"Man of the West"beginnt mit einem Gemälde. Der Mann des Westens sitzt auf seinem Pferd. Ein Bild wie ein Monument.
Kurze Zeit später besteigt er eine Eisenbahn, ein schnaubendes, kochendes Ungetüm. Erste Rauchzeichen, einer neuen Zeit.
Der Zug wird überfallen. Die Banditen können zwar in die Flucht geschlagen werden, der Held Link Jones jedoch, und ein Man of the East mit dem Namen Sam Beasley und eine Bardame gespielt von Julie London, aber bleiben zurück, während der Zug seine Fahrt fortsetzt und die Banditen mit der Beute fliehen können. "You don't talk?" fragt Billie Ellis, das Bargirl Link Jones. Der Mann des Westens war noch nie ein Mann des Wortes, sondern einer der Tat. Der Easterner Beasley wiederum redet unaufhörlich und benimmt sich wie ein Trottel. Typische Exemplare des stoischen Westerners und des plapperhaften Mannes aus dem Osten.
Link Jones führt die beiden in ein kleines Häuschen, nicht unweit der Stelle, wo sie überfallen wurden. Dort treffen sie auf die Bande, und es stellt sich heraus, daß Link nicht nur einst mit Ihnen ritt, sondern, daß er der Neffe und angenommene Sohn ihres Anführers, dem wahnsinnigen Dock Tobin, ist. Dock ist der Onkel aller Bandenmitglieder und sie sind alle seine Söhne. Vater/Sohn Verhältnisse, ohneFruchtbarkeit, ohne Fortpflanzung (
There Will Be Blood [Blu-ray]). Die Bande, die "Men of the West", sie sind keine prokreative Gemeinschaft, und deswegen zum Untergang schon längst verurteilt, bevor die erste Eisenbahn in Good Hope, einfuhr.
Es ist eine maßlose Gesellschaft. Billie Ellis beklagt sich beim alten Saloonbesitzer, daß er der einzige Mann gewesen sei, der sich anständig zu ihr verhalten hätte, alle anderen Männer hätten sich nur an ihr vergangen. Der antwortet, wenn er noch die Kraft dazu hätte, so hätte er sich genauso verhalten, wie alle Anderen. Exzess oder Enthaltsamkeit, sexuelle Gewalt oder Asexualität, das sind die Extreme an denen die Männer des Westens verortet sind.
Link wiederum, gibt Billie vor der Bande, als seine Frau aus, entzieht sich ihr aber trotz ihrer wachsenden Liebe zu ihm. Er hätte eine Frau zu Hause, meint er, aber, ob das wirklich stimmt, erfahren wir nie. In der Hütte setzt ihm einer der Cousins/Brüder das Messer an die Kehle und fordert, daß Billie sich auszieht. An den weiblichen Körper traut er sich nicht heran, er kann nur über Gewaltandrohung dem Mann gegenüber, Billies Demütigung fordern. Später rächt sich Link, und zieht ihn in einer Schlägerei aus, und macht ihn so zur "Frau".
Billie erzählt wiederholt, daß sie seit sie 14 war, von Männern nur misshandelt wurde. Link sei der Erste, der sich ihr gegenüber edel verhalten würde. Aber für die Beiden wird es kein Happy End geben, nicht mal einen Kuss. Der Westerner ist trotz seines Zivilisierungsprozess mit dem wilden Tier, das er einst war, noch nicht fertig. Das Verhältnis zu Billie zeigt, daß es für ihn in Bezug auf sie nur Selbstzüchtigung und Abstinenz gibt. Das wilde Tier darf nicht gefüttert werden. Denn die Decke zwischen Zivilisation und roher Natur ist zu dünn, die rohe, wilde Vergangenheit noch zu nah, der new-born citizen Link noch zu jung.
Zu Beginn, in der Szene mit der Eisenbahn sehen wir Coopers erschreckten Blick. Diesen Blick sehen wir später wieder, z. B. in der Totenstadt, in die er mit Einem von der Bande reingeritten ist. Es scheint, als würde die Welt, die Link um sich herum sieht, für ihn nicht mehr, als die Seine erkennbar sein. Genau in dem Punkt unterscheidet er sich von seinen Brüdern. Sie haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt, und Dock Tobin lebt schon längst nur in seiner eigenen Welt.
