Der Soundtrack zum Film (und in gewisser Weise ja auch zum Buch) "Der Mann mit dem Fagott" ist mehr als ein weiteres großes Udo Jürgens Album - diese Platte ist ein Werk!
Ein Werk von atemberaubender Spannweite, ein Universum an Klängen, eine musikalische Visitenkarte, die in etwas mehr als zwei Stunden aufzeigt, wozu Udo Jürgens fähig ist, was ihn groß macht.
Auf der ersten CD findet sich der so genannte Score, die Film-Musik, die den Film brilliant untermalt, die Szenen emotional unterstreicht oder sogar aufbaut. Und erst ohne den Film, der ein wahres Epos geworden ist, zeigt sich die absolute Größe dessen, was da musikalisch entstanden ist. Mit Stücken wie "Wort", "Glut und Eis", "Manchmal haß ich mich" oder "Die Krone der Schöpfung" hat Udo Jürgens schon einige Male eindrucksvoll bewiesen, daß er großartige Orchester-Werke komponieren und realisieren kann. Hier hat er diese Facette seines Könnens vollends entfaltet. So sehr diese Stücke die Szenen im Film unterstreichen und betonen, funktionieren sie allein und für sich stehend als wunderbare symphonische Musik.
Daß Udos erste Komposition "Valse Musette", die er mit zwölf Jahren komponierte und seinem Vater schenkte, nie öffentlich spielte, geschweige denn aufnahm und veröffentlichte, hier nun 65 Jahre später dem breiten Publikum zugänglich gemacht und konserviert wurde, ist wohl einer der intimsten Momente des Albums.
Und dann der Jazz! Die teils instrumentalen, teils vokalisierten Jazz-Nummern funkeln und perlen wie im angesagtesten Jazz-Club New Yorks! Ob "There will be another you", "That lucky old sun", "Love is here to stay" oder mit "My funny Valentine" der Jazz-Standard-Song schlechthin - Udo Jürgens brilliert, beherrscht diesen Stil, als hätte er die letzten Jahrzehnte nie etwas anderes gemacht - wunderbar!
All diese Titel der ersten CD sind 2011 neu entstanden oder aufgenommen worden. Bis auf eine herrliche Ausnahme. "Merci Cherie" ist eine Aufnahme von 1966 - nicht die aus dem Studio, sondern tatsächlich ein Mitschnitt des legendären Grand Prix de Eurovision de la Chanson Auftritts, den Udo Jürgens damals gewann. Ein Musikgeschichtliches Dokument.
Unbedingt hervorzuheben ist auch das vorletzte Lied der ersten CD, die eigens für dieses Album neu eingespielte Fassung des Udo Jürgens Klassikers "Was ich Dir sagen will" aus dem Jahre 1967. Das Lied gehört in eine Reihe mit Liedern wie "Yesterday" von den Beatles oder Jacques Brels "Ne me quitte pas" und "Blowin' in the wind" von Bob Dylan. Jedes dieser Lieder, so auch "Was ich Dir sagen will", ist gerade seiner Einfachheit wegen so groß. Ein paar Töne, eine Aussage, die jeder erfaßt und die jeden erfaßt! Kleine Lieder die über Jahrzehnte zu wahren Giganten werden.
Diese neue Aufnahme, mit so angenehm gealterter Stimme, in der heute soviel mehr Leben klingt, Leben mit Höhenflügen und Niederlagen, ergreift noch mehr, als das Original des Jahres '67.
Danach schließt dann der gut fünfminütige symphonische Epilog den Soundtrack-Teil des Albums. Gewaltig schweben die Themen noch einmal zusammengefügt und verdichtet an einem vorbei, und ich schäme mich nicht zuzugeben, daß ich beim Verklingen des letzten Tones bemerkte, Tränen in den Augen zu haben. Himmel ja, ich hätte fast geheult - und wenn Musik das schafft, wenn es gelingt mit Tönen so tief in die Seele zu dringen, so sehr am Innersten zu rühren, dann ist das der beste Beweis, daß etwas außergewöhnlich großartiges entstanden ist!
Die zweite CD mit dem Untertitel "Reise durch das Leben" ist eine schöne und sinnvolle Ergänzung. Keines der Lieder ist zwar aus dem Film, aber jedes der Lieder hat einen Bezug zum Film. Es sind Lieder von Mitte der Siebziger Jahre bis zum erst im Frühjahr veröffentlichten Album "Der ganz normale Wahnsinn", die sich aus Begebenheiten des Buches, des Films erklären oder herleiten lassen. Es sind die privaten, die sehr persönlichen Lieder, die wahrscheinlich in der Summe mehr als das Dutzend der ganz großen Hits für die jahrzehntelange Beständigkeit dieser einmaligen Karriere von Udo Jürgens Ursache sind.
Mit der aus dem Jahre 2001 stammenden Live-Fassung von "Wien", nur Udo am Piano und von Christian Fink an der Violine begleitet, barg auch die zweite CD einen sehr schönen Archiv-Schatz.
Die Rezension geriet etwas sehr ausführlich, danke für's Lesen, aber ein solches Album läßt sich nicht mit drei Sätzen abhandeln.