"Die Genialität des Bewusstseins beruht nicht auf die Information,
die es enthält, sondern auf der, die es nicht enthält.
Das Bewusstsein ist genial, weil es weiß, was wichtig ist."
(Tor Nørretranders, Wer ist Ich? / Spiegel 1996)
Max Frisch (1911-1991) weiß, dass das Ende dazu führt, Zeit zu haben. Herr Geiser hat Zeit. Sein Leben und seine Umgebung sind eingestürzt, wackelig, unwirklich, aber lexikalisch. Ein Fragment. Alles, was ist, lässt sich auch am Ende in einem Lexikon finden. Doch die Fragen der Gegenwart, die eigentlich erinnerte Vergangenheit sind, entgleiten zusehends und machen reale Gegenwart fragenlos, "ohne Gedächtnis kein Wissen". Keine Fragen, deren wirkliche Antworten in Lexika stehen, deren Nutzung am Nicht-Fragen-Können scheitert. Das Unsagbare ist das Weiße zwischen den Worten, von den Worten umzingelt, die wie ein Meißel alles weg hauen, was nicht Geheimnis ist. Was Wort ist, fällt einer Leere anheim. (vgl. Tagebuch 1946-1949)
Allein, Witwer, der Natur entfernt und doch ihr nah, um in ihr zu vergehen. Sprache, die trifft, unmittelbar, direkt und anziehend. Geiser sitzt vor einem, in Geiser schlüpft der Leser hinein und gewinnt die Perspektive der Ausweglosigkeit, des Endes. Geiser kann die Auseinandersetzung des Endes, sofern es als Wahrnehmung überhaupt schon präsent ist, nicht für eine positive Betrachtung des gelebten Lebens nutzen. Von sich in der dritten Person zu reden, distanziert vom Ich. Die Suche bleibt. Herr Geiser sucht.... "Es bleibt nichts als Lesen", keine Romane, da diese zu nah an Beziehungen zwischen Menschen kleben, an Gesellschaft und Teilhabe, um Seelen, unglückliche.... "Ob es Gott gibt, wenn es kein Hirn mehr gibt ...?" Geiser ist am Südpol mit Scott, er sieht Farben im Gartenbuch und weiß um Island, wo er mal war. Den Goldnen Schnitt konstruiert er nach Anleitung, gelesen im Lexikon, seine Gartenbeete waren wie der Goldene Schnitt.
Frisch nimmt das Gelesene als Kopie oder Schnipsel fragmentarisch und zur Unterstreichung zumindest dieser Authentizität mit in den Text. Der Leser liest mit den Augen von Geiser, ihn überfällt gar die neurotische Entsagung, kein Lesen mehr, alles ohne Leben, nur noch virtuell am PC, Lesen und Schreiben in Amazonien. "Man ist nicht am Ende der Welt!" Man verblödet - Keine Ahnung, was in der Welt geschieht. "Es bleibt nichts als Lesen".
Sie spüren vielleicht die D(r)inglichkeit des Lebens, das nur noch Beschreibende ohne Erleben, diese Gedankenfetzen, wahllos aneinander gereiht, weil in der schwindenden Erinnerung jedweder Zusammenhang abstirbt. Es ist der Mensch, auf der Suche nach seiner Identität im Verlust derselben. Dazu weiß auch das Lexikon nichts, "offenbar fallen Hirnzellen aus. Das ist aber nicht heute gewesen. K. ist in Bagdad begraben." Wie Erich Fried: "Ich will mich erinnern, dass ich nicht vergessen will, denn ich will ich sein" kämpft Geiser gegen das Vergessen.
Der Mensch erscheint, er wird zu einer Erscheinung im Holozän, eine Erscheinung der Gegenwart. Der Mensch bildet sich erneut. Frisch' Parabel ist aktuell. Das bleibt im Gedächtnis. Das völlig Neue, der Holozän - in "einem Zeitalter, dass so viel liest, dass es keine Zeit hat zu bewundern, und so viel schreibt, dass es keine Zeit hat zu denken" (Oscar Wilde). Bei allem was zum Abgesang gehört: "Wissen beruhigt!" ... eine unauslotbare Bedeutung ... im völlig Neuen.
Max Frisch schafft mit seiner Erzählkunst der emotionalen Unterkühlung - geschickt durch strukturelle Einfachheit und durch nur dokumentierte nach außen gewandte Wahrheits-Scheinlichkeit initiiert - eine aufdringliche menschliche Leere, die im Erkennen der Tiefe des Nichts zu einem Emotion-Tsunami anwächst, der vom horror vacui angezogen zur kontingenten Neuorientierung des Menschen führt. Eine wahrhaft erzählerische Meisterleistung.
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