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Der Meister und Margarita
 
 
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Der Meister und Margarita [Taschenbuch]

Michail Bulgakow , Thomas Reschke
4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (75 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Der Spiegel

Ein literarischer Wolf
Als „Der Meister und Margarita“ 1966/67 in der Sowjetunion von der Literaturzeitschrift „Moskwa“ in zwei Ausgaben veröffentlicht wurde, war die Sensation im In- und Ausland perfekt. Denn obwohl die Erstpublikation von der Zensur verstümmelt war, ließ die Lektüre des international sofort übersetzten Buchs keinen Zweifel: Was da wie eine poetische Flaschenpost scheinbar aus dem Nichts auftauchte, enthielt große russische Literatur in der Tradition von Fjodor Dostojewski und Nikolai Gogol.

Der Autor Michail Bulgakow war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Vierteljahrhundert tot. Zu Lebzeiten (1891–1940) war er in schweren Konflikt mit den Machthabern geraten. Wo das Kollektiv und die strikte Parteidisziplin zur Staatsdoktrin wurden, bekannte er sich zum Individuum und zum persönlichen Gewissen. Schon in seiner makellosen, ja aristokratisch anmutenden äußeren Erscheinung verkörperte Bulgakow das Gegenbild der uniformen bolschewistischen Propaganda. Das Regime quittierte seine literarische Unbeugsamkeit mit einer Hetzkampagne. Im Jahr 1930 bilanzierte Bulgakow das sowjetische Presseecho auf sein Werk – von insgesamt 301 Artikeln beschimpften ihn 298. Im Mai 1931 wandte er sich in seiner Verzweiflung mit der Bitte um die Ausreisegenehmigung in einem tollkühnen Brief direkt an Stalin: „Auf dem weiten Feld der Lite¬ratur war ich in der UdSSR der einzige literarische Wolf. Man gab mir den Rat, mir den Pelz zu färben. Ein törichter Rat. Ob gefärbt oder geschoren – ein Wolf wird nie wie ein Pudel aussehen.“ Vergebens wartete der Schriftsteller auf eine Antwort.

Nur die physische Vernichtung ersparte ihm der Tyrann, der mit einer zynischen Art von sportivem Respekt auf die kompromisslose Gradlinigkeit dieses Autors reagierte: „Bulgakow geht richtig ran! Der bürstet gegen den Strich!“, soll der Kremlherr über den literarischen Outlaw gesagt haben. Er befahl, Bulgakow durch die Arbeit an Moskauer Theatern eine Existenz zu ermöglichen. Von einem Publikationsverbot eingeschnürt und von Angstattacken heimgesucht, widmete der Schriftsteller die Jahre, die ihm bis zu seinem frühen Tod infolge eines schweren Nierenleidens blieben, vor allem der Arbeit an seinem phantastischen Hauptwerk „Der Meister und Margarita“.

An einem schönen Frühlingstag erscheint mitten in Moskau ein höchst sonderbarer Herr mit einem schwarzen und einem grünen Auge und einem Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Er schaltet sich in das Gespräch ein, das ein sowjetischer Redakteur mit einem Poeten über dessen Auftragsarbeit führt – ein atheistisches Gedicht über Jesus. Der Fremde tritt als ausländischer Konsultant und Spezialist für Schwarze Magie auf und gibt sich zugleich als Zeitgenosse mal von Kant, mal von Pilatus aus. Er nennt sich Voland wie Goethes Mephisto in der Walpurgisnachtszene des „Faust“. Diesem Werk entstammt auch Bulgakows Romanmotto, das die Befreiung antizipiert, die in der diabolischen Verneinung sowjetischer Jasagerei liegt: „Nun gut, wer bist du denn? – Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

Der Leibhaftige mischt das kommunistische Moskau auf – zusammen mit zwei Gefolgsleuten, die sich wie er selbst allzeit in Luft auflösen können und deren einer gern die Form eines unförmigen schwarzen Katers annimmt, „riesengroß wie ein Eber“.

Die phantastische Erzählweise hat Bulgakow von seinem großen Landsmann Nikolai Gogol gelernt. Der hatte einst in den berühmten Erzählungen „Die Nase“ und „Der Mantel“ mit dem realistischen Duktus des Chronisten von der grotesken Verselbständigung und Vermenschlichung eines Riechorgans und eines Kleidungsstücks erzählt.

