Ein Künstler entwickelt sich weiter. Bei einem Zeichner/Maler kann das sogar ein Laie sofort erkennen, wie sich der Stil allmählich wandelt, vielleicht hin zur Reduktion oder in die entgegen gesetzte Richtung, mag sein auch nur in wenigen Nuancen. Bei Mattotti verhält es sich offenbar etwas anders: In ihm wohnen zwei Künstler, oder besser gesagt zwei völlig unterschiedliche Zeichenstile. Die Grafik in "Der Mann am Fenster" ist niemals farbig vorstellbar, während "Feuer" oder "Flüster" als improvisierte Skizzen eine Totgeburt wären. Man bekommt also mit "Stigmata" oder dem vorliegenden Band einen gänzlich anderen Mattotti. Seine Ex-Frau ist für das Szenario verantwortlich, das eine wiederholte Lektüre rechtfertigt und sogar notwendig macht. Im Mittelpunkt steht ein Bildhauer, der ähnlich wie Picasso in seinen letzten Jahren seine Materialien auf dem Schrottplatz sucht. Sein Atelier liegt unterhalb des Bürgersteigs, seine Wohnung hingegen hoch oben über den Dächern der Stadt. Er ist an einem Punkt angelangt, wo er die Richtung wechseln muss - doch wohin? Dieses Dilemma ist künstlerischer wie privater Natur. An Frauen ist kein Mangel, doch wie man das kennt ist keine dieser Beziehungen unproblematisch oder eben nur freundschaftlich. Miriade, der Gärtnerin im Gewächshaus, sagt er zum Beispiel solche Sätze (über Irene, seine unglückliche Liebe): "Sie war ein endloser Kontinent." Das klingt poetisch, aber eine etwas vekünstelte Tiefsinnigkeit melancholisiert die Handlung nur allzu oft. Natürlich ist er ein Träumer, den wir auch in seine Versunkenheit, in seine geistigen Abschweifungen begleiten. Die Zeichnungen dazu sind einfach, trotzdem eigenwillig und immer dann, wenn mehr als nur Körper und Gesichter dargestellt werden (was Mattotti irgendwie nicht perfekt gelingt), von starker Präsenz. Besonders gefallen haben mir die Seiten 94 und 95: Eine künstlerisch verkrakelte Fahrt mit dem Rad, ohne störenden Text - wie aus dem Skizzenbuch und expressiv, geheimnisvoll fast. Auf dem Schrottplatz trifft er irgendwann den "Schlächter", der nach seinen Hühnern sucht. Ein einfacher Mann, der sich einer Sprache bedient, die diesem Menschen sicher nicht entspricht. Der "Schlächter" erzählt ihm, wie er einst Kunst und Leinwände in Kinos zerstört hatte, was zu einer regelrechten Sucht ausgeartet ist und zum Gefängnisaufenthalt führte ("Es waren diese Bildausschnitte, die mir wie pures Kristall erschienen.") Der Bildhauer versteht das, ich jedoch nicht. Warum kann Kunst einen an sich kunstsinnigen Menschen derart überfordern, ihn aus der Bahn werfen, so dass er sich zum Zerstörer eines Werkes entwickelt? Einem Auto beim Rosten zusehen soll ausreichend sein, so der "Schlächter". Der Bildhauer indes, nach dieser Begegnung, bringt dann nicht mehr zusammen, was vormals getrennt war, sondern zerlegt "Schraube um Schraube, Draht um Draht", breitet alle Einzelteile auf dem Boden seines Ateliers aus. Dann wird er ruhig, als hätte alles seine Ordnung.
Ein philosophisches Problem, das wahrscheinlich nicht jedem Leser als überzeugender Lebenskonflikt einleuchtet. Natürlich passiert noch einiges mehr in diesem Buch. Der Bildhauer besucht einen todkranken Freund (und trifft dort eine besonders anziehende Frau). Das führt dann zu einer Sexszene, die man so wohl noch nie in einer Graphic Novel (ich bin mir dessen bewusst, dass dies ein Hilfsbegriff ist) angetroffen hat. Die beiden Körper werden auf vier stummen Seiten zur skulpturellen Einheit verschmolzen. Und dann gibt es noch diese Briefe an Miriade, die Briefe eines Professors, der ihr vermeintlich aus aller Welt Grüße schickt und doch in der Heimat bleibt. All das sollte man wissen, bevor man dieses Buch (erschienen in 3.000 Exemplaren) kauft. Es ist eine manchmal verkopfte, durchaus aber auch sehr sinnliche Geschichte, traurig und verträumt, mit genügend intellektuellem Ballast, der eine halbstündige Diskussion mit anderen Kennern sicherlich rechtfertigt. Aber als ich auf der letzten Seite angelangt war, wusste ich, was mir dennoch die ganze Zeit über fehlte: Die grellen Kreidefarben von Mattotti, dieser unverwechselbare Personalstil.