Wer ist Leser?
Ist dieses Buch ein Gewinn für Filmkenner mit philosophischer Ader? Nein, besser andersherum: Es ist Nahrung für Alltags-Philosophen, die schon immer auf utopische und Science-Fiction-Filme versessen waren; vorrangig wegen der Inhalte, nachrangig wegen der Effekte. Grundkenntnisse der Philosophie sind zum Verständnis des "Leinwandphilosophen" von Mark Rowlands hilfreich. Ohne die wäre das Lesen deutlich zu anstrengend. Das Buch verbindet Denken, Logik und Geistesgeschichte mit der filmischen Umsetzung von Realität und Fiktion. Es wird den Leser voraussichtlich dann bereichern, wenn dieser eigenes Handeln und das seiner Mitmenschen zu reflektieren in der Lage ist, wenn er nach-denkt, wenn er die Tiefe unter der Oberfläche sucht.
Sprachlicher Ausdruck
Zu schwierig, das alles? Nein. Rowlands hat sein Buch locker geschrieben, er macht zahlreiche Absätze, vermeidet "Bleiwüsten". Seine lässiger sprachlicher Ausdruck verleiht dem Inhalt eine angenehme Leichtigkeit. Trotzdem geht's ans Eingemachte: Und zwar, wenn der Philosophie-Professor von der Universität Miami sich darüber auslässt, ob das menschliche Sein an ein fest vorgeplantes, unveränderliches Schicksal geknüpft ist. Dabei bleibt die Sprache des Autors verständlich. Auch dann noch, wenn er darlegt, dass der Film "Minority Report" sehr viel mit der geistigen Strömung des "Determinismus" zu tun hat. "Deter...", was bitte?
Was Kino und Philosophie miteinander zu tun haben
Ja, ja, schon gut. Nur keine Abneigung, nicht aussteigen, bleiben Sie konzentriert und lesen Sie weiter! Sonst verpassen Sie die Chance, sich den Zugang zu einer ansonsten hochkomplex verschlüsslten akademischen Thematik zu erschließen. Erfahren Sie etwas über die (mögliche) Arbeitsweise des Schicksals! Über die ganz großen Zusammenhänge. Und nicht nur das. Hier einige Beispiele aus dem Inhaltsverzeichnis, die erahnen lassen, in welche Themenbereiche Rowlands einführt: "Matrix - Können wir uns überhaupt über irgendetwas sicher sein?", "Terminator - Der Körper-Geist-Problem", "Star Wars - Gut und Böse", "Blade Runner - Tod und Sinn des Lebens" sowie "Alien - Die Reichweite von Moral". Und - sehr hilfreich - am Ende werden in einem Glossar zahlreiche Fachbegriffe weitgehend verständlich erklärt.
Persönliche Wertung
Rowlands strafft ohne trivial zu werden. Dennoch mag sich der Leser manchmal etwas mehr Nachlassen, etwas mehr Luft im philosophiegeschichtlichen Faktennachschub wünschen. Und: Es kommt vergleichsweise weniger Kino bei sehr viel Philosophie zur Sprache. Einen bemerkenswert logischen Bruch beinhaltet der Untertitel des Buches: "Große Theorien von Aristoteles bis Schwarzenegger". Aber es hat schon einen Grund, warum es nicht "Von Aristoteles bis Kant" heißt. Mit den Originaluntertitel soll offensichtlich eine Brücke gebaut werden von einem Thema zum anderen. Kann zu Missverständnissen führen, das.
Das Buch entsprach annähernd den anfänglichen Erwartungen, war geistig sehr anregend und gut wegzulesen. Der Rezensent hat nach der Lektüre einige neue Erkenntnisse gewonnen, neue Sichtweisen erschlossen. Wäre da nicht - um noch einmal die Erbsenzählmaschine anzuwerfen - die Sache mit dem Buchtitel. Der ist nämlich auch nicht ganz treffend. Sicher nicht besser, aber signifikanter wäre der (zugebenermaßen idiotisch klingende) Titel "Die Philosophenleinwand". Der würde nämlich zuallererst die Denker unter den Filmfans ansprechen. Die sind das Zielpublikum dieses Buches. Und nicht die Filmfans unter den Denkern. Unterschied deutlich geworden?