Voland prophezeit dem linientreuen Sowjetredakteur die bevorstehende Enthauptung – kurz darauf wird dem bei einem Bahnunfall der Kopf vom Rumpf getrennt. Die Miliz macht mit Maschinengewehren Jagd auf den vermeintlichen Hypnotiseur und Spion samt seinem unheimlichen Gefolge. Mit solchen Mitteln ist der teuflischen Bagage freilich nicht beizukommen. Die hinreißende Komik der Ereignisse gipfelt in einer Varieté-Veranstaltung des „Schwarzen Magiers“ Voland. Bei der wird einerseits die Doppelmoral der Apparatschiks vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Andererseits erweist sich, dass auch das gewöhnliche Moskauer Publikum keineswegs aus „Neuen Menschen“ besteht: Der Magier lässt Rubelscheine regnen, und geldgierig wie eh und je stürzen sich die Leute darauf. Doch alsbald müssen sie entdecken, dass sich der unverhoffte Reichtum in Papierschnitzel, Flaschenetiketten oder gar – ein Fall für die Miliz – in streng verbotene Dollarscheine verwandelt hat.

Der anarchisch-subversive Humor charakterisiert nur eine der Handlungsebenen des vielschichtigen Romans. Eine zweite ist die Jesus-Geschichte, die Bulgakow parallel zur Teufelsgeschichte neu und eigenwillig erzählt. Der fiktive Urheber des Jesusromans im Roman ist ein geheimnisvoller, offiziell verpönter, im Moskauer Irrenhaus internierter „Meister“, dem nur die Geliebte Margarita zur Seite steht – die dritte, titelstiftende Ebene. In diesem Paar hat Michail Bulgakow sich selbst und seine dritte Ehefrau Jelena Sergejewna porträtiert, die ihm bis zuletzt die Treue hielt.

Für die Jesus-Geschichte, die im Jerusalem des Pontius Pilatus zur Zeit der Kreuzigung spielt, hat der Autor die einschlägige historische Forschung studiert und benutzt – eine umfangreiche Sekundärliteratur hat das nachgewiesen. Dem Autor geht es nicht um den theologischen Kern des Evangeliums vom Gottessohn; eine Auferstehung findet in der Jesus-Version des „Meisters“ darum ausdrücklich nicht statt.

