Dieser vor etwa 20 Jahren veröffentlichte Roman traf damals den Nerv der Zeit. Es war einer der ersten historischen Romane, der sich mit einer fiktiven Person in der realen Geschichte so intensiv auseinandersetzte.
Dies ist die Geschichte des Waisenjungen Rob Cole, der sich aus seiner Heimat England und nach einigen Jahren der Erziehung zum Bader auf eine große Reise begibt, quer durch Europa und über den Balkan, in den fernen Orient, wo er in Isfahan auf den berühmten Ibn Sina, auch bekannt als Avicenna (der historisch ist) treffen möchte, um bei diesem Medizin zu studieren und zum Medicus ausgebildet zu werden. Auf seiner Reise begegnen ihm viele interessante Menschen, ferner muss er sich als Jude verkleiden und als ein solcher zu leben lernen, um im Osten Medizin studieren zu dürfen, er muss Parsi lernen und die fremden Gebräuche begreifen. Natürlich gibt es dann auch eine Frau, die ihn erobern wird, und gute Freunde, einen Schah, eine Verschwörung, die Pest, große Bewährungen, Mut und Abenteuer.
Der Roman ist ein großes, hervorragend recherchiertes Zeitbild der Jahre 1000-1100.
Sehr gut an dem Buch gefallen hat mir die exzellente detaillierte Beschreibung der Länder, der Gebräuche, Sitten und des Aussehens der Straßen, Kleider und Menschen, die Dialoge mit Ibn Sina und auch die gute Beschreibung zarter Bande von treuer Freundschaft und wild lärmender menschlicher Verbindungen, die schnell wieder gebrochen werden.
Nicht so gut fand ich an dem Buch - aber das ist ein Detail - dass der Autor manchmal zu nah an die agierenden Personen herangeht. Man hat gelernt, Rob, seine Frau, die Freunde, zu schätzen - wenn der Autor dann in intimsten Momenten sehr nah und detailliert und ausführlichst, wie sonst auch, beschreibt, was sich in Leidenschaft, Trauer, Begehren, Abscheu in den Charakteren abspielt, dann fühlte ich mich manchmal als Voyeur und hätte den Charakteren gerne mehr Raum für sich gegönnt. Ein vielleicht unwesentliches Detail, dennoch finde ich, dass es gerade den Stil und die Kunst eines Autors ausmacht, sich nicht zu früh, aber auch nicht zu spät von seinen Charakteren zurückzuziehen. Sonst wird das Buch schnell zu einem kommerziellen Sex and Crime-Buch. Das aber ist der "Medicus" dann doch nicht: bis auf mein kleines Detail empfinde ich das Buch als einen hervorragenden historischen Roman, unglaublich spannend, lehrreich und mitreissend, eine lesenswerte Geschichte.