Aus der Amazon.de-Redaktion
Wie stark Wallraff unser demokratisches Leben noch immer unterschwellig bestimmt, zeigte die Politiker- und Medienreaktion auf Vorwürfe gegen den Autor wegen seiner vermeintlichen Arbeit als Stasi-Spitzel 2003, die der Autor, wohl zu Recht, als Pressehysterie bezeichnete. Da wurde man auch als neutraler Beobachter den Verdacht nicht los, dass viele dankbar waren für die Gelegenheit, endlich nachtreten zu können. Umso wichtiger ist diese gut geschriebene (und blendend recherchierte) Biografie aus der Feder des taz-Mitbegründers Jürgen Gottschlich, die rechtzeitig zum 65. Geburtstag des Autors von der Kölner Kindheit angefangen über dessen prägende Bundeswehrzeit bis zu seiner journalistischen Wiedergeburt für Reportagen in der Zeit 2007 ausführlich aufzeigt, wie aus Günter Wallraf der Mann der tausend Masken wurde -- und wie es ihm gelang, die deutsche Demokratie und den deutschen Journalismus für immer zu verändern.
Nun ist es nie unproblematisch, wenn die Biografie eines Autors im Hausverlag eben jenes Autors, in diesem Fall also, wie alle Bücher Wallraffs, bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Es ist auch psychologisch schwierig, sich dem Leben eines Menschen unbefangen zu nähern, der -- wie Gottschlich in seiner Danksagung am Ende seines Buches schreibt -- mir einen großen Vertrauensvorschuss gegeben und sich viel Zeit genommen hat, um in intensiven Gesprächen Auskunft über sein Leben zu erteilen. Ist da nicht die Versuchung groß, Biografisches zu beschönigen, um den doch so freundlichen und zuvorkommenden Autor nicht zu enttäuschen? Gottschlich ist dieser Versuchung nicht erlegen. Auch Kritisches, etwa zum Schreibstil Wallraffs, hat er nicht ausgespart. So ist das ausgewogene Porträt eines im besten Sinne investigativen Journalisten entstanden, der für hehre Ideale auch Anfeindungen von Rechts (und Links!) in Kauf genommen hat -- auch wenn sie ihn bisweilen mit einer gewissen Naivität überraschten. Der Mann, der hinter seinen vielen Masken Günter Wallraff ist, kommt mit vielen seiner Züge zum Vorschein. -- Thomas Köster, Literaturanzeiger.de
Kurzbeschreibung
Die erste Biographie über den bekanntesten deutschen Enthüllungsjournalisten, der als genialer Rollenspieler die andere, die verborgene Wirklichkeit der Bundesrepublik aufdeckte. Wer ist der Mann, der bei Bild Hans Esser war, der als »Ali« den Alltag der türkischen Einwanderer in Deutschland am eigenen Leib erfuhr, der sich als griechischer Oppositioneller von der Schergen der Militärdiktatur ins Gefängnis prügeln ließ und als Bürobote den Paten der deutschen Versicherungswirtschaft, Hans Gerling, entzauberte? Wie schaffte es Wallraff, in seinen Rollen unentdeckt zu bleiben, was trieb ihn zu dem Spiel mit wechselnden Identitäten, was waren die Motive für seine Aktionen, die manchmal bis an die Grenze seiner physischen und psychischen Belastbarkeit gingen? Jürgen Gottschlich beschreibt, wie der Journalist und Schriftsteller zu dem wurde, der er heute ist, und macht deutlich, welchen Preis Wallraff für seine Aktionen und Rollenspiele bezahlte. Seine Paraderolle als David gegen den Goliath »Bild«-Zeitung hat nicht nur den Blick auf das Boulevardblatt in der deutschen Öffentlichkeit nachhaltig verändert - Wallraff musste auch in Kauf nehmen, dass der Springer-Konzern jahrelang versuchte, ihn als vermeintlichen Stasi-Spitzel zu denunzieren. Und das Buch »Ganz unten«, für das Wallraff fast drei Jahre lang als Türke »Ali« lebte und das über Nacht zu einem Megaseller wurde, hat auch Freunde zu Feinden gemacht. Diese Biographie, die auf ausführlichen Gesprächen mit Günter Wallraff und Weggefährten beruht, erzählt auch eine kurze Geschichte der politischen Linken in der Bundesrepublik. Anders als frühere Weggefährten ist Wallraff seinen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und internationaler Solidarität treu geblieben, er ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern mischt sich bis heute ein, wenn es gilt, bedrohten Menschen eine Stimme zu leihen