Wie umschreibt man ein Werk, das so herausragend und sonderbar ist, daß es in der gesamten Weltliteratur nicht seinesgleichen hat, und vermutlich niemals haben wird?
Zunächst einmal die obligatorischen Superlativen: Meister und Margarita, Bulgakows letzter Roman und zugleich Vermächtnis an die Nachwelt ist eines dieser Werke, von dem man sich zunächst keine genaue Vorstellung machen kann, ehe man es nicht selbst gelesen hat. Während der Lektüre gerät man von der ersten Seite an in einen Zustand des Erstaunenes, der bis zum fulminanten Ende hin anhält. Hinterher dann wird man noch lange brauchen, um alles Gelesene, alles "Erlebte" zu verarbeiten und einzuordnen, nicht zuletzt ist eine erneute Lektüre fast schon unablässlich - fest steht jedoch: die Geschichte vom Meister und seiner Liebe zu Margarita, Voland und seinem Gefolge, dem jungen Literaten Iwan und nicht zuletzt Pontius Pilatus und Jesus wird einen nie wieder loslassen.
Was es so einzigartig macht, ist schwer zu erklären, und so abgedroschen es auch klingen mag: man muss es selbst gelesen haben um all die euphorischen, aber keineswegs übertriebenen Rezensionen nachvollziehen zu können. Ich möchte es trotzdem versuchen und auf die wesentlichen Aspekte eingehen.
Eine an und für sich simple Grundidee (der Teufel zu Besuch in Moskau) genügt Bulgakow, um einen Sturm phantastischer Ideen zu entfesseln. Ähnlich wie in seinen Kurzgeschichten und Erzählungen gelingt es ihm, aus nur einem kuriosem Umstand heraus eine mitreißende und irrwitzige Geschichte zu entwickeln. Voland und sein Gefolge mischen Moskau, seine Bürger und das unüberschaubare Wirrwarr aus Bürokratie und Staat auf. Bei vielen dieser Szenen habe ich mitunter Tränen gelacht, so grandios sind die Satire und Situationskomik, ganz im Stile Gogols. Hier läuft der Autor zur Höchstform auf, und ebenso wie Voland entlarvt er die bizarren Zustände im Russland der damaligen Zeit.
Der Roman im Roman ist keine völlig neue Erscheinung, hier aber verkommt sie nicht zum reinen Selbstzweck, hier ist sie ein wesentlicher Bestandteil, beide Geschichten treiben einander voran und erleichtern das Verständnis. Vor allem die Art und Weise, wie die beiden zunächst völlig unterschiedlichen Handlungen miteinander verwoben werden, ist genial gelungen. Hiermit gibt sich der Autor jedoch noch nicht zufrieden, Personen und Schauplätze wechseln ständig, der Roman ist polyphon aufgebaut, die Erzählweise modern, das Tempo hoch - dem Leser wird kaum eine Verschnaufpause gegönnt, aber er wird vom Autor auch nicht im Stich gelassen. Konsequent führt er nach und nach alle Handlungsstränge zusammen und löst das anfangs verwirrende Geflecht überzeugend auf.
Hinter dem scheinbar satirischen Roman verbirgt sich viel philosophisches Gedankengut, ganz in der Tradition von Dostojewski geht es auch um die ewigen Fragen, die die Menschheit bis heute beschäftigen: um die Rolle von Gut und Böse in der Welt, um Erlösung und Auferstehung, um Liebe und Unsterblichkeit.
Nicht zuletzt die Liebesgeschichte zwischen dem Meister und Margarita, die einzigen Menschen in ganz Moskau, die sich nicht korrumpieren und verführen lassen, denen der Teufel nichts anzuhaben vermag. Immer rührend, niemals kitschig, erzählt Bulgakow von einer wahrlich unsterblichen Liebe, die alles zu überwinden vermag.
Auch heute noch, viele Jahre nach der Erstlektüre und hunderter gelesener Bücher später steht "Meister und Margarita" unerschütterlich an der Spitze meiner Lieblingsromane. Ein spannender Abenteuerroman, eine urkomische Satire, eine bissige Kritik an den damaligen Zuständen und einige prophetische Aussagen, die sich heute allesamt bewahrheitet haben; eine zeitlose philosophische Abhandlung über Gut und Böse, eine bewegende Liebesgeschichte, all dies und mehr vereint in einem einzigen Roman. Bulgakow ist gelungen, wonach viele Autoren vergeblich streben - ein großer Streich.