Zu den berühmtesten Werken von Louis Stevenson zählen "Die Schatzinsel" und "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll". Ein weiterer Klassiker ist sein letzter beendeter Roman "Der Master von Ballantrae", der schon zu seinen Lebzeiten als Meisterwerk galt, eine exzellente Robinsonade die lange im Schatten der Schatzinsel stand, weil es dieses Buch bisher nur in haarsträubenden "antiquarischen Deutsch" gegeben hat. Jetzt ist es dem mare Verlag zu verdanken, dass eine moderne deutsche Übersetzung von diesem wenig bekannten Klassiker vorliegt. Melanie Walz hat es in ihrer Doppelrolle als Herausgeberin und Übersetzerin hervorragend in einer zeitgenössischen Sprache übersetzt und mit einem Nachwort versehen. Das Buch ist ganz hervorragend im Schmuckschuber ausgestattet mit ausführlichen Anmerkungen in denen Henry James und G.K. Chesterton das Werk in den höchsten Tönen loben und so bietet es sich geradezu als Geschenktipp zu Weihnachten an.
Stevenson wurde 1850 in Edinburgh geboren, ging wegen eines Lungenleidens nach Samoa, wo er 1894 starb. In Anlehnung an den alttestamentarischen Mythos von Jacob und Esau schildert Der Master von Ballantrae" den erbitterten, urwüchsigen Kampf zweier ungleicher Brüder zur Zeit des zweiten Jakobitenaufstands im Schottland des 18. Jahrhunderts. Das ist der historische Hintergrund. Es ist ein Roman der aus der verschwenderischen Vielfältigkeit des Lebens gespeist wird. Diese fesselnde Geschichte der Brüder James und Henry, die in zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten auseinanderfallen, ist auch heute noch literaturhistorisch beeindruckend. Die beiden Brüder, der eine, der ältere "Master", der böse, der kriegerisch bei dem die Verwandtschaft mit Miltons Satan unverkennbar ist; der andere, Mr. Henty, der Jüngere der brave, er ist der Krone treu ergeben und verkörpert so die heimeligen viktorianischen Tugenden. Er wird darin von seinem Verwalter unterstützt, der als Ich-Erzähler die Monstrosität der Handlung zu bezeugen hat. Als der Master auf dem Feld der Ehre verschollen ist, erbt Mr. Henry den Titel und die Braut des Bruders. Nachdem der tot geglaubte, lebendig begrabene James aus der Schlacht zurück ist bekämpfen sich die beiden Brüder mit einer Dramatik, die nicht zu übertreffen ist. Das entbehrungsreiche Leben als Freibeuter hat diesen James verbittert und er fordert von Henry, der zwischenzeitlich die für James bestimmte Frau geheiratet hat, nicht nur sein Erbe zurück. Zum Schluss kommt es zu einer Umkehrung der beiden Charaktere. Der Böse versteht es, wie so oft in der viktorianischen Literatur wenn sie ihrer Bestimmung zum Realismus müde wird, zum Nachteil des Guten an dessen Stelle in den Mittelpunkt des Interesses zu treten. Ein Roman der die facettenreiche faktische Tragödie des Lebens im Brennpunkt gnadenlos widerspiegelt.
Es ist nicht nur eine packende, atemberaubende und raffinierte Abenteuergeschichte im Kampf zwischen Gut und Böse, sondern Stevenson entwirft in dieser klassischen Geschichte des tragischen Bruderzwistes psychologisch feine Charakterbilder und erweist sich auf den unterschiedlichsten atmosphärisch dichten Reflexionsebenen als Meister der "Figurenpsychologie".
Ein eindrucksvolles Buch in einer wunderbar klaren poetischen Sprache von emotionaler Wucht. Ein Roman von solcher Sogkraft, dass man ihn, einmal begonnen, nicht wieder aus der Hand legen wird.