Aus der Amazon.de-Redaktion
Im Mann ohne Eigenschaften passiert nur wenig. Aber es wird unendlich viel gedacht im Buch, und am Ende wird sogar noch intensiv gefühlt: In der Geschwisterliebe Ulrichs zu Agathe realisiert sich die Utopie eines "anderen Zustands" jenseits der absurden Welt. Hierfür findet der Mann ohne Eigenschaften dann poetisch präzise Bilder ohne intellektuelle Schwere, so in meinem Lieblingskapitel Atemzüge eines Sommertags: "Die Sonne war unterdessen höher gestiegen, die Stühle hatten sie wie gestrandete Boote in dem flachen Schatten beim Haus zurückgelassen. Ein geräuschloser Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, war so sanft, daß sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge". Gäbe es nur diese wunderschöne Stelle, so hätte sich die Lektüre der weit über 1000 vorangegangenen Seiten schon gelohnt. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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Robert Musil, dessen Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" erstmals ab 1931 in Teilbänden erschien, bezeichnete sein Buch selbst als "Kraftfeld", in dem es unendlich viele Möglichkeiten und Querverbindungen gibt. Rezensentin Katarina Frostenson schließt sich Musils Vorstellung an. Besonders hebt sie dabei den Aspekt des "Räumlichen" hervor: Räume, in denen Menschen sich aufhalten, Menschen, die sich auf der Schwelle befinden, Welten, zu denen Türen geöffnet werden. Zwar findet sie den Roman bisweilen so kompakt, dass er sogar " ein Gefühl der Übersättigung hervorruft". Andererseits lobt sie die Offenheit: nicht hinsichtlich von Deutungen, sondern vielmehr in bezug auf Vorstellungen, auf Bilder, die das Buch im Kopf des Lesers auzulösen vermag.
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Buch der 1000 Bücher
Der Mann ohne Eigenschaften
OA 193043 Form Roman Epoche Moderne
Das Fragment gebliebene Hauptwerk von Robert Musil Der Mann ohne Eigenschaften ist ein Jahrhundertwerk deutscher Prosa und ein herausragender europäischer Roman des 20. Jahrhunderts.
Entstehung: Bereits 1905 hatte sich Musil erste Notizen zur Konstruktion jenes Romans gemacht, der dann von 1925 an für nahezu zwei Jahrzehnte die gesamte schöpferische Arbeit des Schriftstellers auf sich zog. Zwischen dem Verleger Ernst Rowohlt und Robert Musil kam Mitte der 1920er Jahre ein Vertrag zustande, der dem Autor auf Jahre hinaus ein Honorar zusicherte und ihm ermöglichte, sich ganz der Arbeit an dem zeitkritischen Roman zuzuwenden.
1930 erschien der erste Band mit den Tei-len Eine Art Einleitung und Seinesgleichen geschieht, 1933 der zweite namens Ins Tausendjährige Reich, Letzterer unter dem Druck der finanziellen Verhältnisse bereits als Torso. In Armut und in der Fremde seines Genfer Exils arbeitete Musil bis zu seinem Tod 1942 an dem Roman. 1943 gab seine Frau einen dritten Band aus dem Nachlass heraus. Die von Adolf Frisé 1952 besorgte Neuedition bildete die Grundlage für eine breitere Rezeption des Werks.
Inhalt: Im Mittelpunkt des Erzählgeschehens steht die sog. Parallelaktion, die Idee einer großen patriotischen Aktion zum 70-jährigen Jubiläum der Thronbesteigung Kaiser Franz-Josephs im Jahr 1918. Diese Idee wird im Jahr 1913 ursprünglich nur geboren, weil man in Wien in Erfahrung gebracht hat, dass Preußen-Deutschland für dasselbe Jahr Feierlichkeiten zum »nur« 30-jährigen Jubiläum Kaiser Wilhelms II. plant. Um dieser eingedenk der Niederlage von Königgrätz neuen Schmach zuvorzukommen, beschließt man, das ganze Jahr 1918 zu einem Feierjahr zu erkären. In regelmäßigen Zusammenkünften verschiedener Repräsentanten der k. u. k. Monarchie werden Vorschläge und Ideen erörtert, um ein Konzept für die geplante Aktion zu entwerfen. Es erweist sich bald, dass die Romanfiguren nicht in der Lage sind, sich zu verständigen, es bleibt bei geistreicher, aber folgenloser Konversation. Alle Ideen und Programme führen an den realen Problemen der Zeit vorbei. Die Parallelaktion findet nicht statt, da die Verantwortlichen keine allgemein akzeptierte geschichtsbildende Idee ausfindig machen können.
Struktur: Mit einer Ironie, die in der deutschsprachigen Literatur keine Entsprechung findet, seziert Musil in diesem Roman den Niedergang der Donaumonarchie und versinnbildlicht damit die Krise der bürgerlichen Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs.
Die Zentralfigur des Romans, Ulrich, ist so angelegt, dass sie in ihrer Funktion als Sekretär der Parallelaktion mit Repräsentanten der unterschiedlichsten Schichten der Monarchie Gespräche darüber zu führen hat, worauf die gegebene Gesellschaftsordnung eigentlich gründet. Diese Dialoge bzw. Ulrichs Reflexionen darüber bilden das erzählerische Skelett, anhand dessen die weltanschaulichen und geistigen Tendenzen des Jahrhunderts in Form einer Meditation über Kakanien einer Analyse unterzogen werden. Die Handlung tritt dabei zu Gunsten von Erörterungen philosophischer, pädagogischer, kultur- und gesellschaftskritischer Überlegungen deutlich zurück. Diese Ausführungen sind aber keineswegs theoretisierende Streifzüge durch Bereiche der Wissenschaft, sondern bleiben stets an die Figuren und ihre Lebenssituation gebunden
Wirkung: Schon kurze Zeit nach Erscheinen des ersten Bandes 1930 prophezeiten Kritiker und Kollegen dem Roman, dass er große Bewunderung und einen herausragenden Platz in der Literaturgeschichte, aber nur wenig Leser finden werde. Diese Diskrepanz ist in gewissem Maße bis heute erhalten geblieben. Der für viele Fachleute gewichtigste deutschsprachige Roman des 20. Jahrhunderts sperrt sich durch Umfang, Form und Gehalt einem breiten Leserkreis. Das liegt sicherlich daran, dass für dieses Buch gilt, was für große Literatur allgemein bezeugt ist: Besprechungen können nicht im Entferntesten das intellektuelle Vergnügen vergegenwärtigen, das die Lektüre dieses Buchs oder auch nur einzelner Kapitel daraus bietet. R.F.