Heute ist hier der erste Schnee gefallen. Und auch die letzte Seite dieses Buches.
Endlich ein Buch von B. Niquet, das mir gefällt. (Na gut, es war erst das zweite.) War die "Finale Senkrechte" aus meiner Sicht kunstaffin und schräg, mit dem endlosen Loop des Spekulanten Streletzki, der morgens in aller Herrgottsfrühe ..... Eine groteske Parodie auf den medialen Leierkasten-Alltag im Finanz-u. Börsengeschehen. Das Lesen hatte mich wahnsinnig und sauer gemacht, weil meine Erwartung an das Buch eine ganz andere gewesen war. Ich konnte kaum einen Zugang dazu finden. Ein Werk für Finanzkunstliteraturfreaks, wenn es soetwas geben sollte. Hier wäre ein *MAD* im Titel ziemlich treffend für den Inhalt des Werkes gewesen.
Der MADchester Kapitalismus ist da von ganz anderer Natur und ganz nach meinem Geschmack. Hier wird die persönliche Geschichte Klaus Derwingers, und darin verflochten die finanzwirtschaftliche Entwicklung der letzten 40 Jahre im Kleid eines Romans, erzählt. Die persönliche Geschichte, deren Höhepunkte und Niederlagen, wie von Geisterhand an das Los eines nordenglischen Fußballclubs, der dortigen Musikszene und einer schwer zu vergessenden Romanze der Jugendzeit geknüpft sind.
Beim Studium die Erkenntnis, daß die Wissenschaft aufgrund ihrer Konstruktion, essentielle wirtschaftliche Vorgänge, die durch gesellschaftliche Effekte hervorgerufen werden, überhaupt nicht betrachtet, da dies im Widerspruch zu ihren Grundpfeilern stünde. Dies ist für Derwinger nicht hinnehmbar, so daß er sich für einen eigenen Weg entscheidet und sich der Privatforschung widmet.
Durch eine Krise findet er - als letzten Ausweg - zur Psychoanalyse, verarbeitet dabei Vergangenes und gewinnt neue Erkenntnisse über sich selbst. Darüber hinaus ermöglicht ihm diese intensive Selbstreflexion tiefere Einblicke in die Triebkräfte der Märkte, welche ja kein unabhängiges Ordnungsystem per se bilden, sondern ein durch Menschen bewegtes "Chaos" sind. Das Subjektive ist dabei genauso wichtig wie das Objektive. Sowohl die allgemeine Berichterstattung der Medien als auch die Wissenschaft beschäftigen sich ausschließlich mit dem Objektiven. Gerade aber die Auseinandersetzung mit dem Subjektiven und die daraus resultierende andere Betrachtungsweise machen Derwinger zu einem Akteur, der seinesgleichen sucht. Zu Einem, der "neben dem Parkett" steht - und das auch gern so möchte.
Fachlich und belletristisch hält sich das Buch in etwa die Waage. Fachlich faszinierte mich grundsätzlich die Kombination aus Psychologie, Soziologie, Philosophie und Finanzmärkten. Speziell bei den Themen "Vermögenslawine beherrscht Güterproduktion", "Der Mensch in der Situation des Überflusses" und "Entwicklungstendenzen des Kapitalismus" kann man neue Erkenntnisse und Antworten finden.
Subtiler und kurzweiliger als Kostolany, weniger Gehetztheit und mehr Tiefgang als bei Jim Rogers' "Investment-Biker".
Es ist wie bei einem Film, den man gesehen hat und anschließend noch dazu das Buch wälzt. Da bleiben die Darsteller des Films auch beim Lesen in der Phantasie ein Bestandteil. Ähnlich ging es mir, nachdem ich zuerst die Kolumnen mit den Erlebnissen, Entdeckungen und Ansichten des Autors gelesen hatte. Da tauchen Entdeckungen und Phrasen des Autors plötzlich in den Erzählungen und der Gedankenwelt Derwingers auf. So verschmelzen beim Lesen des Buches letztlich der Protagonist Derwinger und der Autor Niquet zu einer Figur. Sie besitzen unübersehbare Gemeinsamkeiten.
Leicht verführen deshalb diese Parallelen zur sicheren Annahme, es handele sich um eine Autobiographie. Doch was an dieser Annahme ist tatsächlich Wahrnehmung und was reine Interpretation ?
Welchen Anteil die reale "Welt Niquets", seine Biographie, in diesem Buch einnimmt, bleibt am Ende für mich offen. Ein Spiel zwischen Schein und Sein. Genau eben wie das Spiel an den Finanzmärkten.