Für den russischen Schriftsteller ist der historische Jesus ein außergewöhnlicher Mensch: Als Urbild eines unerschütterlichen Gewissens hat er eine völlig neue Vorstellung von Humanität in die Welt gebracht. In der vom „Meister“ verfremdeten Passionsgeschichte behandelt Bulgakow in verschlüsselter Form das, was in der Moskauer Teufelsgeschichte ausgespart bleibt: die Mechanismen von politischer Herrschaft, Terror und Geheimpolizei. Der Roman-Jesus sagt als Gefangener zum römischen Statthalter Pilatus, „dass von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe und dass eine Zeit kommen werde, in der kein Kaiser noch sonst jemand die Macht hat. Der Mensch wird eingehen in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit, wo es keiner Macht mehr bedarf.“ So ist Bulgakows Jesus als Modell des verfemten und unbeugsamen Schriftstellers verstanden worden. Und kein Geringerer als Gabriel García Márquez hat den phantastischen Teufels- und Jesusroman, in dem Satire und Mystik, Autobiographie und Geschichte einander auf so einzigartige Weise ergänzen, zur bedeutendsten Erscheinung in der Literatur des 20. Jahrhunderts erklärt.
Nachwort von Rainer Traub zu Der Meister und Margarita. SPIEGEL-Edition Band 29 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Der Meister und Margarita
OT Master i Margarita OA 1966 DE 1968Form Roman Epoche Moderne
Das vielschichtige Hauptwerk von Michail Bulgakow vereint mehrere Genremerkmale, Stilhaltungen und Problemstellungen. Es ist nicht nur eine fantastische Abenteuergeschichte und beißende Zeitsatire, sondern auch eine philosophische Parabel über das Wesen von Gut und Böse, über menschliche Schwächen, demoralisierende Auswirkungen von Unfreiheit und Unterdrückung, die Macht der Kunst und die Ohnmacht des Künstlers. Zentrales Thema ist die Entlarvung der Lüge in der Kunst wie im Leben.
Entstehung: Bulgakow begann 1929 mit der Arbeit an dem Roman und vernichtete 1930 eine erste Fassung. Letzte Korrekturen diktierte er, todkrank und erblindet, auf dem Sterbebett. Der Roman konnte erst Jahrzehnte später publiziert werden; er erschien 1966 in der Zeitschrift Moskva mit willkürlichen Kürzungen der Redaktion. Nach vollständiger Publikation 1966 im Ausland erschien die erste ungekürzte sowjetische Ausgabe 1973.
Inhalt: Ende der 1920er Jahre taucht während der Karwoche in Moskau der Satan Voland mit Gefolge auf, um Freitagnacht seinen alljährlichen Ball zu geben. Einige Tage lang wird Mos-kau vom Teufelsspuk heimgesucht. Den Menschen, die mit Volands Gefolge in Berührung kommen, wird übel mitgespielt – doch sie verdienen es nicht anders, denn sie sind fast allesamt verlogen, geldgierig und anmaßend. Eine Ausnahme bilden der namenlose Meister, der geniale Autor eines Pilatus-Romans, und seine Geliebte Margarita. Sie verloren einander aus den Augen, als der Meister, dessen Roman von Literaturfunktionären als konterrevolutionär eingestuft und für den Druck abgelehnt wurde, einen Nervenzusammenbruch erlitt, das Manuskript verbrannte und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde. In der Hoffnung, etwas über ihren Geliebten zu erfahren, ist Margarita bereit, die Gastgeberin auf dem Ball beim Satan zu spielen. Als Lohn für ihren selbstlosen Einsatz wird sie wieder mit dem Meister zusammengeführt; sein Roman wird vor dem Vergessenwerden gerettet.
Aufbau: Die Handlung des Romans spielt sich in drei unterschiedlichen Welten ab. Die erste ist die reale Welt der Moskauer Gegenwart. In zahlreichen temporeichen und aberwitzigen Episoden zeichnet Bulgakow ein satirisches Porträt der durch ideologische Gängelung verrohten und demoralisierten sowjetischen Gesellschaft; sein besonderes Augenmerk gilt den unbegabt-opportunistischen Vertretern des offiziösen Literaturbetriebs. Die zweite ist die überzeitliche Parallelwelt des Übersinnlichen und Jenseitigen. Dort tummeln sich Voland und sein Gefolge, Hexen, Vampire und die zum Leben erweckten Besucher des Satansballs – Giftmischer, Massenmörder und sonstige Großverbrecher. Die dritte schließlich ist die vergangene Welt des alten Jerusalem – der Handlungsort des vom Meister verfassten Passions-Romans über Pilatus und Jeschua han-Nasri, der als Roman im Roman eingeschoben ist. Alle drei Welten sind miteinander durch ein komplexes Netz gemeinsamer Motive, paralleler Figuren und Handlungsmomente verknüpft. So korrespondiert beispielsweise die Gestalt Jeschua han-Nasris mit der Gestalt des Meisters, die wiederum autobiografische Züge des realen Romanautors Bulgakow trägt.
Wirkung: Übersetzungen in mehrere Weltsprachen, zahlreiche Werkanalysen, Bühnenfassungen und Verfilmungen zeugen von der künstlerischen Kraft des Romans und von der von ihm ausgehenden Faszination. M. Sch.

Kurzbeschreibung

Unglaubliche Dinge geschehen im Moskau der dreißiger Jahre. Berlioz, der Vorsitzende einer Literaturgesellschaft, und Besdomny, ein junger Lyriker, diskutieren an einem Frühlingsabend über die Nichtexistenz Christi. In ihr Gespräch mischt sich ein Fremder, ein Ausländer offenbar, der beiläufig erwähnt, daß er nicht nur mit Kant gefrühstückt habe, sondern auch beim zweiten Verhör Jesu durch Pontius Pilatus zugegen gewesen sei. Die Verblüffung der beiden kennt keine Grenzen, als der Fremde ihnen zudem eröffnet, daß Berlioz noch am selben Abend der Kopf vom Rumpf getrennt würde. Und seine Worte bewahrheiten sich . . .

Klappentext

"Dieses Buch ist wie ein Rausch"
Die Weltwoche

"Kein bitteres Buch, sondern eines voll wilder Lebenslust!"
Neuen Deutschland -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Michail Bulgakow wurde 1891 in Kiew geboren und starb 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden. Seine bedeutendsten Werke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden.
Sein berühmtestes Werk: 'Der Meister und Margarita'.

