Schwierig, schwierig: Also, ich mag Marek Halters Themen und Geschichten. Ich finde ihn, seit ich ihn bei einer Lesung erlebt habe, auch als Mensch bärig-sympathisch. Ich lese seine Bücher gerne und habe mich schon lange auf die Übersetzung von "Le vent des Khazars" gefreut. Aber er und sein deutscher Verlag machen es einem wahrlich nicht leicht!
Der Aufbau des Buches ist gewöhnungsbedürftig. Zwei Geschichten werden parallel und abwechselnd erzählt: eine spielt im 10.Jh., also kurz vor dem Niedergang der Chasaren, die andere im Jahre 2000 in Europa und im Kaukasus. Da die Kapitel jeweils relativ kurz sind, hatte ich Probleme, in den Lesefluss der jeweiligen Geschichte zu kommen und habe deshalb nach kurzer Zeit getrickst, d.h. zuerst die zeitgenössischen Kapitel hintereinander weg gelesen und danach die chasarische Geschichte. Das hat mir geholfen, in die einzelnen Figuren hineinzufinden, auch wenn Halter (hoffentlich) nicht ohne Grund das Buch so strukturiert hat.
Die Vermischung zwischen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Interessen fand ich wieder sehr interessant, auch das Setting im Kaukasus, den ich ein bisschen kenne, war reizvoll, und gegen das pädagogische Anliegen Halters, durch seine Bücher seinen Lesern bestimmte Sachthemen näherzubringen, in diesem Fall die Geschichte des zum Judentum konvertierten Turkvolkes der Chasaren, ist auch nichts einzuwenden. Leider berichtet er aber dann nur die allergängigsten Fakten und Thesen und ein schon "vorgebildeter" Leser erfährt nicht viel Neues. Die zeitgenössische Geschichte hätte doppelt so lang sein können - auch um glaubwürdiger und realistischer zu wirken. So aber kam mir das Tempo ein bisschen zu rasant vor, und bevor man sich an die fiktive Existenz der Höhle gewöhnt hatte, war schon wieder alles zu Ende.
Der super unpassende Titel der deutschen Ausgabe (frz. "Der Wind der Chasaren"), der auf simpelste Art und Weise wohl an die Dan Brown-Welle anknüpfen soll (gegen die ich rein gar nichts habe), sowie die genau wie in Halters Buch "Die Geheimnisse von Jerusalem" zuhauf vorkommenden Fehler machen den sorgfältigen Leser immer wieder ärgerlich. Einige Beispiele:
Tefillim statt korrekt Tefillin (jüdische Gebetsriemen)
Mikwari statt korrekt Mtkwari (Fluss in Georgien)
Askenasen statt Aschkenasen (osteuropäische Juden)
u.v.m.
Und zu guter Letzt, auch wenn das penibel erscheinen mag, ist im Deutschen die Schreibweise "Chasaren" allgemein gebräuchlicher als "Khasaren", ebenso wie "Kagan" und "Beg" statt "Khagan" und "Beck" (letzteres ist komplett falsch). Es reicht schon ein Blick in Wikipedia, um das festzustellen, da braucht man die Fachliteratur gar nicht studieren... Hier hat das Lektorat des Aufbau Verlages wiedermal völlig versagt, wie schon bei der Übersetzung des letzten Buches, und es ist schade drum.