Aus der Amazon.de-Redaktion
Im neuen Roman von Martin Walser sind die Katzen das einzig Beständige im Leben Susi Gerns -- und ihre behinderte (oder vielmehr "leicht beschädigte") Tochter vielleicht. Ihr Mann hat sich schon lange anderen Frauen zugewandt, mit denen er sich auf Dienstreisen nach Rom vergnügt, während für Susi nur Fahrten in die neuen Bundesländer übrig bleiben. Der erfolgreiche Düsseldorfer Geschäftsmann steht auf Affären, Susi aber will Ewigkeit und zieht sich in die innere Emigration zurück: "Liebe hieß bei mir immer für immer". Aber nichts ist für die Ewigkeit: Irgendwann ist Edmund ruiniert und stirbt, und Susi wieder ganz allein. Neue Kolonien ihrer Sehnsucht müssen nun besiedelt werden: Der "Lebenslauf der Liebe" fängt von vorne an.
Über hundert Fotos hat Andy Warhol von Susi Gern und ihrem Mann gemacht, und doch das Wesentliche nicht so richtig zu fassen vermocht. Martin Walser braucht 525 Seiten dazu und dann ist das Porträt einer nie gestillten Sehnsucht nach reiner Liebe voller Poesie und Intellekt fassettenreich ausgemalt. Hätte Marc Chagall mit Pablo Picasso gemeinsam Romane geschrieben, dann wäre wohl ein ähnliches Buch entstanden. Wie gut, dass wir den Walser haben. --Thomas Köster
Neue Zürcher Zeitung
Martin Walsers Roman aus der Mitte der Republik
Von Andrea Köhler
«Der Lebenslauf der Liebe» ist ein Buch über den Ruin physisch, seelisch und materiell, ein Buch über das Altern und die Unbelehrbarkeit seiner Heldin. Susi Gern ist nicht Madame Bovary und Martin Walser nicht ihr Flaubert, doch hat sich der Autor seiner Figur auf Herz und Nieren verschworen.
Conny ist geistig behindert, im Herzen rein und so breit wie hoch. Meistens hockt sie in ihrem Zimmer und schaufelt Fünfzigpfennig-Stücke von einem Topf in den andern. Das Geräusch bringt die Mutter zur Raserei. Später, wir schreiben inzwischen die neunziger Jahre, ist es das Pfeifen, Jaulen und Rattern des Videospiels, das die Mutternerven auf die Zerreissprobe stellt. Doch die Mutter ist herzensgut. Ihr grösster Fehler ist ihre Duldsamkeit, «ihr Glück war immer, entsprechen zu können». Das muss man aushalten können. Tochter Conny hat noch eine andere Obsession: Sie will, was sie erlebt hat, immer fünfmal erzählen. Viel ist das nicht, aber Connys Begeisterung für das wenige ist enorm. Wer das nicht aushält, der ist für diesen Roman verloren.
Martin Walser hat einmal mehr eine Geschichte aus dem Herzen der Republik geschrieben, eine deutsche Saga von Aufstieg und Fall einer Anwaltsfamilie im neureichen Düsseldorfer Prada-Milieu: den weiblichen Lebenslauf der Liebe vom ersten Tanztee bis zum letzten Geleit, von Seite 1 bis Seite 526. Dazwischen ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, die Familie physisch mehr oder weniger und finanziell ganz ruiniert, die Schwiegertochter von einer Brücke gesprungen, der Sohn ins kriminelle Milieu abgerutscht, doch die behinderte Tochter ist sich die ganze Zeit gleich geblieben. Conny ist so etwas wie die heimliche Hauptfigur in Martin Walsers neuem Roman.
Die wirkliche ist ihre Mutter und heisst Susi Gern. Sie ist also eine Namensvetterin der einsilbigen Helden des Autors, der Herren Fink, Dorn, Halm, Zürn und eine entfernte Base im Herzen. Denn obschon es mit Susi, wie mit allen Gestalten Walsers, unaufhörlich bergab geht, wütet in ihrem schlichten Gemüt ein unerschütterliches Glücksverlangen.