Auszug aus Der Meister und Margarita. von Michail Bulgakow, Ralf Schröder, Thomas Reschke. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sprechen Sie nie mit Unbekannten

An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteichboulevard zwei Männer. Der eine, etwa vierzig Jahre alt, trug einen mausgrauen Sommeranzug, war von kleinem Wuchs, dunkelhaarig, wohlgenährt und hatte eine Glatze; seinen gediegenen Hut, der wie ein Brötchen aussah, hielt er in der Hand, und das glattrasierte Gesicht war mit einer überdimensionalen schwarzen Hornbrille geschmückt. Der andere, ein breitschultriger junger Mann mit wirbligem rötlichem Haar, hatte die gewürfelte Sportmütze in den Nacken geschoben und trug ein kariertes Hemd, zerknautschte weiße Hosen und schwarze Turnschuhe.
Der erste war niemand anders als Michail Alexandrowitsch Berlioz, Chefredakteur einer dickleibigen Literaturzeitschrift und Vorsitzender einer der größten Moskauer Literatenassoziationen, abgekürzt MASSOLIT; sein junger Begleiter war der Lyriker Iwan Nikolajewitsch Ponyrew, der unter dem Pseudonym »Besdomny« schrieb.
Nachdem die beiden Schriftsteller den Schatten der grünknospenden Linden erreicht hatten, stürzten sie sich als erstes auf ein buntgestrichenes Büdchen mit der Aufschrift »Bier und div. Mineralwasser«.
Es ist nun an der Zeit, die erste Merkwürdigkeit dieses entsetzlichen Maiabends zu erwähnen. Nicht nur bei dem Büdchen, nein, in der ganzen Allee, die parallel zur Kleinen Bronnaja-Straße lief, war keine Menschenseele zu sehen. In einer Stunde, in der wohl keiner mehr die drückende Luft atmen mochte und die Sonne, nachdem sie Moskau durchgeglüht hatte, im trockenen Dunst irgendwo hinterm Sadowoje-Ring wegsackte, kam niemand unter die Linden, saß niemand auf den Bänken, und die Allee war menschenleer.
»Narsan bitte«, sagte Berlioz.
»Ham wir nicht«, antwortete die Frau im Büdchen und war komischerweise beleidigt.
»Haben Sie Bier?« fragte Besdomny heiser.
»Bier kommt erst noch«, antwortete die Frau.
»Was haben Sie denn da?« fragte Berlioz.
»Aprikosenlimonade, aber die ist warm«, sagte die Frau.
»Na los, geben Sie her, geben Sie her!«
Die Aprikosenlimonade warf reichlichen gelben Schaum, und in der Luft verbreitete sich Friseurladengeruch. Als die beiden Schriftsteller ausgetrunken hatten, bekamen sie den Schluckauf; sie zahlten und setzten sich auf eine Bank, das Gesicht dem Teich, den Rücken der Kleinen Bronnaja-Straße zugekehrt.
In diesem Moment ereignete sich die zweite Merkwürdigkeit; sie betraf jedoch nur Berlioz. Er hörte plötzlich auf zu schlucken, sein Herz hämmerte und verschwand für einen Moment, dann kehrte es zurück, doch steckte jetzt eine stumpfe Nadel darin. Überdies wurde er von einer grundlosen, aber so heftigen Angst gepackt, daß er am liebsten Hals über Kopf davongelaufen wäre.
Wehmütig schaute er hinter sich und begriff nicht, was ihn ängstigte. Er erblaßte, wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn und dachte: Was hab ich bloß? So was kenne ich doch gar nicht. Das Herz macht Dummheiten ... Ich bin überarbeitet. Vielleicht sollte ich alles stehn- und liegenlassen und nach Kislowodsk abhauen ...
Da plötzlich gerann vor seinen Augen die glühendheiße Luft zu einem durchsichtigen Mann von sehr merkwürdigem Aussehen. Auf dem kleinen Kopf saß eine Jockeymütze, und er trug ein fipsiges, luftiges kariertes Jäckchen. Er war über zwei Meter groß, aber schmal in den Schultern, unsäglich mager, und seine Visage, wohlbemerkt, grinste fies.
Berlioz' Leben war bislang so verlaufen, daß er absonderliche Erscheinungen nicht gewohnt war. Er wurde noch käsiger, riß die Augen weit auf und dachte bestürzt: Das kann doch nicht wahr sein!
Doch o weh, es stimmte, und der lange Kerl, durch den man hindurchsehen konnte, wiegte sich, über der Erde schwebend, vor ihm hin und her.