Anthony Mann gilt neben John Ford und Howard Hawks, sowie Bud Boetticher, als bedeutendster Westernregisseur der klassischen Ära und "Man of the West" als sein finales Westernopus. Die fünf Western-Filme, die er mit Jimmy Stewart zwischen 1950 und 1955 drehte (
Winchester '73,
Bend of the River,
The Naked Spur- Die Nackte Gewalt- Western- James Stewart-EU Import- englische Tonspur,
The Far Country,
Der Mann aus Laramie) zählen vollkommen zurecht, zu den besten und einflußreichsten ihrer Art. Anders, als bei Ford, sind Manns Western keine Historien-Erzählung, sondern von Anfang an, mythisches Drama. Der aktuelle Zeitbezug, der sich bei einem Film, wie "High Noon" von Zinnemann aufdrängt, ist bei Mann nicht so deutlich zu erkennen. Trotzdem ist es auffällig, daß er mit Stewart einen aggressiven, zu Jähzorn und Rachsucht neigenden Held schuf, der aus dem Kanon der ruhigen, stillen Cowboys herausfällt. In einer Zeit, in der der Western seine produktivste Phase erlebte, den Fünfzigern. Beachtlich dabei ist, daß zur selben Zeit dem Film Noir, düsterer Stadt-Alptraum zur weiten, bunten Heldenerzählung des Westerns, bis Ende des Jahrzehnts, die wildesten Blüten wuchsen, bis mit "Touch of Evil" der Film Noir das Ende seiner klassischen Ära erfuhr. Die Fünfziger können in beiden Stil-und Genrerichtungen, als Jahrzehnt der Paranoia gelesen werden. Mann, der vor seinen Western-Filmen im Film Noir reüssierte, blieb sich selber treu, indem er die Düsternis seiner vierziger Jahre Films Noir in die CinemaScope-Western mit Stewart übertrug. In all diesen Filmen sticht heraus, wie sehr Protagonist und Antagonist miteinander verwandt sind. Entweder sind sie blutsverwandt, wie die Brüder in "Winchester 73", oder die Cousins aus "Man of the West", oder sie ähneln sich in der Art ihrer Besessenheit. So kann es schon mal vorkommen, daß der alte Waggoman aus "The Man from Laramie",, den Fremden aus seinem Traum in der Realität verwechselt und Stewart für den Bösen hält, dabei ist es der fremde, angenommene Sohn, den Arthur Kennedy gibt.
"Man of the West" ist Manns letzter Western gewesen und es ist eine wunderbare Fügung des Schicksals, daß der melancholische Gary Cooper sein Hauptdarsteller wurde, und nicht der etwas temperamentvollere Stewart, mit dem sich Mann vorger zerstritten hatte. Cooper gibt seiner Figur eine Lethargie, die am Schluß des Films, den Gedanken nahe legt, daß auch Links Zeit bald vorbei sein wird, so wie die seiner Brüder. Er, der "Vater"-Mörder, wird entweder, jetzt da die Schatten der Vergangenheit verbannt worden sind, endlich in seiner neuen Heimat Good Hope ein beschauliches Leben führen mit seiner Frau. Oder er wird sich nicht so wirklich zurechtfinden in dieser neuen Welt. Coopers Blick, voller Angst und Unverständnis scheint uns dies zu erzählen.
Mann drehte, das nur, als Ergänzung, neben den Stewart-Western, noch den vielbeachteten "The Furies" nach Dostojewski, "Devil's Doorway" und "The Tin Star". Das sind insgesamt 9 Western. Ein beachtlicher Beitrag.
Wem "Man of the West" gefällt, der sollte natürlich alle anderen Mann-Western schauen. Aber auch Peckinpahs
Ride the High Country von 1962. Auch da geht es um alternde Westmänner, die mit den Zeichen der Zeit kämpfen.
ZUR BLU-RAY: hervorragendes Bild. Der Film "erleuchtet" in dieser Ausgabe und es ist ein wahrer Genuss. Als Extra gibt es einen Essay von Jean-Luc Godard, der eine Hymne auf den Film singt. Das ersetzt ein making-of sicherlich, oder so manchen geschwätzigen Off-Kommentar. Kaufen, kaufen, kaufen.