Mit "Der Mann, der niemals lebte" zeigt sich David Ignatius als würdiger Nachfolger von John Le Carré - der Kalte Krieg ist vorbei, nun ist der Brennpunkt der Nahe Osten. Die Handlung ist mitreißend; CIA und US-Anti-Terror-Bekämpfung im Undercover-Mäntelchen in Jordanien stehen im Mittelpunkt: Der eher unauffällige Roger Ferris kämpft sich als CIA-Agent durch einen Sumpf aus Intrigen und Gegenintrigen der unterschiedlichsten Geheimdienste vor zu den Strippenziehern Al Qaidas...
"Der Mann, der niemals lebte" besticht durch die mitreißende Darstellung der Situation im Nahen Osten, wo es Ignatius gelingt, die komplexe Gemengelage klug und vielschichtig darzustellen. Roger Ferris steht der arabischen Welt nah, und über ihn bekommt man als Leser hervorragenden Zugang zu dieser Welt. Mir hat besonders gut gefallen, dass Ignatius den Nahen Osten nicht schwarzweiß malt, sondern jede Partei wird differenziert dargestellt, z.B. unterstützen Al-Qaida-nahe Organisationen den Terror, doch Ignatius zeigt auch, dass dieselben Organisationen die Not des palästinensischen Volkes lindern - wer also US-amerikanischen Hurra-Patriotismus sucht, ist bei "Der Mann, der niemals lebte" (erfreulicherweise) an der falschen Adresse.
Die Protagonisten überzeugen allesamt, selbst wenn sie selten als dreidimensionale Charaktere beschrieben werden; Ignatius belässt die Figurenzeichnung oft nur bei wenigen Pinselstrichen, doch diese sind so gut und trefflich platziert, dass Handlung und Protagonisten im Zusammenspiel mitreißen. Nur die Liebe zwischen Alice und Roger hat mich nicht überzeugt; trotz interessanten Wendungen am Ende des Romans ist die Romanze für mich schal und flach geblieben.
Fazit: Hervorragender Thriller, aber ein Punkt Abzug wegen der unüberzeugenden Liebesgeschichte.