Diese Aufnahme liegt genau zwischen den Interpretationen von John Eliot Gardiner und William Christie: Nicht ganz so radikal und dramatisch zugespitzt wie Gardiner, dafür mit einem einheitlicheren Sänger-Ensemble; nicht so brillant und virtuos wie Christie, dafür erheblich ausdrucksvoller:
Trevor Pinnock interpretiert den "Messiah" als englisches Pendant zu den großen Bach-Oratorien, ernsthaft, doch nicht steif, temperamentvoll, doch nicht gehetzt, dazu ausgesprochen natürlich im Ausdruck. Dazu ein ausgezeichnetes Orchester und ein großartiger Chor, der klar, verständlich und mit großer dynamischer Bandbreite singt - typisch englische Chortradition.
Die Sänger sind ausgezeichnet bis großartig: Insbesondere die viel zu früh verstorbene Arleen Auger singt mit großem Stilgefühl, Charme und Innigkeit.
Anne Sofie von Otter stattet die Altpartie mit großer Würde aus, technisch ist sie Auger mindestens ebenbürtig - besser kann man diese Musik nicht singen.
Michael Chance zeigt hier eine seiner besten Leistungen überhaupt, ohne die bei ihm sonst häufigen Intonationsprobleme und den bei einem Altus sonst fast immer zu findenden jammernden Ton.
Der Tenor Howard Crook kommt zwar nicht an Interpreten wie Rolfe-Johnson oder Haefliger heran, dafür ist seine Stimme nicht groß genug und auch zu körnig im Timbre, er bewältigt aber die technisch schwierige Partie ausgezeichnet.
John Tomlinson schließlich singt mit sehr großer und eindrucksvoller Stimme, die zum Ausdruck seiner beiden Arien gut paßt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Aufnahme einen vielleicht nicht atemlos vor Bewunderung zurücklässt, dafür aber aus einem Guss und großartig musiziert ist. Mit dieser Aufnahme kann man vorbehaltlos glücklich werden. Wenn also nur ein Messias, dann dieser!