Krimi-Autoren aufgepasst: Aus Literaturrecherchen, Datenbanken des FBI und anderer Behörden, sowie aus umfangreichen eigenen Studien hat David M. Buss eine Fülle an grausigen Fallgeschichten und leidenschaftlichen Mordphantasien zusammengetragen, die Stoff für unzählige Krimis hergeben dürfte - Geschichten, die das Leben schrieb. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, warum Menschen andere Menschen töten.
Der Evolutionspsychologe.
David M. Buss ist keine Unbekannter. Der Psychologe und Protagonist der Evolutionspsychologie (Lehrbuch "Evolutionäre Psychologie") sucht die Gründe, warum Menschen einander töten, in der Evolution. Der evolutionspsychologische Ansatz geht davon aus, dass sich der Mensch über lange Zeiträume nicht nur körperlich an seine Umwelt anpasst, sondern auch sein Verhalten adaptiert. Zu diesen Verhaltensweisen gehört Frieden schließen, Freundschaften knüpfen, einander helfen und so weiter und, unter bestimmten Umständen, auch das Töten. Evolutionär setzen sich dauerhaft nur diejenigen durch, deren Gene sich durchsetzen. David M. Buss zeigt, wie sich Mord im Verlauf der Menschheitsgeschichte unter bestimmten Umständen gelohnt haben dürfte. Das Erbe steckt in uns.
Die eigenen Gene weitergeben.
Eine Schlüsselstellung nimmt der evolutionäre Wettstreit um die besten Fortpflanzungsmöglichkeiten ein. So sind beispielsweise in allen Kulturen die Chancen für Männer sich fortzupflanzen umso besser, je höher ihr sozialer Status ist. Verliert er die Partnerin, insbesondere an einen anderen Mann, sinkt sein sozialer Status und verringert seine Chance, sich fortzupflanzen. Die Ermordung des Nebenbuhlers verhindert dessen Reproduktionsmöglichkeit und wirkt abschreckend. In der Menschheitsvorgeschichte ein Grund zum Mord, der sich für den Mörder vermutlich "lohnte".
Parallel zu Tötungsstrategien dürften sich auch Abwehrmechanismen (ein Gefühl für Gefahr, Verteidigungsstrategien) entwickelt haben. Nun leben wir heute unter anderen Bedingungen als unsere hominiden Vorfahren. Heute ist nicht nur der Mord keine evolutionär sinnvolle Option mehr, auch manche Abwehrmechanismen greifen nicht mehr richtig. So ist die Angst von Frauen, von fremden Männern vergewaltigt oder ermordet zu werden, möglicherweise ein evolutionär gebildeter Abwehrmechanismus, denn ein Fremder war gefährlich. Heute ist es jedoch so, dass die weit überwiegende Anzahl von Vergewaltigungen und Ermordungen von Familienangehörigen, Verwandten und Bekannten begangen wird. Unsere Abwehrmechanismen haben sich in der Kürze der Zeit noch nicht anpassen können und laufen ins Leere.
Bei manchen Thesen, die früheres Zusammenleben und Sozialverhalten betrachten, ist allerdings Vorsicht angebracht. Naturgemäß wissen wir wenig darüber, wie das soziale Leben unserer Vorfahren vor Millionen von Jahren ausgesehen hat. Trotzdem lässt sich aus den Beobachtungen ableiten, wer Gefahren ausgesetzt ist und wie man ihnen begegnen kann. Hier wird David M. Buss konkret.
Spannend.
Im Lauf der Lektüre kann man leicht auf den Gedanken kommen, wir lebten in einer Mordswelt. Und es gilt auch hier der Vorwurf, den man Psychiatern schon gemacht hat, die aus den Fallstudien ihrer Patienten allgemeine Verhaltensweisen abgeleitet haben: Wenn man nur noch Kranke sieht, verstellt sich vielleicht etwas der Blick auf die Realität. Und so erinnern wir uns daran, dass unter den achtzig Millionen Menschen in Deutschland pro Jahr gerade mal etwa achthundert gewaltsame Tötungen (das sind achthundert zuviel) registriert werden, die meisten Menschen also damit nicht in Berührung kommen. Auch, wenn unser Eindruck ein anderer ist, da wir jeden Totschlag von Los Angeles bis Shanghai in den Medien berichtet bekommen. Mehrmals.
Trotzdem, jeder Mord ist einer zuviel. Nur wenn wir die Mechanismen verstehen, die hinter Tötungsdelikten stehen, können wir die richtigen Maßnahmen ergreifen. Die Thesen regen zur Diskussion an und das Buch ist absolut spannend zu lesen. Empfehlenswert - nicht nur für Krimifreunde.