Georges Simenon war ein weltberühmter französischsprachiger Schriftsteller belgischer Herkunft. Im deutschsprachigen Raum wurde er vor allem als Autor von 75 Kriminalromanen und 28 Erzählungen um die Figur des berühmten Pariser Kommissars Maigret bekannt. Simenon war in vielen Dingen ein Mann der Maßlosigkeit. Er hat angeblich nicht nur mit unzähligen Frauen geschlafen, sondern er hat nachweislich über 400 Romane geschrieben, die über 500 Millionen Mal verkauft wurden. Seine Romane zeichneten sich vor allem durch detailgetreue Personen- und Milieubeschreibungen aus.
Das deutschsprachige Gesamtwerk Simenons wird vom Diogenes Verlag betreut. Hier weiß man sehr gut, dass ein umfangreiches Werk auch umfangreiche verlegerische Abwicklungen verlangt. So werden jetzt die Nicht Maigret Romane neu aufgelegt.
Simenon hatte angeblich immer Angst vor dem Abstieg, Angst im Abseits zu landen, Angst vor der Entsozialisierung und genau so geht es Kees Popinga, dem Helden in diesem fesselnden und zugleich komisch grotesken Roman "Der Mann der den Zügen nachsah". Dieser Kees ist neununddreißig Jahre alt, arbeitet als Prokurist bei einer Reederei, wohnt mit seiner gleichaltrigen Frau, die er "Mutti" nennt und seiner fünfzehnjährigen Tochter Frida und seinem Sohn Carl in einem schmucken noch nicht bezahlten Häuschen in Groningen. Finanziell hat er sich mit seinen ganzen Ersparnissen an der Firma seines Chefs beteiligt. Sein Leben läuft mehr oder weniger puritanisch in geordneten Bahnen und da ist es beeindruckend, wie gelassen er zunächst Kenntnis vom betrügerischen Bankrott seines Chefs nimmt. Doch dann verlässt er seine Familie fährt zunächst nach Amsterdam, um bei der von seinem Chef ausgehaltenen Geliebten Pamela das nachzuholen, was er bisher im Leben versäumt hat. Da Pamela seinem Verlangen nicht nachgibt wirft er sich über sie und erwürgt sie mit einem Halstuch. Er nimmt den Nachtzug und flieht nach Paris. Und wie bei Simeon üblich, fällt dieser Popinga aus dem bürgerlichen Leben in das er scheinbar unentrinnbar eingepfercht war heraus. In Paris hofft er zunächst noch, dass sich für ihn Möglichkeiten eröffnen könnten, um eine neue Existenz zu gründen. Aber er gerät von einer Schwierigkeit in die andere, verstrickt sich immer mehr in kriminelle Machenschaften und Lügengeschichten und wird schließlich von der Unterwelt und der Polizei gesucht. Nachdem ihm ein Taschendieb seine letzten Ersparnisse geraubt hat, schreibt er einen Abschiedbrief an eine Zeitung, in dem er von dem schreibt, wo von er immer geträumt hat, nämlich einen gut beleumundeten sozialen Status zu haben, sich alles leisten zu können weil er endlich den richtigen way of life gefunden hat.
Er gerät in eine große melancholische Einsamkeit. Dieses absolute Verlorensein in Paris, wo er nirgends mehr hin kann, eingekesselt in dieser Stadt wo ihn niemand kennt - das ist so unendlich traurig. In seiner Verzweiflung zieht er sich nackt aus, legt sich auf ein Bahngleis, hofft später nicht mehr identifizierbar zu sein. Die verschneiten Gleise sind eine Metapher für die Wege in die Ewigkeit. Jeder muss an seinen Abschiedbrief glauben, denn es gibt nun keinen Kees Popinga mehr. Doch es ist ihm nicht vergönnt eine neue Existenz vorzutäuschen, er wird von der Bahnpolizei aufgegriffen und landet schließlich in einem Irrenhaus in Amsterdam wo er im Wahn verdüstert - alles ist traurig und düster.
Es ist, wie in allen Simenon Romanen, da ist einerseits der Hoffnungsschimmer aus einer trostlosen Welt auszubrechen und dann wieder andererseits dieser tiefe Sturz, dieses zurück geworfen werden wegen der eigenen Unfähigkeit. Unser Held scheitert in so vielen Lebenssituationen nicht nur bei den Prostituierten, sondern auch weil er dann noch auf dem falschen Bahngleis liegt. Eigentlich scheitert er auch bei den Morden, denn die waren ja auch nicht geplant. Warum das alles? Es ist getragen von der Erkenntnis, dass man sein Denkvermögen mit vielen Informationen ausfüttern muss, um in den unterschiedlichsten Konstellationen des Lebens bestehen zu können. Immer die kurzen Höhepunkte und dann nach dem Scheitern die Frage, ist Kees Popinga, ein Spießbürger der in engen kulturellen Rahmenbedingungen lebt und versucht da auszubrechen, gescheitert oder hat er sich erfolgreich aus den Pressionen des bürgerlichen Lebens befreit? Der Ausbruch gelingt nicht, weil man auch den lernen muss. George Simenon lässt die Beantwortung offen. Die Vision, dass man ausbrechen kann und dann auf irgendeine Art ein vernünftiges Leben führen kann, das hat Simenon einfach nicht gestattet und so hat er auch in diesem Roman wenig Sympathie für seine Hauptfigur.
Die Qualität der Milieubeschreibungen, die raffinierte Perspektivführung und die rhythmische Sprache mit der die elementaren Zustände und Umstände des Menschseins von Simenon so großartig beschrieben werden lassen ein facettenreiches Panorama entstehen das zu einer Sog ausübenden Leselust führt. Simenon hat in Popinga ein großartiges Bild von einer Person gezeichnet, die wir alle nicht sein wollen und die Botschaft lautet möglicherweise, - weder das anständige Leben, noch das unanständige Leben lohnt sich gelebt zu werden - man muss das Leben ausleben, statt es zu vergeuden.