Das Werk von Robert Louis Stevenson (1850 - 1894) erfährt gegenwärtig eine außerordentliche Renaissance. Lange Zeit galt Stevenson als zweitrangiger Hersteller von trivialer Unterhaltungsliteratur.
Dabei war schon die äußerst populäre Schauernovelle über Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1886) alles andere als eine plumpe Gruselgeschichte. Auch der viel bemühte Gegensatz von Gut und Böse charakterisiert keines der Werke von Stevenson richtig. In all seinen Werken geht es vielmehr um die Dialektik der Aufklärung, den Despotismus der Vernunft, Herrschaft und die ungezügelte Amoralität des findigen Eroberers. Es geht um "verwilderte Selbstbehauptung" (T.W. Adorno).
Der literarische und ethische Topos, den Stevenson dafür bemüht - auch für seine "festländischen" Stoffe - ist die Rechtlosigkeit des offenen Meeres. Stevenson, Spross einer Dynastie von Leuchtturmbauern, hat die Kanten zwischen maritimer Amoralität und zivilisierter Grausamkeit literarisch vermessen. Alle seine Werke gehören in dieselbe Tradition wie "Robinson Crusoe" oder "Moby Dick".
Das gilt auch für seinen historischen Roman "Der Master von Ballantrae" (1889) - im Anschluss an eine wunderschöne bibliophile Ausgabe im Mare-Verlag nunmehr als wohlfeiles Taschenbuch bei dtv erschienen.
Am existentiellen Konflikt zweier Brüder exemplifiziert Stevenson genial, packend, in einer messerscharfen Diktion den Einbruch des Maritim-Numinosen in die vermeintlich wohlgeordnete und doch latent aggressive Bürgerlichkeit. Stevenson seziert diesen Konflikt, kaltblütig, analytisch, mit gläsern-spröder, scharfkantiger Rhetorik.
Dass all das in deutscher Übertragung lesbar, sichtbar, erlebbar wird, verdanken wir Melanie Walz und ihrer grandiosen Neuübersetzung. Walz (Jahrgang 1953), soeben mit einer klaren, modernen, offenen und stilsicheren Übersetzung von Dickens' "Große Erwartungen" hervorgetreten, macht den harten, aufreibenden Konflikt zwischen James und Henry Durie zu einer völlig diesseitigen, aktuellen Angelegenheit. Ihrem Text ist förmlich anzumerken, wie sehr um die Annäherung an Stevenson gerungen worden ist; und doch wirkt er im Ergebnis völlig selbstverständlich, klar und unprätentiös. Eine Übersetzung für den Leser. Den Leser von heute. Und doch keine Verharmlosung, keine Verballhornung, keine Nivellierung.
Im Gegenteil, Walz' "schlackenfreie", gegenwärtige Übertragung stellt die Handlung klar und offen "in den Raum", präsent, hart und unvermeidbar.
Im Vergleich dazu wirkt die etwas ältere Übersetzung bei Artemis und Winkler betulicher, gedämpfter, weniger gelöst und weniger unmittelbar.
Wer die bibliophile Ausgabe schonen möchte und ein reisetaugliches Lese-Exemplar sucht, der greife zu dieser Taschenbuchausgabe. Er wird auf jeden Fall belohnt werden mit einer zweifachen Neuentdeckung.