Die Filme der Tschechoslowakischen Neuen Welle (Nová Vlna) sind in Deutschland bisher nicht auf DVD erschienen, dabei sind eine Vielzahl dieser Filme sogar deutsch synchronisiert worden. Zum Glück läuft der ein oder andere von ihnen hin und wieder im Fernsehen. Wer diese Filme gezielt sehen will, ist bisher auf englische DVD-Ausgaben angewiesen. Der US-amerikanische Criterion- und der britische Second Run-Verlag haben eine Vielzahl dieser Filmperlen in sehr guten Editionen in der Originalversion mit englischen Untertiteln veröffentlicht. Juraj Herz' großartigen Film "Spalovaè mrtvol" (Der Leichenverbrenner/The Cremator) war bisher ebenfalls nur in einer englischen DVD-Ausgabe von Second Run erhältlich. Der Kölner Verlag Bildstörung, der auf "abseitige" Sex&Crime-Filme spezialisiert ist, hat nun "Den Leichenverbrenner" für Deutschland in der tschechischen Originalversion mit Deutschen Untertiteln veröffentlicht.
Herz, Jahrgang 1934, studierte nicht wie viele seiner Kollegen an der FAMU in Prag, sondern, wie Jan Svankmajer an der AMU, der Hochschule für darstellende Künste. Laut Herz sei das der Grund dafür gewesen, dass er von den Regisseuren der Neuen Welle nie als gleichwertig anerkannt wurde. Herz sieht seine Vorliebe für das Düstere und Makabere als Antrieb für seine Filme. Das Politische stand, so gesteht er, für ihn nie, wie für seine Kollegen, im Mittelpunkt. In Wahrheit gehört "Der Leichenverbrenner" zweifelsohne zu jener tschechoslowakischen Neuen Welle, ebenso wie er zweifellos ein politischer Film ist. Juraj Herz lebte und arbeitete (als Regisseur) zwölf Jahre in Deutschland. Zuletzt führt er 2009 bei der deutsch-tschechisch-österreichischen Co-Produktion "Habermann" Regie.
Kar(e)l Kopfrkingl (Rudolf Hrusínský) Tscheche mit deutschen Wurzeln, arbeitet in einem Krematorium. Er ist ein anerkannter Bürger und Familienvater, der sich als waschechter Tschechen fühlt. Als die Deutschen die Macht im Land an sich reißen, wird er ganz schnell zum Deutschen, denunziert seine Kollegen und bringt Frau und Kinder (wegen ihrer jüdischen Abstammung) um. Er wird zum Dirktor seines Krematoriums und entwickelt gedanklich voll Lust Massenvernichtungskrematorien.
Kopfrkingl ist der typische Mitläufer ohne eigene Meinung. Er wiederholt nur die Aussagen der Anderen und erzählt seinem Gegenüber, was dieser hören will. Herz zeigt mit seinem Film, wie der Nationalsozialismus auf der untersten "Befehlsebene" funktionieren konnte. Eiskalt und emotionslos agiert Kopfrkingl.
Der Leichenverbrenner ist ein sehr durchkomponierter, präziser und poetischer Film. Er besticht durch seine perfekte Kamera, ein präzises Spiel, verbunden mit einer atmosphärischen Musik. Der Film basiert auf einen Roman von Ladislav Fuks. Gemeinsam mit dem Autor arbeitete Herz zwei Jahre an dem Drehbuch. Im auf der DVD enthaltenem Extra, zeigt Herz dieses Originaldrehbuch, das fast 1:1 umgesetzt worden ist. Jede Einstellung (außer der Boxkampf) war bereits darin vermerkt. Das sei auch der Grund gewesen, warum Dreh und Schnitt, dann sehr schnell gingen, erzählt Herz. Allerdings gab es eine Zwangspause. Nach dem Einzug der sowjetischen Panzer im August 1968, stockten die Dreharbeiten. Einige Schauspieler tauchten unter oder emigrierten. Zum Glück konnten die Arbeiten am Film beendet werden. Eine Besonderheit des Filmes sind die fließenden Übergänge zwischen den einzelnen Szenen. Kopfrkingl redet zum Beispiel mit einer Prostituierten und hängt bei ihr ein Bild an die Wand, während die Kamera zurück fährt merkt man, dass er längst daheim ist und mit seiner Frau spricht. Herz verrät, dass eine Erzählung von Jean-Paul Satre ihn zu dieser Montage-Technik inspirierte.
"Der Leichenverbrenner" wird einmal als Horrorfilm, dann wieder als schwarze Komödie bezeichnet. In Wahrheit ist er, obwohl er sowohl Elemente des Einen, wie des Anderen besitzt, weder das Eine, noch das Andere. "Der Leichenverbrenner" ist aus heutiger Sicht am ehesten als ein sehr musikalischer Kunstfilm zu bezeichnen. Er ist ein komplexes, streng komponiertes Kunstwerk, der seinen Horror hauptsächlich durch die realen Ereignisse im Nationalsozialismus gewinnt. (Juraj Herz war übrigens als Kind, wegen seiner jüdischen Abstammung, selbst im Konzentrationslager.) Die durchgehende, klassisch anmutende Musik von Zdenìk Liska trägt die Atmosphäre und steigert die surreal hypnotische Sogwirkung des Filmes. Ein wahres filmisches Meisterwerk!
Die DVD hat zahlreiche Extras von denen der Audiokommentar von Juraj Herz (in deutscher Sprache) und das 40-seitiges Begleitheft mit einem Essay von Adam Schofield und einem Interview von Ivana Kosulièová mit Juraj Herz aus dem Jahr 2001, besonders erwähnenswert sind. Es gibt noch zwei kleine Bonus-Filme, die aber wenig Informationsgehalt haben. Das alternative Ende ist nicht enthalten, wenngleich das Extra "Das alternative Ende und der Weg danach" es vermuten lässt. Das alternative Ende, das Herz nach dem Einzug der russischen Panzer 1968 in Prag gedreht hat, und in dem Kopferkingl mit den Sowjets zurückkehrt, ist verschollen und wurde vermutlich vernichtet. Die DVD befindet sich im Schuber mit gewiefter FSK-freiem Covermöglichkeit.
Herz bezeichnet seinen Film, wenn er ihn heute, 42 Jahre danach sieht, im Audiokommentar als "Reigen der Toten". Fast alle am Film Beteiligten sind heute tot. Um wie wertvoller ist diese deutsche DVD-Veröffentlichung in dem der 77jährige Juraj Herz sein Werk selbst erklärt.