Ein Mathemacher packt aus oder:
Warum Schröder die Wahl fast gewonnen hätte
Mitternacht am 31.12.2008 - und es ist vorbei, das Jahr der Mathematik. "Das Jahr der Mathematik?", werden Sie fragen, "Was soll das?" Nun, in dem Zeitalter, in dem die "Generation Doof" groß wird, sollen die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft)attraktiver gemacht werden. Dafür werden seit dem Jahr 2000 Wissenschaftsjahre ausgelobt und 2008 war eben das Jahr der Mathematik.
Doch Sie haben es verpasst? Obwohl Sie kein wirklicher Mathemuffel sind? Sie sind vielleicht Mathematiklehrer? Oder glauben Sie, Mathematik ist trocken und langweilig? Dann lassen Sie sich verführen, denn Christoph Drösser lädt Sie ein, sich unterhaltsam mit Mathematik zu beschäftigen. In 17 Kapiteln - 17 ist eine Primzahl - verführt Drösser Sie zum Denken oder zum Nachdenken.
Dabei wird eine Vermutung des Rezensenten bestätigt, dass Politiker mit Nullen genauso umgehen, wie sie sich oftmals in der Öffentlichkeit präsentieren - ahnungslos.
Drösser fragt Sie: "Lohnt sich das Aufheben eines Fünfeuroscheins für Josef Ackermann?" Und er antwortet: "Ja, wenn er dafür nicht länger als fünf Sekunden benötigt!"
Sie haben einen Heiratsantrag bekommen und wissen nicht, ob Sie den Richtigen oder die Richtige gefunden haben? Drösser weiß zu berechnen, ob Sie ablehnen oder annehmen sollen.
Sie möchten wissen, wie man eigentlich die Betrügereien von Unternehmen aufdeckt, wenn diese ihre Bilanzen fälschen? Kein Problem, denn Drösser vermag es zu erklären. Er weiß viel und versteht es, seine Leserschaft in den Bann der Mathematik zu ziehen - mit spannenden Geschichten im Journalistenstil, was nicht verwundert, denn Drösser ist Wissenschaftsjournalist bei der "Zeit". Seine kurzen, prägnanten Sätze und gut gemachten Geschichten lassen diese Wissenschaft zu einer Kurzweil werden, die man auch dem schulischen Mathematikunterricht wünschen würde.
Alle MathematiklehrerInnen sind gut beraten, dieses Buch zu lesen (und alle die, die sich der Zugehörigkeit zur "Generation Doof" entziehen wollen). Lehrerinnen und Lehrer finden dort Anregungen, wie man ein Thema spritzig einführt und schließlich doch sachlich erklärt sowie das Gelernte in einer Aufgabe üben kann. Die Lösungen werden im Internet kommentiert - downloadbar in einer pdf-Datei.
Altbundeskanzler Schmidt könnte am "Ende (s)einer Dienstzeit" endlich seine Wasserrechnung verstehen und auf Richtigkeit prüfen, die wöchentlichen Lottobesessenen könnten ihre Gewinnchancen realistischer einschätzen und die Behauptung des Rezensenten, jedes Kapitel dieses Buches sei 12,7 Seiten lang, könnte kompetent entkräftet werden. Die Seitenanzahl des Anhangs entspricht der Anzahl der Kapitel, nämlich 17. Dieser Anhang enthält neben mathematischen Erklärungen, die das Verstehen der Kapitel erleichtern, auch die Lösungen zu den Übungsaufgaben.
So muss ein Mathebuch aussehen, damit es gelesen wird.
Eigentlich hat dieses Buch fünf Sterne verdient, aber Drösser hat sich der "Sex sells" - Kampagne unterworfen und der Verlag visualisiert dieser Maxime entsprechend das mathematische Problem "Trost und Moral" schon auf der Titelseite so sexistisch, dass weibliche Interessenten vom Kauf abgeschreckt werden könnten, doch der Inhalt überzeugt.
Drösser ist ein Mathemacher und hat ein Werk geschaffen, welches das "Jahr der Mathematik" nachhaltig konservieren wird. Bleibt die Frage, warum Schröder die Wahl fast gewonnen hätte...
Lesen Sie das Buch!