Margriet de Moor, die bedeutendste niederländische Schriftstellerin präsentiert mit "Der Maler und das Mädchen" nach "Erst grau, dann weiß, dann blau" (1993) und "Die Sturmflut" (1996)wieder einen großartigen, spannenden und bewegenden Roman.
Die wichtigste Figur, die auch im Titel vorkommt, ist Elsje Christiansen. Eine kleine Zeichnung der vom Henker laut Urteil "Erdrosselten" aus dem Jahre 1664 ist Ausgangspunkt der fesselnden Geschichte. Es handelt sich bei Elsje um eine historische Figur und bei dem Maler, der zweiten Hauptfigur des Romans, handelt es sich um Rembrandt, wenn dieser auch im Roman inkognito bleibt. Die Geschichte ist gerichtsnotorisch, das unterstreicht die Zeichnung des berühmten holländischen Malers mit der er ihren Namen bekannt gemacht hat. Sie ist achtzehnjährig auf dem Galgenfeld vor dem Rathaus in Amsterdam an einen Pfahl festgenagelt und erdrosselt worden. Vielleicht hat sich die Geschichte nicht Eins zu Eins zu zugetragen wie im Roman geschildert, das muss man einer so bekannten Autorin wie Margriet de Moor zugestehen. Die Bilder, identifizierbare Gemälde des Malers Rembrandt wie beispielsweise "Die Judenbraut" sind als Rahmenhandlung wunderbar beschriebene Dekorstücke.
Zum Plot: Elsje Christiansen aus dem dänischen Jütland kommt, achtzehnjährig voller Hoffnung, wie viele Arbeit suchende Immigranten im 17. Jahrhundert in das wirtschaftlich prosperierende Amsterdam. Amsterdam war damals neben Paris und London eine internationale Stadt mit einem großen Arbeitsangebot. Als Dienstmädchen sucht sie eine Stelle im Haushalt. Sie kam vom Land, wusste eigentlich nichts über das was sich in dieser großen Stadt alles ereignen konnte, war unschuldig und arglos und wusste natürlich auch nicht was Prostitution war. Schwestern spielen auch wie in "Sturmflut" eine Rolle in diesem Roman. Diese ältere Halbschwester Sarah Dina können wir als eine Art Lockvogel" ansehen. Elsje macht sich auf die Suche nach ihr, findet sie aber nicht. Möglicherweise ist sie an der Pest gestorben die ein Jahr zuvor in der Stadt ausgebrochen war. Sie gerät an eine Zimmerwirtin, eine eigentlich ganz verträgliche, jedenfalls keineswegs bösartige Frau, die ihre Pension auch als Stundenhotel führt. Elsje irrt in der Stadt umher, sucht so bescheiden wie möglich zu leben.
Als Elsje eines Tages ihre Miete nicht mehr bezahlen kann, drängt die Wirtin, eine damalige "Schlaffrau", Elsje darauf das Geld auf eine einfachere Art zu verdienen, zum Beispiel durch entgeltlichen Männerbesuch. Elsje, noch fast ein Kind, hat das nicht genau verstanden, doch die Situation eskaliert, sie verliert die Nerven, sie hätte weglaufen können aber da sah sie, wie von einer helfenden Hand platziert, ein Beil und benutzt es um ihre Zimmerwirtin zu töten. Eigentlich ein sinnloses Verbrechen. Die Richter versuchen Elsje dazu zu bringen das sie ihre Tat bereut, um noch eine Bestattung zu bekommen. Sie stellt sich stur und bereut nicht. So wurde ihr Körper am Pfahl ausgestellt und da man damals an die Einheit von Körper und Seele glaubte, war die Seele auch verloren, weil man dem Körper die Erdbestattung versagte.
Der Maler wollte bei der Hinrichtung nicht dabei sein, weil er sich selber in einer tiefen Lebenskrise befand. Er hatte seine zweite Frau, die er sehr geliebt hat, an der Pest verloren und er war eigentlich finanziell am Ende, da er auch von den liberal fortschrittlichen Amsterdamer Ratsherren keine Unterstützung erhielt. Er war zu dieser Zeit wirklich eine überaus tragische Figur, denn man hatte ihm nach seinem Konkurs alles genommen was er besaß. Der Sohn Rembrandts war bei der Hinrichtung und seine Emotionen übertrugen sich auf den Vater, so brach er schließlich auf und hat abends das Mädchen in Tusche gezeichnet.
Auf der einen Seite , der große finanziell angeschlagene Amsterdamer Maler, der den Höhepunkt seines Ruhmes hinter sich hatte, der diese Zeichnungen gemacht hat und auf der anderen Seite das tragische Schicksal von Elsje, einem jungen, unschuldigen noch so lebensfrohen Mädchen, was eigentlich das Leben noch vor sich hatte, das sind Erzählstränge, die unglaubliche emotionale Spannungen erzeugen.
Auch in diesem Roman, ähnlich wie in Sturmflut" (s. meine Rezension 05.04.2006), könnte man der Meinung sein, es sei ein historisches Sachbuch, das ist es in irgendeiner Form auch. Vordergründig ist es jedoch eine hoch literarische Geschichte, in der es auch wieder sehr stark um Schuld und Schuldgefühl geht. Die Autorin ist bei dem Mädchen und versteht warum sie nicht bereuen will, vermeidet durch Aussparungen das intensive Deuten und die Suche nach Schuldgefühlen, weil sie möglicherweise die Geschichte als tragisch im griechischen Sinne gedeutet sehen möchte. Zunächst läuft alles scheinbar voller Hoffnung in geordneten Bahnen und dann passieren plötzlich Dinge, ein Schritt voller Panik in die verkehrte Richtung, und das ganze Leben findet ein tragisches Ende. Durch die Schönheit ihres Stils und durch verwebte strukturelle Spannungsfeinheiten gewährt uns die Autorin den Trost den sie ihren Geschöpfen nicht zugesteht.
Das Thema des Buches ist schnell fokussiert, nämlich die bis ins Mark anrührende Schrecklichkeit auf der einen Seite und die fesselnde Integrität eines Kunstwerks auf der anderen Seite. Eine unglaublich spannende und berührende Geschichte nach einer wahren Begebenheit, ein Roman der einen unglaublichen Sog ausübt, man möchte ihn lesen ohne ihn überhaupt aus der Hand zu legen. Meine uneingeschränkte Kaufempfehlung.