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Die Hauptfigur des Buches, Mr. Silvera, ist ein "Mann um die 40, groß und mager, mit einem scharf geschnittenen Medaillenkopf und leicht gekrümmten Schultern". Bezeichnend für ihn ist sein grashalmdünnes, nur sehr schwer deutbares Lächeln und seine viel sagende Antwort auf schwierige Fragen -- "ah". Man könnte sich für ihn alle möglichen Berufe vorstellen, aber er passt nur sehr schwer in das Bild eines Reisebegleiters. Mit unendlicher Geduld lässt er die immer wiederkehrenden Begeisterungsausbrüche der Touristen, die er durch Venedig führt, über sich ergehen: "Look, look, Mr. Silvera!"
Er kennt sein Venedig, doch er trennt ganz entschieden das Venedig der Touristen und die ihm bekannte Stadt. Es ist etwas Geheimnisvolles um diesen Mr. Silvera, der fließend suaheli und chinesisch spricht, sich an Fresken erinnert, die es an dieser Stelle seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gibt und auf einem Gemälde einen Angehörigen der Familie Fugger identifiziert, als ob er ihn selbst gekannt hätte. Ein wirklich faszinierender Mann, doch es ist nicht einfach, sich gerade in ihn bis über beide Ohren zu verlieben. Das führt unweigerlich zu Schwierigkeiten. Man hätte den beiden ihr Glück gegönnt -- welche Stadt würde sich besser dafür eignen als Venedig -- doch das Leben von Mr. Silvera lässt das leider nicht zu.
Fruttero und Lucentini spielen die verschiedenen Möglichkeiten der Figur des Mr. Silvera bravourös durch, selbst der CIA und der KGB werden nicht ausgelassen, doch diese Lösung ist für die beiden Autoren natürlich zu primitiv. Sagen sie doch von sich, dass sie genau die Bücher schreiben, die sie selbst gerne lesen würden. In einem Interview führen sie aus, dass sie bei diesem Projekt zum Ziel hatten, das alte Venedig sichtbar zu machen und so zu erhalten, bevor es in einem Abfallhaufen versinkt. Und dieses Ziel haben sie zweifelsohne erreicht.
Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz gehört zu jenen Büchern, von denen man sich während der Lektüre wünscht, sie mögen nicht aufhören. Man könnte noch stundenlang mit Mr. Silvera und seiner Prinzessin durch die verschlungenen Gässchen des kalten Venedigs streifen. Am Ende ist gar nicht so genau zu sagen, ob das nun ein Krimi war -- es kommt weder eine Leiche, noch ein Kommissar vor -- oder nur eine melancholisch angehauchte Liebesgeschichte. Derjenige aber, dem diese Zuordnung nicht so wichtig erscheint, der kommt bei der Gedankenspielerei um das Phänomen der Zeit voll auf seine Kosten. --Manuela Haselberger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Doch wer ist dieser magic Mr. Silvera mit seinem grashalmfeinen Lächeln und seinen wundervollen „Ah"-Ausrufen - seinen profunden Kenntnissen Venedigs und ihrer Historie und Kunst - seinem anscheinend profanen Erscheinen als Reiseleiter und seiner wechselnden Identität am Ende des Romans? Ein Schmuggler, Betrüger, wo sich sogar KGB und CIA einschalten oder - das bleibt des Lesers Phantasie überlassen - der ewige Jude bzw. der aus dem Italienischen übersetzte wandernde Jude Ashver. Die vielen Einblendungen biblischer bzw. jüdischer Geschichten verwirren einen etwas, da man sich anfangs auf einen festgelegten Typ versteifte, der am Ende mysteriös per Schiff ins Unbekannte reist, in ein weiteres Zeitalter, denn das Phänomen Zeit ist in diesem Roman ein Schlüsselwort. Ich halte erwähnenswert, daß die letzten Kapitel dem Thema ewiger Jude gewidmet sind, wodurch der Roman mehr zur Phantasiegeschichte mit biblischem Hintergrund wird. Hier nimmt die Geschichte einen tragischen, schmerzlichen Verlauf.
Der Abschied der zwei Liebenden, das Wissen der Prinzessin um Mr. Silveras wahre Identität, nämlich die des ewigen Juden, ihr unsagbarer Schmerz darüber, daß es zu keiner weiteren Begegnung mehr kommen wird, ist so realistisch feinsinnig beschrieben, daß man tatsächlich melancholisch wird, zumal in einer nebeligen Novembernacht in Venedig mit seinen feuchten Kanalufern und düsteren Gassen.
Bedauerlich und etwas befremdend, daß so viele Rezensenten diese letzten Kapitel nicht erwähnt haben, oder wurde das recht komplizierte verwirrende Ende vielleicht nicht verstanden? Ein Buch, das ich bereits in kurzer Zeit zum zweiten Mal gelesen habe, so begeistert war ich.
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