Maaz überträgt in seinem Buch Probleme aus der Individualpsychologie in einen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang, der nach gründlichem Nachdenken logisch erscheint und nach einer näheren Betrachtung verlangt. Leider hat er diese Zusammenhänge an manchen Stellen zu kurz ausgeführt, so dass der Leser viel Eigenarbeit leisten muss, um den Gesamtzusammenhang zu erkennen. Beim einmaligen Lesen entsteht leicht der Eindruck amerikanischer Flachschwimmer-Psychoberatungs-Bücher, frei nach dem Motto: "Hier ist mein Rezept, wende es an und du wirst glücklich." Ganz so einfach ist es aber nicht, und ganz so einfach macht es Maaz sich selbst und seinen Lesern nicht.
Es wäre falsch zu behaupten, er gäbe den Frauen/Müttern die Schuld an dem aufgezeigten Mangel, der dem Leben eines Menschen den Fluch eines "Sei nicht, lebe nicht, sei so, wie die anderen dich brauchen!" aufbürden kann. Dieser Einfluss auf das Kind geschieht zwar direkt und zuerst einmal durch die wichtigste Bezugsperson, ist aber nicht hauptsächlich von ihr verschuldet, sondern von gesellschaftlichen Strukturen, die leider schon sehr lange bestehen.
Ich sehe es als Luxus der heutigen Zeit, dass es solche Bücher gibt, dass es Menschen gibt, die endlich weiter sehen als es die aufgesplitteten Wissenschaften (Psychologie, Psychoanalyse, Soziologie) im Einzelnen vermögen.
Ein mutiges Buch, das mir Zusammenhänge eröffnet hat, die ich schon sehr lange erahnt habe, aber nie in Worte fassen konnte.
Es kann nicht als Ohrfeige gegen Frauen zu verstehen sein, da er in der Ursachenbehandlung von den Männern ebenso schonungslos spricht wie von den Frauen (auch wenn das Wort "Mütter" sehr viel öfter genannt wird, dies aber um den Einfluss auf das Kind zu erläutern).
Er fordert dazu auf, sich mutig und ganz individuell seinem eigenen Schmerz zu stellen und ihn damit in sein Leben zu integrieren. Sonst besteht leicht die Gefahr, dass man seine eigenen Kinder wiederum dazu zwingt, ihren Schmerz nicht zuzulassen. Der Zwang, negative Gefühle nicht zu äußern, führt zur Abspaltung der eigenen Gefühle. Abgespaltene Gefühle führen dazu, dass man Feindbilder benötigt, auf die man seine negativen, unerwünschten Gefühle projizieren kann.
Maaz leistet meiner Ansicht nach einen wichtigen Beitrag zu einer Weiterentwicklung unserer Gesellschaft, indem er Mütter auffordert, den Schmerz ihrer Kinder zu akzeptieren und offen damit umzugehen, statt ihn selbst zu verdrängen und damit auch ihre Kinder zu zwingen, ihn nicht zu äußern (genauere Erläuterungen dazu sind reichlich vorhanden). Das bedeutet in keinster Weise Mehrarbeit für die bereits überbeanspruchten Mütter, sondern eher eine riesige Erleichterung im Umgang mit den eigenen Kindern.
Die seelisch gesünderen Kinder, die aus einem Umgang mit ihnen in Maaz' Sinne hervorgehen werden, können unsere Welt verändern. Beginnen müssen aber die Mütter damit, und das ist heute unser Beitrag für die kommenden Generationen. Wir sollten ihn annehmen und uns selbst verändern. Die Hände in den Schoß zu legen, obwohl wir die Möglichkeit dazu haben, etwas zu verändern, wäre ein Verbrechen an unseren Kindern. Wer die von Maaz aufgeführte Möglichkeit nicht nutzt oder es wenigstens versucht, der macht sich in meinen Augen wirklich schuldig und wird damit zum tötenden Bestandteil unserer Gesellschaft, von denen es leider viel zu viele gibt.