Da ergriff das Entsetzen Berlioz dermaßen, daß er die Augen zukniff. Als er sie wieder öffnete, war alles vorbei - das Dunstbild war zerflattert, der Karierte verschwunden und die stumpfe Nadel aus dem Herzen gesprungen.
»Den Deibel auch!« rief der Redakteur aus. »Weißt du, Iwan, ich hätte doch eben beinah den Hitzschlag gekriegt! Sogar eine Art Halluzination hab ich gehabt ...« Er versuchte ein Lachen, aber in seinen Augen flirrte noch die Unruhe, und seine Hände flatterten. Allmählich aber beruhigte er sich, wedelte sich mit dem Taschentuch Kühlung zu, sagte ziemlich munter: »Also weiter ...« und setzte seine Ausführungen fort, die von der Aprikosenlimonade unterbrochen worden waren.
Die Ausführungen drehten sich, wie man später erfuhr, um Jesus Christus. Die Sache war die, daß der Redakteur bei dem Lyriker für die nächste Nummer seines Journals ein großes antireligiöses Poem bestellt hatte. Besdomny hatte das Poem verfertigt, und das in sehr kurzer Zeit, doch bedauerlicherweise stellte es den Redakteur in keiner Weise zufrieden. Der Lyriker hatte die Hauptperson, Jesus also, in sehr schwarzen Farben gemalt, doch nichtsdestoweniger mußte nach Meinung des Redakteurs das Poem völlig neu geschrieben werden. Jetzt hielt er dem Poeten eine Art Vorlesung über Jesus, um ihm seinen Grundfehler zu verdeutlichen.
Schwer zu sagen, was Besdomny in die Irre geführt hatte, die Gestaltungskraft seines Talents oder seine völlige Unkenntnis des Stoffs, über den er schrieb, jedenfalls war Jesus bei ihm sehr lebendig geraten, wenn auch alles andere als sympathisch.
Berlioz wollte nun dem Lyriker beweisen, daß es gar nicht darum ging, ob Jesus schlecht oder gut gewesen sei, sondern darum, daß er als Persönlichkeit nie existiert hatte und daß alle Erzählungen über ihn schlicht Erfindungen, gewöhnliche Mythen seien.
Es sei eingeflochten, daß der Redakteur ein belesener Mann war und in seinen Ausführungen sehr geschickt auf antike Chronisten verwies, wie zum Beispiel den berühmten Philo von Alexandrien und den glänzend gebildeten Josephus Flavius, die beide die Existenz Jesu mit keinem Wort erwähnt hätten. Solide Gelehrsamkeit bekundend, teilte er dem Lyriker unter anderm mit, daß die Stelle im fünfzehnten Buch, 44. Kapitel der berühmten »Annalen« von Tacitus, wo von der Hinrichtung Jesu die Rede ist, nichts anderes sei als eine viel später eingeschobene Fälschung.
Der Lyriker, dem all das neu war, hörte Berlioz aufmerksam zu und blickte ihn dabei mit seinen flinken grünen Augen an; nur ab und zu, wenn ihn der Schluckauf beutelte, schmähte er flüsternd die Aprikosenlimonade.
»Es gibt keine einzige östliche Religion«, sagte Berlioz, »in der nicht eine unbefleckte Jungfrau einen Gott zur Welt gebracht hätte. Die Christen haben sich gar nichts Neues ausgedacht, sondern ihren Jesus, der in Wirklichkeit nie gelebt hat, genauso geschaffen. In dieser Richtung mußt du den Hauptstoß führen.« Berlioz' hoher Tenor schallte durch die leere Allee, und je weiter er in das Gestrüpp eindrang, in das nur ein vorzüglich gebildeter Mensch eindringen kann, ohne sich den Hals zu brechen, desto mehr Reizvolles und Nützliches erfuhr der Lyriker über den ägyptischen Osiris, gnädigen Gott und Sohn Himmels und der Erden, und über den phönizischen Gott Tammus und über Marduk und sogar über den weniger bekannten drohenden Gott Huitzilopochtli, den die alten Azteken in Mexiko einstmals sehr verehrt hätten.
Und als Berlioz dem Lyriker eben erzählte, die Azteken hätten Huitzilopochtli-Figürchen aus Teig geformt, da erschien in der Allee auf einmal ein Mann.
In der Folgezeit, als es, offen gestanden, längst zu spät war, legten verschiedene Behörden Berichte mit einer Beschreibung dieses Mannes vor. Ein Vergleich der Berichte bringt Erstaunliches zutage. So heißt es in dem einen Bericht, der Mann sei klein, habe Goldzähne und lahme auf dem rechten Fuß. Ein anderer Bericht besagt, der Mann sei riesengroß, habe Platinkronen und lahme auf dem linken Fuß. Ein dritter teilt lakonisch mit, der Mann habe keine besonderen Kennzeichen.