DEUTSCHES DURCHSCHNITTSGEMÜT
Es gibt ein reales Vorbild für Walsers Figur, für den Düsseldorfer «Lebenslauf der Liebe». Diese Susi, Jahrgang 32, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, aufgestiegen in einen «Dachpalast» von 380 Quadratmetern, mit 14 Schränken voller Gucci-Kleider und Bally-Schuhe, drei Haushälterinnen, zwei Nebenwohnungen, mit Porsche, Bentley, zwei missratenen Kindern und einem halben Walser'schen Innenleben der Schriftsteller kennt die Person hinter seiner Figur seit vielen Jahren, er hat sich mit ihr getroffen, um diesem Buch ihre Stimme aufzuprägen, ihr Selbstbild einzuverleiben. Er lässt sie reden, wie eine, die Susi Gern heissen könnte, wohl reden muss, und spricht doch mit unverwechselbar Walser'schem Empfindungs-Furioso. Denn Susi Gern ist natürlich nicht bloss die Frau, die Walser für dieses Buch in Düsseldorf aufgesucht hat. So wenig wie Stefan Fink jener Wiesbadener SPD-Ministerialrat, dessen Krieg gegen Parteienfilz und Ämterpatronage das Vorbild für den vorletzten Roman abgab. Doch Susi Gern hat dem Schriftsteller die Handschellen einer echten Zuneigung angelegt. Dieser Heldin der Duldsamkeit, dieser tapferen Heroine des deutschen Durchschnittsgemüts möchte der Autor ein Denkmal setzen. So ist ein Zwitter aus ihr geworden: halb Walser'sche Type, halb du und ich.
Die Literatur und das Leben. Die Verwechslung von beidem kann wie der Klamauk um Hürlimanns jüngste Novelle zeigt kuriose Blüten treiben. Neuerdings greifen deutschsprachige Schriftsteller wieder vermehrt zu realen Figuren und wirklichen Lebensläufen, entzündet sich die Phantasie an authentischen Schicksalen; vermutlich, weil das Leben noch immer die beste Erfindung ist. Auch Martin Walser hat dieses Vorgehen bereits in der «Verteidigung der Kindheit» (1991) und in «Finks Krieg» (1996) erprobt. Der Romanheld, hat Walser einst in seinem «Vormittag eines Schriftstellers» geschrieben, sei eine «Entblössungs-Verbergungsmöglichkeit», man könne durch ihn Sätze sagen, die man ohne diese Figur gar nicht sagen könnte. Die Figur sei für den Autor «eine Puppe, mit der er Erfahrenes umwerten kann». Schwieriger wird das, wenn diese Puppe auch in der Wirklichkeit existiert. Dann ist die Frage nicht mehr nur, was der Schriftsteller mit der Realität, als vielmehr, was die Realität mit dem Schriftsteller macht.
«Der Lebenslauf der Liebe» setzt ein in Susis 56. Jahr, am Schluss ist sie 68. Susi Gern ist also eine alternde Frau, und das ist bekanntlich nicht schön. Doch schöner, meint Susi, sei das Altern der Frauen als das der Männer. Um dieser nicht eben gängigen Ansicht zu ihrem Recht zu verhelfen, führt Martin Walser den Ehemann Susis als «Pipi-machenden» Parkinson-Fall in das letzte Stadium der Inkontinenz; noch als in Windeln gepackter, sabbernder Greis will Edmund sich freilich «den Schwanz nicht abschneiden lassen». Das ist die Formel für seine Sexmanie bis zum bitteren Tod. Susis neuer Gatte dann, zehn Jahre später, ist Marokkaner, ein in penibler Religionsausübung befangener Muslim, treu, stumm wie ein Fisch und 38 Jahre zu jung. Doch Susi, die Duldsame, liebt ihn mit der ganzen Entsprechungswut ihrer törichten Mädchen-Seele. Und weil die personale Erzählhaltung die Walser'sche Zentralperspektive uns einen intimen Blick nicht nur in ihr Seelenleben, sondern auch auf ihr verfallendes Fleisch erlaubt, wird uns die detailgenaue Zerrüttung des Körpers nicht vorenthalten eine stilistische Gratwanderung auf der Grenze zwischen gebotenem Voyeurismus und der Gefahr des Verrats, die der Roman mit solidarischem Takt bewältigt.
