Eine Verbrechensserie der übelsten Art hält Stockholm im Sommer 1967 in Atem: Ein Sexualmörder, der sich an Kindern vergreift. Zunächst weiß man nur, dass der Täter ein Mann ist; bald stellt sich heraus, dass zwei Personen den Täter gesehen haben müssen: Einer davon ist ein dreijähriger Junge, der andere ein Parkräuber, nach dem die Polizei bereits seit langem fahndet. Tatsächlich wird der Räuber gefasst, und auch der kleine Junge wird befragt, so gut das eben geht -- doch noch immer trifft die Täterbeschreibung auf tausende von Stockholmern zu. Die Bevölkerung reagiert panisch, die dünne Tünche der Zivilisation bröckelt, und es gibt die ersten Übergriffe selbsternannter Heimwehren auf harmlose Spaziergänger, während die nächste Kinderleiche gefunden wird.
Die Ermittler gehen also jedem Hinweis nach, wie vage er auch sein mag, können schließlich sogar den Triebtäter identifizieren -- doch am Ende ist es ein Zufall, dass er gerade noch gefasst wird, während er sich seinem nächsten Opfer nähert.
Ein besonderes Spannungsmoment dieses Bandes besteht sicher darin, dass dem Leser im Gegensatz zu den Ermittlern der entscheidende Hinweis von Anfang an bekannt ist -- man leidet geradezu darunter, dass Martin Becks Erinnerung einige Male haarscharf an einem entscheidenden, scheinbar uninteressanten Detail aus einem Telefongespräch vorbeischrammt.
"Der Mann auf dem Balkon" ist aber, obwohl sein Thema leider immer noch hochaktuell ist, kein typischer "Whodunnit"-Krimi. Hier, im dritten Band der Martin-Beck-Serie, werden die charakteristischen Merkmale dieser Serie deutlicher als bisher. -- Was heute durchaus üblich ist, war 1967 nämlich noch ein Novum in der Krimi-Literatur: Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven (darunter auch die des Täters) erzählt, verschiedene Handlungsstränge werden, fast wie im Film, gegeneinander geschnitten, und die Hauptperson, Martin Beck, verwandelt sich immer mehr vom einsamen Denker zum Teammitglied -- und auch die anderen Teammitglieder gewinnen von Band zu Band mehr Kontur; ihr Privatleben spielt ja bereits vom ersten Band an eine Rolle. In "Der Mann auf dem Balkon" kommen außerdem Gunwald Larsson und Einar Rönn neu hinzu, und auch sie sind von Anfang an keine Masterminds, sondern mehr oder weniger sympathische Figuren mit markantem Charakter, die sich aber im Laufe der nächsten Bände weiterentwickeln werden.
Stärker im Vordergrund als in den beiden ersten Bänden steht in diesem Band, wie die schwedische Gesellschaft und insbesondere die Großstadtbevölkerung von Stockholm zu verrohen beginnt. Die scheinbare sozialdemokratische Idylle der beiden ersten Bände lässt die ersten hässlichen Kratzer sehen -- am Bahnhof tauchen minderjährige Prostituierte auf, brave Familienväter sind allzu schnell zur Lynchjustiz bereit, und auch das Polizeikorps ist nicht unbedingt so vorbildlich, wie man es der Öffentlichkeit glauben machen will.
Und bei alledem ist eines erstaunlich: Dieser Krimi ist vor knapp 40 Jahren erstmals erschienen und nervt immer wieder wegen des allzu penetrant gesellschaftstheoretisch erhobenen Zeigefingers, aber er ist doch nicht veraltet -- und das liegt nicht nur daran, dass sein Thema leider immer noch aktuell ist. Sicher, es ist nicht der stärkste Band der Serie, aber wer Wert legt auf intelligente Krimis mit stimmiger Handlung, die nicht auf jeder dritten Seite neue "action" vom Zaun brechen müssen, um spannend zu bleiben, der ist hier richtig.