Der Goldmann-Verlag hat sich mit der Vermarktung dieses Buches nicht wirklich Mühe gegeben, auch das Cover ist blass und etwas albern geraten - Geldscheine, die durch eine Pastamaschine gejagt werden, was soll uns das denn sagen?
In Großbritannien hingegen ist der Autor sehr bekannt, sein Experiment war von Anfang an von großem Medieninteresse begleitet und er gilt als Begründer der "freeconomy"-Bewegung, die allmählich auch in Deutschland Fuß fasst.
Das Unbehagen am gegenwärtigen Zustand des Wirtschaftssystems und an seinen globalen Auswirkungen teilen wohl viele Menschen, und es gibt viele verschiedene Ansätze, an Alternativen zu basteln. Mark Boyle hat einen ziemlich radikalen Ansatz gewählt - für sich selbst: Er klinkt sich ein Jahr lang komplett aus der Geldwirtschaft aus.
Am Anfang hat er sehr viel Glück, weil er einen älteren Wohnwagen geschenkt bekommt. Einen Stellplatz gibt es auf einem Biobauernhof im Austausch für geleistete Arbeit. Die Nahrungsbeschaffung steht auf vier Beinen: Nahrungssuche in der Natur, Nahrungssuche in Abfallcontainern, Eigenanbau und Tauschhandel. Fortbewegung passiert mit dem Fahrrad, Ersatzteile kommen von Wegwerffahrrädern. Laptop und Handy werden mit einem Solarmodul betrieben, das vor Beginn des Experiments gekauft wurde - ein Kompromiss, denn ein Zweck des Experiments sollte ja Öffentlichkeitsarbeit für alternative Wirtschaftsformen sein, und Öffentlichkeit gibt es nicht ohne Elektriziät. Daran sieht man schon, dass der Autor kein Fanatiker ist und zu Kompromissen in der Lage. Außerdem kann er gut schreiben und hat Humor.
Der Winter ist trotz selbstgebauten Raketenofens kein Spaß - wie es halt immer war bis vor ungefähr 100 Jahren. Um seine eigene Gesundheit kümmert man sich viel motivierter, wenn man aus Prinzip während des Experimentes den kostenlosen National Health Service nicht beanspruchen möchte (obwohl es natürlich beruhigt, dass es ihn gibt). Und wie geht man als Veganer mit einer Maus um, die in den Wohnwagen eingezogen ist und ihr Mausding macht (knabbern, rascheln, pinkeln, köteln)?
Praktisch alle Fragen, die dem interessierten oder auch kritischen Leser auf der Zunge liegen, werden zufriedenstellend beantwortet - und dass die Freundin während des Experimentes abhanden kommt, wird auch nicht verschwiegen.
Ich fand die Lektüre sehr kurzweilig und anregend. Es wurde mir kein schlechtes Gewissen vermittelt, weil ich Geld, Strom und Autos benutze. Ich fühlte mich bestätigt, weil bestimmte andere Dinge, die in meinem Bekanntenkreis geradezu tabu sind (z.B.Komposttoilette), verwendet werden. Die Frage, wie das bitteschön aussehen sollte, wenn alle beschließen ohne Geld zu leben, wird natürlich nicht beantwortet - zurück zu total lokal und 100% selfmade erscheint mir persönlich auch nicht unbedingt erstrebenswert.
Aber mir ist ein Buch lieber, das viele Fragen hinterlässt, als eines, das vorgibt, die Antwort auf alles zu haben.