Denn auch Walser liebt seine Susi mit einer heissen Entsprechungswut, mit dem Wunsch, ihrem Wesen und Wollen bis in den letzten Winkel ihres tapferen Herzens zu folgen. Das ist nicht schwer, denn Susis Herz ist zwar gross, hat aber nicht viele Kammern. Und so muss der Autor, was ihm die Figur (oder die Treue zu ihrem Vorbild) an Seelenprofil verweigert, mit einer Detailfülle kompensieren, die den Materialrealismus dieses Buchs ins Absurde schraubt. Besonders hat Walser die Liebe der Heldin zur Doppelung in die Sätze kopiert: Sie kauft, was ihr gefällt, immer gleich zweimal; und sie kauft viel. Die Wiederholungstobsucht in diesem Roman ist kein Mangel an Ökonomie, sondern das dem Entsprechungswunsch gehorchende Stilprinzip.
«Der Lebenslauf der Liebe» ist ein Buch über den Ruin physisch, seelisch und materiell, ein Buch über den Niedergang aller Hoffnungen und die Unbelehrbarkeit seiner Heldin. Am Anfang treffen wir Susi Gern am Frühstückstisch an, ihren Kätzchen, wie jeden Morgen, die «Quarkfinger» hinstreckend, sowie Edmund Alexander Gern seine Initialen schmücken Socken, Manschettenknöpfe und Unterhosen in Vorbereitung einer millionenschweren Finanztransaktion und einer Rom-Reise, die er in Begleitung von einer seiner drei Dauergeliebten anzutreten gedenkt; «Blödesuse» packt ihm wie üblich auch noch den Koffer. «Alles ist erlaubt, doch nichts hinter dem Rücken des anderen», ist Edmunds Ehe-Devise, was weniger eine private Diktatur der Ehrlichkeit als vielmehr den Freibrief für seine notorischen Eskapaden darstellt, die Susi mit Kontakt-Annoncen in der «Rheinischen Post» zu kontern eher gezwungen als gewillt ist.
So kommt sie an Kerle wie den kaffeebraunen Tunesier Lotfi, den dauerkochenden Libanesen Salim, den rheinischen Burton-Verschnitt Dirk Pfeil oder das blonde Musketier Klaus und Martin Walser zu der Gelegenheit, seinen Beschreibungsfuror an Typen auszuprobieren, denen er innerlich nicht verpflichtet ist; wobei wir in «Klausdrei» «man möchte es einfach nicht für möglich halten, wie verschieden voneinander Männer sein können, die dann doch alle Klaus heissen» einmal mehr einen alten Bekannten aus früheren Büchern begrüssen dürfen. Und natürlich ist auch Susis Suada von Walser'schen Topoi und Gegensatzpaaren durchsetzt, von dem Grundkonflikt zwischen den «kartoffeltriebblassen» Seelenarbeitern und den studiogebräunten Mittelpunktsmännern zum Beispiel, sowie von einer sich selber ständig ins Wort fallenden Verneinungsrhetorik. «Das Leben muss doch, wenn es gut verläuft, so verlaufen, dass man gern stirbt. Dazu muss es schlecht verlaufen. Das Leben muss also, wenn es gut verlaufen soll, schlecht verlaufen», lautet das erste Axiom der Walser-Logik. Dem wird Genüge getan mitunter auch auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Figuren.
GRELLBUNTE INSZENIERUNG
Mehr denn je ist der Walser'sche Hang zur Überzeichnung von satirischem Ingrimm befeuert, vermutlich weil das Milieu, dem der Autor hier seine Reverenz erweist, einmal nicht aus der Perspektive der von unten nach oben Schielenden aufgenommen wurde, sondern gewissermassen frontal. Auch die Namensgebung lässt nicht eben auf eine Feinzeichnung der Charaktere schliessen. Wer Helmut Hellpapp, Ottilie Oschatz, Aenne Klomfass oder gar Heimchen Pudlich heisst, ist für ein individuelles Geschick von vorneherein verloren. Es scheint, als sei das Doppelporträt, das EAG von sich und seiner Suse durch Andy Warhol anfertigen liess, auch für die Figurenzeichnung des Buches stilbildend gewesen. Ist «Der Lebenslauf der Liebe» womöglich ein verkappter Pop-Roman?
