Johannes Czwalina, Theologe, früherer Pfarrer und Ausbildungsleiter eines renommierten Konzerns, hat seine "Lebensaufgabe" - ein Begriff, dem er zu Recht grosse Bedeutung für ein sinnerfülltes Leben beimisst - in der Beratung von Führungskräften, die in eine persönliche Krise geraten sind, gefunden. Auch das vorangestellte Zitat (S. 316) verdankt er einem Manager. Nach jahrelanger Beratungs- und Coaching-Erfahrung möchte der Autor seine Leserinnen und Leser vor den typischen Fehlorientierungen und Fallen einer verabsolutierten Managerlaufbahn warnen und sie ermutigen, zwischen ihrer Rolle als Leistungs- und Verantwortungsträger der Wirtschaft einerseits und ihrer Identität als Mensch andererseits eine Differenz zu wahren: "Führungskräfte leiten ihren eigenen Wert und ihre Identität oft einzig von ihrer Leistung, Attraktivität und ihrem damit verbundenen Erfolg ab und verlieren in Situationen der Marktveränderung alles. Sie haben sozusagen ihre Seele, das Kostbarste, was sie haben, einem anonymen Marktgeschehen verschenkt..." Doch: "Es lohnt sich nicht, seine Seele dem 'Markt' zu verschreiben. Er wird euch nicht vermissen, wenn ihr vom Trittbrett fallt" (S. 16), insesondere nach einem Karriereknick. Wessen Identität und Selbstwertgefühl nämlich fast völlig über den Erfolg im Beruf definiert war, der verliert mit dem Job allzu vieles zugleich und gerät fast unweigerlich in eine schwere Lebenskrise. Es kommt deshalb darauf an zu begreifen, "dass Identität nicht [nur, P.U.] Ausdruck unserer Leistung sein kann, sondern umgekehrt sollte unsere Leistung Ausdruck unserer Identität werden" (S. 140). Und für diese ist nicht Karriereerfolg, sondern sind zwischenmenschliche Beziehungen entscheidend. "Die Frage taucht auf, ob eine Karriere überhaupt die empfehlenswerte Art ist, sich als Person zu entfalten" (S. 145), bringt sie doch enorme Zwänge der Anpassung an die Erfolgslogik des (Arbeits-) Marktes mit sich. Ein "marktkonformer" Anpasser kann jedoch keine in sich ruhende, charakterstarke Persönlichkeit sein oder werden. Um unseres guten persönlichen Selbstverhältnisses willen benötigen wir daher eine kritische Distanz zu den (angeblichen) "Sachzwängen" des Marktes. Wer diese verliert, zahlt über kurz oder lang einen zu hohen Preis für den "Kult des Erfolgs", etwa das Burn-out-Syndrom, ein bohrender "Hunger nach Sinn", Depressionen oder die Zerstörung seiner privaten Partnerschaftsbeziehung. Klüger ist es, sich für ein "Leben mit Werten" zu entscheiden, die persönliche Lebensaufgabe (etwas Sinnvolles tun) nicht restlos an das Erwerbsleben zu koppeln und gelegentlich das "Loslassen-Können" zu üben. Denn "wer loslassen kann, kann Gelassenheit entwickeln" - "zugunsten des grösseren Ganzen" (S. 215).
Dies ist ein in jedem Sinne lebensnahes, eindrückliches Buch, das Führungskräften und solchen, die es werden möchten, wärmstens als Gegengift gegen die lauernden Gefahren des totalen Leistungs- und Karrieredenkens empfohlen werden kann. Wie der Autor einleitend selbst erwähnt, orientiert sich auch die Schreibweise des Textes "an den durch ein knappes Zeitbudget geprägten Lesegewohnheiten eben der 'gestressten' Menschen, von denen es handelt und an die es sich wendet" (S. 11). Der mehr assoziativ fliessende als systematisch aufgebaute Text kann auch in kleinen Häppchen gelesen werden, ohne dass man erst angestrengt den Zusammenhang zu suchen braucht. Dieser Vorzug für das eigentliche Zielpublikum ist für eher wissenschaftlich orientierte Leser allerdings weniger komfortabel. Für Studierende mögen auch die teilweise recht ungenauen, manchmal ganz fehlenden und gelegentlich sogar inadäquaten Quellenverweise den Nutzen der Lektüre mindern. Zu wünschen ist dem Buch, dass es vor allem unter den Akteuren des ganz normalen Wahnsinns unseres heutigen "Wirtschaftslebens" viele Leser und Leserinnen finden und sie zur vermehrten Nachdenklichkeit über den Sinnhorizont ihrer Lebensweise anregen möge.