Es sei zugegeben, daß die Berichte samt und sonders nichts taugen.
Vor allem eines: Der Beschriebene lahmte überhaupt nicht und war weder klein noch riesig, sondern einfach groß. Was seine Zähne betrifft, so trug er links Platinkronen und rechts Goldkronen. Bekleidet war er mit einem teuren grauen Anzug und dazu passenden ausländischen Schuhen. Die graue Baskenmütze hatte er flott aufs Ohr geschoben, und unterm Arm trug er einen Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Dem Aussehen nach war er etwas über vierzig. Der Mund war leicht schief. Das Gesicht glattrasiert. Brünett. Das rechte Auge war schwarz, das linke aber grün. Die Brauen waren schwarz, doch saß die eine etwas höher als die andere.
Kurzum - ein Ausländer.
Als er an der Bank vorbeiging, auf der der Redakteur und der Lyriker saßen, warf er ihnen einen Seitenblick zu, blieb dann zwei Schritt weiter plötzlich stehen und setzte sich auf die Nachbarbank.
Ein Deutscher, dachte Berlioz.
Ein Engländer, dachte Besdomny, du lieber Gott, daß er nicht schwitzt mit den Handschuhen!
Der Ausländer ließ den Blick über die hohen Häuser gleiten, die den Teich quadratisch säumten, und es war zu erkennen, daß er diese Gegend zum erstenmal sah und daß sie ihn interessierte.
Sein Blick verweilte auf den oberen Etagen, deren Fenster blendend hell die für immer aus Berlioz' Augen entschwindende Sonne reflektierten, dann glitt er tiefer, dahin, wo die Fenster schon abendlich dunkelten; der Mann lächelte nachsichtig, kniff die Augen ein, legte die Hände auf den Stockknauf und das Kinn auf die Hände.
»Du, Iwan, hast zum Beispiel die Geburt von Jesus, dem Sohn Gottes, sehr schön und satirisch dargestellt«, sagte Berlioz, »aber das Pikante ist doch, daß vor Jesus schon eine ganze Reihe von Gottessöhnen geboren wurden, etwa der phönizische Adonis, der phrygische Attis oder der persische Mithra, doch nicht einer von ihnen wurde geboren, und nicht einer von ihnen hat gelebt, auch Jesus nicht, und du hättest statt seiner Geburt oder meinetwegen statt der Anbetung der Könige lieber die dummen Gerüchte über diese Anbetung darstellen sollen. In deinem Poem kommt ja heraus, daß er tatsächlich geboren wurde!«
Besdomny machte einen Versuch, den peinigenden Schluckauf loszuwerden - er hielt den Atem an, was jedoch noch qualvolleres und lauteres Hicken zur Folge hatte. In diesem Moment unterbrach Berlioz seine Ausführungen, denn der Ausländer hatte sich plötzlich erhoben und trat auf die beiden Schriftsteller zu.
Sie sahen ihn verwundert an.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er mit fremdländischem Akzent, doch ohne die Worte zu verstümmeln, »wenn ich, ohne Sie zu kennen, mir die Freiheit nehme ... Aber der Gegenstand Ihres wissenschaftlichen Gesprächs ist so interessant, daß ...«
Höflich zog er die Baskenmütze, und den Freunden blieb nichts anderes übrig, als sich zu erheben und eine Verbeugung zu machen.
Nein, er ist wohl ein Franzose, dachte Berlioz.
Ein Pole, dachte Besdomny.
Es sei hinzugefügt, daß der Ausländer von den ersten Worten an dem Lyriker unsympathisch war, während er Berlioz eher gefiel, das heißt nicht richtig gefiel, sondern, wie soll ich's ausdrücken ... fesselte, so vielleicht.
»Darf ich mich setzen?« bat der Ausländer höflich. Die Freunde rückten unwillkürlich auseinander, der Ausländer setzte sich geschickt zwischen sie und trat sofort in das Gespräch ein.
»Wenn ich mich nicht verhört habe, geruhten Sie zu sagen, daß Jesus überhaupt nicht auf der Welt war?« fragte er und wandte sein grünes linkes Auge Berlioz zu.
»Ja, ganz recht«, antwortete Berlioz höflich. »Genau das habe ich gesagt.«