In der Tat trägt die grellbunte Inszenierung des deutschen Alltagslebens schrille Schockfarben; sollte man diesen Roman kolorieren, fielen einem vermutlich als Erstes die Farbtöne Pink (die Farbe von Susis Traumporsche) und Orange ein. Rabenschwarz aber ist der Humor, mit dem Martin Walser den Lebenslauf der Liebe dem Alter zutreibt, und nicht zufällig wohl hat er sich für dieses heikelste aller Themen als Hauptfigur eine Frau ausgesucht etwa so, wie man peinigende Gefühle im Schutz einer fremden Sprache leichter ausdrücken kann.
«Ich will nicht so sein, wie ich bin», heisst der Satz, der als Damoklesschwert über jeder männlichen Walser-Figur schwebt; das treibt diese Selbstbezichtigungsvirtuosen in ein implodierendes Dauerlamento. Anders Susi: «Sie wusste, dass sie sich endlich ablehnen musste. Das schaffte sie nicht.» Auch ihr Porträtist schafft das nicht. Das mag, neben der Selbstverpflichtung auf den authentischen Lebenslauf, daran mitgewirkt haben, dass diesem Buch fehlt, was Walsers Bücher vor allem andern auszeichnet: die vertrackte Komik, die stilistische Dialektik, kurz: die Seelenarbeit der Ironie.
Kompensiert wird dieser Mangel freilich durch einen Sarkasmus, der den Düsseldorfer Lebenslauf in die Nähe jener geharnischten Gesellschaftssatiren rückt, für die Martin Walser in seinem Roman «Ehen in Phillipsburg» vor 44 Jahren den Grundstein legte. «Der Lebenslauf der Liebe» ist ein radikales Buch radikal bis ins Monströse, polemisch bis zum Hohn, taub gegen jeden mildernden Umstand. Das macht diesen Roman über weite Strecken höchst unterhaltsam und führt doch aufs Ganze gesehen, wie jeder Dauerbeschuss, zu gewissen Ermüdungserscheinungen. So furios Martin Walser die Verlaufskurve dieses Liebeslebens zunächst in die Höhen seiner Beschreibungskünste katapultiert, so unbarmherzig lässt er seine Heldin zuletzt in den Schlund der Ausführlichkeit stürzen. «S'iss wie es iss», lautet die vorletzte Einsicht der Susi Gern. Und vielleicht ist das Leben ja wirklich so: eine einzige Wiederholung zum Schlechteren. Auch das muss man aushalten können.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 19.07.2001
Der Roman über die Lebensgeschichte der Düsseldorfer Großbürgerin Susi Gern, die, aus kleinen Verhältnissen stammend, den erfolgreichen Wirtschaftsanwalt Edmund heiratet und fortan ein unglückliches Leben im Luxus mit sexuellen Eskapaden führt, trägt für Martin Lüdtke die typische Handschrift Martin Walsers. Auch hier hat der Autor seine Figuren mit persönlichen Erfahrungen ausgestattet und Menschen aus seinem Umfeld zur Vorlage genommen, berichtet der Rezensent. Wieder einmal müssen Walsers Protagonisten leiden und leben als "geduckte Dulder". Bis in den letzten Winkel habe der Schriftsteller das Leben seiner Protagonistin erforscht, was sich, denkt Lüdtke, nicht nur zum Vorteil für den Roman ausgewirkt hat. "Weniger wäre manchmal mehr gewesen", meint der Rezensent, der der Detailfreude des Autors nicht durchgängig viel abgewinnen kann. Und trotzdem: Lesenswert findet Lüdtke Walsers neuen Roman allemal, wenn auch, räumt Lüdtke ein, Walser sicher nicht "jedermanns Sache" ist.
