwortete: "Mir ist das wichtig, die Kunst ist eine Art Mythologie geworden, sie schwebt irgendwo über der realen Welt, das finde ich furchtbar. Wenn ich nur fünf Minuten diesen Ehrgeiz hätte, würde ich mich in Grund und Boden schämen."
Worauf der Reporter nachsetzte: "Wem nützt es eigentlich solche Filme wie ihre zu machen?"
"Mir zuerst," war die Antwort, "damit ich etwas dazu lerne, und dann wird man wie eine Biene, die mit ihrem Wissen die anderen befruchtet. Das lässt mich kalt, der Erfolg, was mich auffrisst ist der Wissensdrang. Meine Neugier ist geradezu morbide. Aber ich bin umgeben mit Menschen, denen ich in innigster Zärtlichkeit verbunden bin. Das Bereitsein zu leiden macht das Glück des Menschen aus."
Später fragte der Reporter noch: "Ist der Beruf Mann zu sein nicht sehr schwierig?"
"Ja," sagte Rossellini, " weil die Gesellschaft einen nicht verpflichtet ihn zu lernen. Der Beruf Mann zu sein kümmert die Gesellschaft nicht, und er ist der einzige, den man lernen sollte. Wer sich diesem Abenteuer aussetzt, dem passieren die wunderbarsten Dinge. Man beginnt immer mit einer Dummheit."