"Der Lotusgarten "(Wer denkt sich eigentlich solche Titel aus?)ist Linda Holemans drittes Buch, das ich gelesen habe. (Am Ende eines jeden Buches erfährt man, dass es sich um ein jeweils weiteres Familienmitglied handelt, dessen Geschichte erzählt wird.)
In dieser Geschichte steht die 15-jährige Pree Fincastle im Mittelpunkt des Geschehens. Wir befinden uns in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Indien, genauer gesagt 1871. Die Sepoy-Aufstände haben ihre Spuren hinterlassen, aber das Volk der Inder ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Vereinzelt kämpfen junge Angehörige des Landes noch immer gegen die ihnen verhassten Kolonialherren. Von diesem Hass erfährt Pree Fincasle allerdings noch nichts, denn sie hat ihr eigenes Schicksal zu meistern.Auf einer abgelegenen und ärmlichen Missionsstation in der Nähe von Lahore, lebt Pree mit ihren Eltern und dem sechs Jahre alten Kai, dem Sohn einer einheimischen Angestellten und fristet ein eintöniges Dasein. Ihre Mutter, die durch die Einnahme einer Droge immer mehr dem Wahnsinn verfällt, will sie mit aller Macht zu einer gottesfürchtigen jungen Frau erziehen und gibt ihr doch jeden Tag zu verstehen,dass sie ihren Ansprüchen nicht gerecht werden kann.Durch ihren Vater erlebt sie zwar liebevolle Behandlung, doch auch er kann sich gegen seine dominante Frau nicht durchsetzen.Allein Kai macht ihr das Leben auf der Missionsstation erträglich. Mit zunehmendem Alter verliebt sich Pree immer mehr in Kai und ist verzweifelt,als Kai die Mission verläßt,um seinem Volk beim Aufstand gegen die Engländer zu helfen.
Ihre Mutter baut immer mehr ab, sodass Pree immer mehr Aufgaben übernehmen muss. Die Arbeit auf der Krankenstation bereitet ihr allerdings sehr viel Freude und ist ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. Als ihre Eltern sterben, hinterlassen sie ihr nicht nur eine heruntergekommene Missionsstation, sondern auch das Wissen, dass sie nicht der Mensch ist, der sie zu sein glaubte und auch dass das Leben ihrer Eltern eine große Lüge war.Als die Verhältnisse auf der Station unerträglich werden, entschließt sie sich zur Flucht.
Nachdem der erste Teil des Buches sehr langatmig wirkt durch die sehr ausführlichen Beschreibungen des Missionslebens, gewinnt die Geschichte in der zweiten Hälfte richtig an Fahrt. Prees Erlebnisse, ihre Flucht und ihr neues Leben, werden spannend und anschaulich beschrieben.Auch die immerwieder einfließenden Beschreibungen der indischen Denk.-und Lebensweise, haben die Handlung für mich interessanter und bunter gemacht.Das Buch hätte für mich im ersten Teil durchaus 200 Seiten weniger haben dürfen, da ich das eine oder andere Mal versucht war es wegzulegen,aber ich bin am Ende froh, dass ich durchgehalten habe,denn es ist für mich im zweiten Teil zu einem wunderschönen Leseerlebnis geworden.