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 19.07.2001
Für Ulrich Greiner war die Lektüre dieses Buchs ähnlich wie eine Achterbahnfahrt, bei der man nach schönen Blicken von oben hinunter stürzt und von Übelkeit übermannt wird. Viel Gutes kann er dem Roman letztlich nicht abgewinnen: "Selten war Walser so grob, so geschwätzig", findet er und gibt zu, dass es nicht leicht sei, bis zum Ende des Romans durchzuhalten. Die Geschichte selbst findet Greiner "ebenso banal wie monströs" und überladen mit Einzelheiten, die man als Leser eigentlich gar nicht wissen wolle. Zwar hat der Rezensent auch einige "bezwingende Szenen" entdeckt, auf die er auch im Einzelnen eingeht. Doch insgesamt löst der Roman bei ihm "Zähneknirschen" aus. Dafür führt er zwei Hauptursachen an: Zum einen sei Walsers "Formulierungsmaschine dem möglichen Denk- und Erkennbaren immer einen Schritt voraus", was dazu führe, dass das Wesentliche hinter dem "schieren Ornament" verschwinde. Zum anderen kritisiert Greiner, dass sich Walser hier in eine Frau verwandelt, was der Rezensent zwar prinzipiell goutiert, doch erinnert ihn die Protagonistin in ihrer Grellheit zu sehr an Transvestiten, was auf die Dauer nervtötend sei. Auch das ständige Kippen zwischen "Peinlichem" und "Grandiosem" hat offenbar auf die Dauer die Nerven des Rezensenten ziemlich strapaziert.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 20.07.2001
Für Thomas Steinfeld ist Martin Walsers Roman mit über 500 Seiten und über vierzig Jahren ein wenig dick geraten. Aber dem Autor, lobt er, sei es gelungen, die neue Welt der 90er Jahre mit ihren Zynismen, saloppen Tönen und Konsumfetischismen mit seinem großen Thema, der "Epiphanie des Mittelstandes", zu verbinden. Walsers schildert dies, so Steinfeld, sehr strikt aus der engen Perspektive seiner Hauptfigur. Sein Jargon orientiere sich teils an der "Wahren Liebe" und anderen Kummerkästen der Unterhaltungskultur. Doch der Rezensent sieht den Autor damit in der Rolle des Müllmanns, der den Schrott des Alltags sortiert und als Megaphon aktueller Obsessionen fungiert. Vorherrschende literarische Technik des Romans sei seine Geschwätzigkeit. Die töne indes aus der Mitte des Zeitgeists, und so erlange das Buch polemische Kraft. Steinfeld hält das Werk deshalb für "größer als manchen gelungenen Roman". Nur eines stört Thomas Steinfeld: Walser lässt seine Susi schon 1974 per Handy telefonieren. Doch damals gab es noch keine Handys.
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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 20.07.2001
Klaus Siblewski empfiehlt, Martin Walsers Roman als Gegenentwurf zu Fontanes "Effi Briest" zu lesen, als "Standardwerk" über den aktuellen Stand des Verhältnisses von Liebe und Ehe im deutschen Mittelstand. Der Rezensent hält den Roman für mutig. Walser habe in ihm seine kritische Sicht auf die Mittelschicht radikalisiert, indem er die Unvereinbarkeit von Mittelschicht und Liebe beschreibe. Zwischen bösem Realismus und Groteske, so der Rezensent, glückt dem Autor ein Porträt der mittleren Stände, das diese mittels ihrer eigenen Sprache zur Kenntlichkeit bringt. Walser, so Siblewski, schreibt einen riskant verknappten Sound, fernab aller Mittelstandsgeschwätzigkeit, und es gelingt ihm zu zeigen, welche "Ausdruckschancen in dieser verschmockten Sprache liegen." Derart nah wie Walsers Protagonistin Susi, die von der Liebe nicht lassen kann, hat sich Siblewski lange keiner Romanfigur mehr gefühlt. Die verzweifelt-komischen Gefühlsnöte der Figur würden jenseits aller Peinlichkeit spürbar. Siblewski findet das "bestürzend schön".