»Ach, wie interessant!« rief der Ausländer.
Was zum Donnerwetter will er eigentlich? dachte Besdomny und runzelte die Stirn.
»Und Sie, waren Sie derselben Meinung wie Ihr Gesprächspartner?« erkundigte sich der Fremde und wandte sich nach rechts an Besdomny.
»Voll und völlig!« bejahte der Lyriker, der sich gerne bildhaft und verschnörkelt ausdrückte.
»Frappierend!« rief der Zudringling, blickte sich verstohlen um und sagte, die tiefe Stimme dämpfend: »Entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit, aber habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie auch nicht an Gott glauben?« Er machte erschrockene Augen und fügte hinzu: »Ich schwöre Ihnen, daß ich's niemandem sagen werde!«
»Ganz recht, wir glauben nicht an Gott«, antwortete Berlioz und belächelte die Furcht des Touristen, »aber darüber kann man ganz frei sprechen.«
Der Ausländer lehnte sich auf der Bank zurück und fragte, wobei seine Stimme vor Neugier überkippte:
»Sie sind Atheisten?«
»Ja, wir sind Atheisten«, antwortete Berlioz lächelnd, und Besdomny dachte verdrossen: Was der uns löchert, der ausländische Fatzke!
»Oh, wie entzückend!« rief der seltsame Ausländer und wandte den Kopf bald dem einen, bald dem andern Schriftsteller zu.
»In unserem Land verblüfft Atheismus niemanden«, sagte Berlioz mit diplomatischer Höflichkeit. »Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat politisches Bewußtsein und glaubt schon lange nicht mehr an die Märchen über Gott.«
Da leistete sich der Ausländer folgendes Ding: Er stand auf, drückte dem verdutzten Redakteur die Hand und sprach dazu die Worte:
»Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem Herzen zu danken!«
»Wofür danken Sie ihm denn?« erkundigte sich Besdomny und klapperte mit den Augen.
»Für die sehr wichtige Information, die mir als Fremdem ungemein interessant ist«, erläuterte der kauzige Ausländer und hob bedeutsam den Finger.
Die wichtige Information schien ihn wirklich stark beeindruckt zu haben, denn er ließ den Blick erschrocken über die Häuser gleiten, als fürchte er, in jedem Fenster einen Atheisten zu entdecken.
Nein, er ist kein Engländer, dachte Berlioz, und Besdomny dachte: Ich möchte bloß wissen, wo er sein Russisch herhat!, dann runzelte er wieder die Stirn.
»Aber gestatten Sie mir eine Frage«, sagte der Fremde nach besorgtem Grübeln, »wie steht es denn nun mit den Beweisen für die Existenz Gottes, von denen es bekanntlich fünf gibt?«
»Ach herrje!« antwortete Berlioz bedauernd. »Diese Beweise sind allesamt nichts wert, und die Menschheit hat sie längst zu den Akten gelegt. Sie werden doch zugeben, daß es im Bereich der Vernunft einen Beweis für die Existenz Gottes gar nicht geben kann.«
»Bravo!« rief der Ausländer. »Bravo! Sie wiederholen da genau den Gedanken des rastlosen alten Immanuel zu diesem Problem. Eines jedoch ist kurios: Er hat alle fünf Gottesbeweise restlos zerschlagen, hat aber dann, als ob er sich selbst verspotten wollte, einen eigenen sechsten Gottesbeweis aufgestellt.«
»Kants Gottesbeweis«, entgegnete der gebildete Redakteur mit feinem Lächeln, »ist ebenfalls nicht zwingend. Nicht umsonst sagte Schiller, Kants Schlußfolgerungen zu dieser Frage könnten allenfalls Sklaven zufriedenstellen, und Strauß hat sich über den Beweis nur amüsiert.«
Während Berlioz sprach, überlegte er:
Wer mag er sein? Und woher kann er so gut Russisch?
»Für solche Beweise müßte man den Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!« stieß Besdomny überraschend hervor.
»Aber Iwan!« flüsterte Berlioz verlegen.
Doch der Vorschlag, Kant nach Solowki zu schicken, hatte den Ausländer keineswegs befremdet, sondern förmlich entzückt.
»Genau, genau!« schrie er, und sein auf Berlioz gerichtetes grünes linkes Auge funkelte. »Da gehört er hin! Ich hab ihm damals beim Frühstück gesagt: »Ich kann mir nicht helfen, aber Sie haben sich da was Ungereimtes ausgedacht, Professor. Es mag ja gescheit sein, ist aber völlig unverständlich. Man wird sich über Sie lustig machen.««
