Der Kunsthistoriker Erwin Panovsky sprach von einer "ars nova", einen aus der Musikgeschichte bekannten Begriff entlehnend, als er die in diesem vorliegenden Band dokumentierte Malerei beschrieb. In der Musik wurde im Zeitraum der Entstehung der dort dargestellten Bilder die Tonleiter erweitert, in der Malerei das Farbenspektrum.
Es waren weniger die Künstlergenies von Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und anderen, die diese neuen, wunderbaren Bilder ermöglichten, sondern eher die neuen Arbeitstechniken der Handwerker. Bisher waren die Tempera-Mischfarben benutzt worden, nun wurden sie ersetzt durch Öl-Pigment-Farben, die weit intensiver leuchteten. Es kam nicht mehr an auf teure Materialien, wie etwa Gold und das Ultramarin, sondern auf die Maltechnik. Die italienischen Maler hatten bislang das Licht so eingesetzt, dass es die Bildelemente voneinander trennte. Nun versuchten Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und ihre Kollegen das Licht zu nutzen, um die Formen miteinander zu verbinden.
Der alte Michelangelo spürte sehr wohl das Revolutionäre daran, als er über diese Bilder einmal despektierlich sagte: "Solche Werke erfreuen Frauen, besonders die alten und ganz jungen, auch Mönche, Nonnen und jene Menschen, die nicht den geringsten Sinn für die wahre, musikalische Harmonie haben."
Doch den Erfolg diese neuen Malerei konnten solche abschätzigen Worte nicht aufhalten. Der vorliegende Ausstellungskatalog der gleichnamigen Ausstellung, die 2009 im Städel in Frankfurt zu sehen war, zeigt das in beispielhafter Weise. Sowohl die Bilder als auch die den Band ergänzenden kunsthistorischen Essays führen ein in eine Epoche der niederländischen Malerei, die mit vielen bisher nicht genau zuzuordnenden Werken nach wie vor für die Kunstgeschichtswissenschaft eine große Herausforderung darstellt und die viele Kunsthistoriker in der Vergangenheit zu großen Essays inspiriert hat.
Dieser Band gehört in die Sammlung aller Kunstfreunde. Stephan Kemperdick, Kustos in der Berliner Gemäldegalerie und Jochen Sander, Kustos im Frankfurter Städel haben eine Ausstellung und einen entsprechenden Katalog produziert, in dem der staunende Betrachter eine Menge lernen kann über Original und Kopie und über den Meister und seine Werkstatt. Der Katalog hat eine hohe ästhetische Qualität und ist der Ausstellung würdig, die er dokumentiert.