Erst musste ich mich Einfinden in die Familie Gern mit Ihren Vorlieben und Eigenarten. Nur die Aufwärmphase hat diesen Roman für mich einen Stern gekostet. Susi Gern die Mutter der Familie ist eine herzensgute, letztlich einfach strukturierte Frau, die mit ihren Aufgaben wächst und diese mit Bravour erfüllt. Eine Familie der es finanziell sehr gut geht, auf der Sonnenseite des Lebens. Und mit dem gepflegten Einkauf in der Boutique kann man auch das Fremdgehen des Gatten besser verschmerzen. Schließlich ist er ehrlich und macht keinen Hehl aus seinen Liebschaften. Damit kann man das Fremdgehen schon fast ein wenig akzeptieren. Und dann der Fall der reichen Familie Gern. Das amüsant menschliche und doch distanzierte Verhältnis zu den Dienstboten. Die Kompagnons, die das Blaue vom Himmel herunter versprechen und sich dann doch an nichts halten. Die guten Geschäfte, die immer nur die anderen abschließen. Die Herausforderung an Susi Gern, als ihr Mann erkrankt und alt wird. Eine Aufgabe, die man ihr nicht zugetraut hätte und die sie mit Bravour meistert. Und gegen Ende taucht sie in eine neue Welt, eine neue Kultur mit ihrem zweiten Ehemann ein. Für den Leser eine Ehe, die sie aus der Not, aus Kompromissbereitschaft eingegangen ist, für die Hauptdarstellerin aber offensichtlich mehr. Ein Buch in das man Eintauchen kann, seine Sicht der Dinge behalten, mit dem Stück Leben, das man gezeigt bekommt, vergleichen und niemals den Faden verlieren. Und alle Facetten im Gefühlshaushalt werden angesprochen. Das macht es so interessant und abwechslungsreich: das Schwanken zwischen überheblichem, fast mitleidigem Blick auf die vermeintlich so einfach strukturierte Frau Gern. Der Traum vom souveränen Reichsein. Das Stück Menschlichkeit, mit dem sie von ihren Kindern auf den Boden der Tatsachen geholt werden und die zweite Ehe, die in unserer Umwelt auf soviel gerunzelte Augenbrauen stösst. Allein der Altersunterschied! Da sieht man beim Lesen förmlich die geschürzten Lippen. Für mich ein zeitloses Buch, weil es eine zeitlose Geschichte ist. Nur das Drumherum lässt das Entstehungsjahr erkennen.