Berlioz quollen die Augen aus dem Kopf. Beim Frühstück? Kant? Was faselt er da? dachte er.
»Aber«, fuhr der Fremdling fort, ohne sich durch Berlioz' Verblüffung beirren zu lassen, und wandte sich dem Lyriker zu, »ihn nach Solowki zu verbannen ist ganz unmöglich, aus dem einfachen Grunde, weil er schon etwas über hundert Jahre in einer Gegend weilt, die bedeutend weiter entfernt ist als Solowki und aus der man ihn, ich versichere es Ihnen, unmöglich zurückholen kann.«
»Schade!« rüpelte der Lyriker.
»Finde ich auch«, versetzte der Unbekannte, funkelte ihn an und fuhr fort: »Aber jetzt beschäftigt mich eine Frage: Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann eigentlich das menschliche Leben und überhaupt den ganzen Ablauf auf der Erde?«
»Der Mensch selber«, beeilte sich Besdomny ärgerlich diese nicht eben sehr klare Frage zu beantworten.
»Entschuldigung«, antwortete der Unbekannte sanft, »um das alles zu lenken, bedarf es schließlich eines genauen Planes für einen halbwegs angemessenen Zeitraum. Gestatten Sie zu fragen, wie soll ein Mensch das alles lenken, wenn er nicht nur der Möglichkeit ermangelt, einen Plan selbst für eine so lächerliche Frist von, sagen wir, tausend Jahren aufzustellen, sondern auch nicht einmal sicher sein kann, was ihm selber der morgige Tag bringt? Wirklich« - der Unbekannte wandte sich Berlioz zu -, »stellen Sie sich vor, Sie zum Beispiel fangen nun an, sich und andere zu lenken und Anordnungen zu treffen, Sie kommen sozusagen auf den Geschmack, und plötzlich kriegen Sie ... kch ... kch ... ein Lungensarkom ...« Der Ausländer schmunzelte genüßlich, als bereite ihm der Gedanke an das Lungensarkom Vergnügen, »ja, ein Lungensarkom«, wiederholte er, wie ein Kater blinzelnd, das klangvolle Wort, »und schon ist es aus mit Ihrer Lenkerei! Kein fremdes Schicksal interessiert Sie mehr, nur noch Ihr eigenes. Ihre Angehörigen fangen an, Sie zu belügen. Da wittern Sie Unrat, laufen zu gelehrten Ärzten, dann zu Kurpfuschern und vielleicht auch zu Wahrsagerinnen. Wie das erste und zweite, so ist auch das dritte völlig sinnlos, das wissen Sie selber. Das Ganze endet tragisch: Der Mann, der noch vor kurzem etwas zu lenken wähnte, liegt plötzlich starr und steif in einer Holzkiste, und seine Umgebung, wohl wissend, daß nichts Vernünftiges mehr von ihm zu erwarten ist, verbrennt ihn im Ofen. Manchmal kommt es noch schlimmer: Jemand hat sich gerade erst vorgenommen, nach Kislowodsk zu fahren.« Der Ausländer starrte Berlioz mit schmalen Augen an. »Eine lächerliche Sache, sollte man denken, aber auch das bringt er nicht zuwege, denn plötzlich rutscht er aus und gerät unter die Straßenbahn! Sie werden doch nicht behaupten, er selbst habe das so gefügt! Ist es nicht richtiger, anzunehmen, daß ein anderer ihn so gelenkt hat?« Hier ließ der Unbekannte ein seltsames Kichern hören.
Berlioz hatte der häßlichen Erzählung vom Sarkom und von der Straßenbahn sehr aufmerksam gelauscht, und sorgenvolle Gedanken begannen ihn zu peinigen. Er ist kein Ausländer, er ist kein Ausländer, dachte er, er ist ein sehr sonderbares Subjekt. Aber bitte schön, wer ist er eigentlich?
»Ich sehe, Sie möchten rauchen?« sagte der Unbekannte plötzlich zu Besdomny. »Welches ist Ihre Sorte?«
»Wieso, haben Sie mehrere bei sich?« fragte mürrisch der Lyriker, dem die Zigaretten ausgegangen waren.
»Welche rauchen Sie am liebsten?« wiederholte der Unbekannte.
»Nun denn, die »Lieblingsmarke««, antwortete Besdomny wütend.
Sofort holte der Unbekannte ein Zigarettenetui aus der Tasche und bot es Besdomny an.
»Bitte, »Lieblingsmarke«.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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