Ich lese gern Biographien, deshalb hat mir mein Mann dieses Buch zu Weihnachten geschenkt. Im ersten Moment war ich enttäuscht - die Lebensgeschichte eines Schlagerstars? Ohje, bitte nicht. Zum Glück habe ich das Vorwort und die ersten Seiten gelesen und war sofort gefesselt. Dies ist gelebte Geschichte, ausgehend von Großvater Bockelmann's Entschluß, nach Rußland zu gehen, über die Weltkriege, den Wiederaufbau bis zur Gegenwart. Nun gibt es viele Familiengeschichten, die diese Epoche umspannen, trotzdem ist da etwas Besonderes um dieses Buch. In kurzen, prägnanten Sätzen gibt Michaela Moritz (großes Kompliment an diese junge Autorin) Ansichten, Zweifel, Erfahrungen und Empfindungen wieder, ohne jemals in Gefühlsduselei abzudriften. Die Zeitsprünge zwischen den Kapiteln erfordern immer neues Einlesen, aber sofort ist man wieder gefesselt vom Erlebten, von der neuen Situation. Man hat die Flucht des Großvaters aus sibirischer Verbannung mit durchlitten und soll nun umdenken auf Udo's USA-Reise 1957? Am liebsten möchte man weiterblättern und den Anschluß an das Jahr 1915 suchen, um zu erfahren, wie es weiterging. Aber man liest doch weiter und findet sich wieder auf dem Schiff nach Amerika, in New York, im Harlem der 50ger Jahre, in den Jazzclubs. Erstaunlich auch, wie man - als "Nichtmusiker" - die Gefühlswelt des Musikers kennenlernt, seine Leidenschaft, seine unbedingte Hingabe an die Musik. Man versteht es einfach. Und man will immer weiterlesen von diesem Weg "geradeaus", der das Leben der ganzen Familie prägt. Ich finde, es ist ein ehrliches Buch. Man liest auch über politische Ansichten, Zweifel und Ängste des Autoren und hat das Gefühl, dass er wirklich so empfindet. Und immer wieder lernt man die Menschen kennen, die dabeiwaren.
Ein großartiges Buch. Ich habe es sehr gern gelesen.