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Pressestimmen
»Im Mittelpunkt dieses neuen Romans steht eine Frau, und damit hat die deutsche Literatur seit vielen Jahrzehnten endlich wieder eine Heldin, die an die großen weiblichen Romanfiguren des 19. Jahrhunderts erinnert: Madame Bovary oder Effi Briest.« (Peter Laemmle Bayerischer Rundfunk )
» ... ein kolossales Buch. Lange hat Martin Walser nicht so hinreißend, mit so viel innerem Feuer erzählt wie hier. 'Der Lebenslauf der Liebe' ist ein Roman mit einer ergreifenden Geschichte und einer Frau im Zentrum, die unter Walsers Gestalten wohl einen Ehrenplatz einnehmen wird. ... Die Welt in diesem Roman ist voller Überraschungen und Walsers Sprachkunst macht daraus ein episches Fest.« (Klaus Bellin Neues Deutschland )
»(Dieses Buch) gehört zu den größten Genüssen, welche die deutsche Gegenwartsliteratur gegenwärtig bereithält. Es ist darüber hinaus ein Genuss zu sehen, wie hier ein Autor auf dem Zenit seiner Könnerschaft mit verschwenderischem Einfallsreichtum, mit reifem psychologischem Einfühlungsvermögen, mit der Suggestivkraft seiner musikalischen, biegsamen Sprache, einem Demiurgen gleich, eine Welt erschafft. ... springlebendige Menschenverzauberungskunst.« (Tilman Krause Die Welt )
»Man fragt sich, warum die Jünger der Pop-Fraktion sich im Leben besser auskennen sollen, aber dieser mit Vehemenz geschriebene Roman eines 74-Jährigen, bis ins Detail recherchiert ist so brutal realitätshaltig, so beänstigend lebensnah, so voll von Wissen über Jugend und Alter, dass er seinesgleichen sucht.« (Hans Christian Kosler Abendzeitung München )
»Susi Gern ist die stärkste Frauengestalt, die Martin Walser je geschaffen hat, eine mit der man leidet, ohne Mitleid zu haben, eine die uns zugleich nervt und rührt, eine, die man nicht vergißt. ... Ein berückender, wahrhaftiger Roman.« (Hajo Steinert Deutschlandradio )
»Am ehesten gerecht wird man Susi und damit Walsers Roman, wenn man ihn als Gegenentwurf zu Fontanes 'Effi Briest' liest und damit als aktuelles Standardwerk über Liebe und die Ehe beziehungsweise über Liebe und Ehe nach der Ehe. Sein Roman, wie könnte ein Lob höher ausfallen, konfrontiert den Leser auf eine bestürzend schöne Weise mit seinen abgründigsten, widerstreitendsten Gefühlen. Dieses Buch will im positiven Sinn erst einmal verkraftet sein.« (Klaus Sibleweski Die Tageszeitung )
»Das Buch eines bedingungslos Liebenden, eines Schriftstellers, der sich seiner Heldin auf beispiellose Weise hingegeben hat.« (Thomas Steinfeld Süddeutsche Zeitung )
»... radikal bis ins Monströse, polemisch bis zum Hohn, taub gegen jeden mildernden Umstand.« (Andrea Köhler Neue Zürcher Zeitung )
»Walser schafft es, den Leser mitlieben, mithoffen und mitwarten zu lassen wie mit kaum einer anderen Frauengestalt in der jüngeren deutschen Literatur. ... Walser kann vom Warten erzählen, daß es dem Leser die Seele zerfetzt. ... Hier nimmt der große Erzähler noch einmal furchtlos den Kampf mit der Sentimentalität auf und unterliegt als strahlender Verlierer.« (Ernst Osterkamp Frankfurter Allgemeine Zeitung )
Kurzbeschreibung
Susi liebt, heiratet und merkt: sie will ihren Mann entweder ganz oder gar nicht.
Da der für 'ganz' nicht geeignet ist, hört sie auf, seine Frau zu sein. Aber zur Trennung reicht die Ernüchterung nicht aus. Es beginnt die Suche nach einem, den sie ganz haben kann. Das wird der Lebenslauf der Liebe.
Ein behindertes Kind, ein Mann, der zuerst sehr reich ist, dann ruiniert, dann krank, dann tot -, und Susi, in ihrer durch keine Erfahrung belehrbaren Sehnsucht nach reiner, das heißt vollkommener, das heißt gegenseitiger Liebe. Die Unbelehrbarkeit ihres Gefühls ist ihre Kraft, eine jeden Ruhms würdige Lebenskraft. Und der Roman rühmt Susi Gern. Bis zum Schluß: War sie vorher durch die Lebensumstände eine Abenteurerin der Liebe, so wird sie jetzt zur reinen Liebenden. Nach seinem großen Erinnerungsbuch "Ein springender Brunnen" jetzt das Buch über die Liebe, also ist die Heldin - und sie ist wirklich eine Heldin - eine Frau, also spielt das Buch in Düsseldorf, und das große Geschäft ist so wichtig wie die große Liebe: die gibt allerdings den Ausschlag in diesem ebenso ergreifenden wie schockierenden Liebes-Roman.
Susi Gern liebt, heiratet und merkt: sie will ihren Mann entweder ganz oder gar nicht. Da der für ganz nicht geeignet ist, hört sie auf, seine Frau zu sein. Aber zur Trennung reicht die Ernüchterung nicht aus. Es beginnt die Suche nach einem, den sie ganz haben kann. Das wird der Lebenslauf der Liebe.
Ein behindertes Kind, ein Mann, der zuerst sehr reich ist, dann ruiniert, dann krank, dann tot -, und Susi, in ihrer durch keine Erfahrung belehrbaren Sehnsucht nach reiner, das heißt vollkommener, das heißt gegenseitiger Liebe. Die Unbelehrbarkeit ihres Gefühls ist ihre Kraft, eine jeden Ruhms würdige Lebenskraft. Und der Roman rühmt Su si Gern. Bis zum Schluß: War sie vorher durch die Lebensumstände eine Abenteurerin der Liebe, so wird sie jetzt zur reinen Liebenden. Sie läßt sich durch keine noch so elende Erfahrung zur Ermäßigung ihres Anspruchs auf Glück zwingen. Ihr vater hätte sie doch nicht in eine Welt gesetzt, in der man nicht glücklich werden kann. So wie ein Napoleon nicht aufhören kann zu erobern, kann Susi Gern nicht aufhören zu lieben. Daß das zu genau so viel Schmerz wie Lust führt, erlebt sie kraß genug. Was sie als Lebenstimmung erreicht, nennt sie ihr "Unglücksglück".
Die Abenteuer und Sensationen der Heldin werden vorgeführt wie eine Serie von Photographien, auf denen ein Maler das Schmerzliche und das Schöne, also das Wesentliche, durch kluge Kunstgriffe geschärft hat.
Das gelebte Leben in Überschärfe: das ist der Lebenslauf der Liebe.
Über den Autor
Martin Walser wurde am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. Nach seinem Arbeitsdienst erlebte er das Ende des Zweiten Weltkrieges von 1944 bis 1945 als Soldat der Wehrmacht. Nach Kriegsende machte er 1946 in Lindau am Bodensee-Gymnasium das Abitur und studierte an den Universitäten Regensburg und Tübingen Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Mit einer Dissertation zu Franz Kafka wurde er 1951 in Tübingen promoviert. Von 1949 bis 57 arbeitete er beim Süddeutschen Rundfunk. In dieser Zeit unternahm er Reisen für Funk und Fernsehen nach Italien, Frankreich, England, CSSR und Polen und schrieb erste Hörspiele.1950 heiratete er Katharina Neuner-Jehle. Aus dieser Ehe gingen die Töchter Franziska, Alissa, Johanna und Theresia hervor. Seit 1953 wurde Walser regelmäßig zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen, die ihn 1955 für die Erzählung Templones Ende auszeichnete. Sein erster Roman Ehen in Philippsburg erschien 1957 und wurde ein großer Erfolg. Walser lebte von da an mit seiner Familie als freier Schriftsteller erst in Friedrichshafen und dann in Nußdorf am Bodensee.