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Im neuen Roman von Martin Walser sind die Katzen das einzig Beständige im Leben Susi Gerns -- und ihre behinderte (oder vielmehr "leicht beschädigte") Tochter vielleicht. Ihr Mann hat sich schon lange anderen Frauen zugewandt, mit denen er sich auf Dienstreisen nach Rom vergnügt, während für Susi nur Fahrten in die neuen Bundesländer übrig bleiben. Der erfolgreiche Düsseldorfer Geschäftsmann steht auf Affären, Susi aber will Ewigkeit und zieht sich in die innere Emigration zurück: "Liebe hieß bei mir immer für immer". Aber nichts ist für die Ewigkeit: Irgendwann ist Edmund ruiniert und stirbt, und Susi wieder ganz allein. Neue Kolonien ihrer Sehnsucht müssen nun besiedelt werden: Der "Lebenslauf der Liebe" fängt von vorne an.
Über hundert Fotos hat Andy Warhol von Susi Gern und ihrem Mann gemacht, und doch das Wesentliche nicht so richtig zu fassen vermocht. Martin Walser braucht 525 Seiten dazu und dann ist das Porträt einer nie gestillten Sehnsucht nach reiner Liebe voller Poesie und Intellekt fassettenreich ausgemalt. Hätte Marc Chagall mit Pablo Picasso gemeinsam Romane geschrieben, dann wäre wohl ein ähnliches Buch entstanden. Wie gut, dass wir den Walser haben. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Martin Walsers Roman aus der Mitte der Republik
Von Andrea Köhler
«Der Lebenslauf der Liebe» ist ein Buch über den Ruin physisch, seelisch und materiell, ein Buch über das Altern und die Unbelehrbarkeit seiner Heldin. Susi Gern ist nicht Madame Bovary und Martin Walser nicht ihr Flaubert, doch hat sich der Autor seiner Figur auf Herz und Nieren verschworen.
Conny ist geistig behindert, im Herzen rein und so breit wie hoch. Meistens hockt sie in ihrem Zimmer und schaufelt Fünfzigpfennig-Stücke von einem Topf in den andern. Das Geräusch bringt die Mutter zur Raserei. Später, wir schreiben inzwischen die neunziger Jahre, ist es das Pfeifen, Jaulen und Rattern des Videospiels, das die Mutternerven auf die Zerreissprobe stellt. Doch die Mutter ist herzensgut. Ihr grösster Fehler ist ihre Duldsamkeit, «ihr Glück war immer, entsprechen zu können». Das muss man aushalten können. Tochter Conny hat noch eine andere Obsession: Sie will, was sie erlebt hat, immer fünfmal erzählen. Viel ist das nicht, aber Connys Begeisterung für das wenige ist enorm. Wer das nicht aushält, der ist für diesen Roman verloren.
Martin Walser hat einmal mehr eine Geschichte aus dem Herzen der Republik geschrieben, eine deutsche Saga von Aufstieg und Fall einer Anwaltsfamilie im neureichen Düsseldorfer Prada-Milieu: den weiblichen Lebenslauf der Liebe vom ersten Tanztee bis zum letzten Geleit, von Seite 1 bis Seite 526. Dazwischen ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen, die Familie physisch mehr oder weniger und finanziell ganz ruiniert, die Schwiegertochter von einer Brücke gesprungen, der Sohn ins kriminelle Milieu abgerutscht, doch die behinderte Tochter ist sich die ganze Zeit gleich geblieben. Conny ist so etwas wie die heimliche Hauptfigur in Martin Walsers neuem Roman.
Die wirkliche ist ihre Mutter und heisst Susi Gern. Sie ist also eine Namensvetterin der einsilbigen Helden des Autors, der Herren Fink, Dorn, Halm, Zürn und eine entfernte Base im Herzen. Denn obschon es mit Susi, wie mit allen Gestalten Walsers, unaufhörlich bergab geht, wütet in ihrem schlichten Gemüt ein unerschütterliches Glücksverlangen.
DEUTSCHES DURCHSCHNITTSGEMÜT
Es gibt ein reales Vorbild für Walsers Figur, für den Düsseldorfer «Lebenslauf der Liebe». Diese Susi, Jahrgang 32, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, aufgestiegen in einen «Dachpalast» von 380 Quadratmetern, mit 14 Schränken voller Gucci-Kleider und Bally-Schuhe, drei Haushälterinnen, zwei Nebenwohnungen, mit Porsche, Bentley, zwei missratenen Kindern und einem halben Walser'schen Innenleben der Schriftsteller kennt die Person hinter seiner Figur seit vielen Jahren, er hat sich mit ihr getroffen, um diesem Buch ihre Stimme aufzuprägen, ihr Selbstbild einzuverleiben. Er lässt sie reden, wie eine, die Susi Gern heissen könnte, wohl reden muss, und spricht doch mit unverwechselbar Walser'schem Empfindungs-Furioso. Denn Susi Gern ist natürlich nicht bloss die Frau, die Walser für dieses Buch in Düsseldorf aufgesucht hat. So wenig wie Stefan Fink jener Wiesbadener SPD-Ministerialrat, dessen Krieg gegen Parteienfilz und Ämterpatronage das Vorbild für den vorletzten Roman abgab. Doch Susi Gern hat dem Schriftsteller die Handschellen einer echten Zuneigung angelegt. Dieser Heldin der Duldsamkeit, dieser tapferen Heroine des deutschen Durchschnittsgemüts möchte der Autor ein Denkmal setzen. So ist ein Zwitter aus ihr geworden: halb Walser'sche Type, halb du und ich.
Die Literatur und das Leben. Die Verwechslung von beidem kann wie der Klamauk um Hürlimanns jüngste Novelle zeigt kuriose Blüten treiben. Neuerdings greifen deutschsprachige Schriftsteller wieder vermehrt zu realen Figuren und wirklichen Lebensläufen, entzündet sich die Phantasie an authentischen Schicksalen; vermutlich, weil das Leben noch immer die beste Erfindung ist. Auch Martin Walser hat dieses Vorgehen bereits in der «Verteidigung der Kindheit» (1991) und in «Finks Krieg» (1996) erprobt. Der Romanheld, hat Walser einst in seinem «Vormittag eines Schriftstellers» geschrieben, sei eine «Entblössungs-Verbergungsmöglichkeit», man könne durch ihn Sätze sagen, die man ohne diese Figur gar nicht sagen könnte. Die Figur sei für den Autor «eine Puppe, mit der er Erfahrenes umwerten kann». Schwieriger wird das, wenn diese Puppe auch in der Wirklichkeit existiert. Dann ist die Frage nicht mehr nur, was der Schriftsteller mit der Realität, als vielmehr, was die Realität mit dem Schriftsteller macht.
«Der Lebenslauf der Liebe» setzt ein in Susis 56. Jahr, am Schluss ist sie 68. Susi Gern ist also eine alternde Frau, und das ist bekanntlich nicht schön. Doch schöner, meint Susi, sei das Altern der Frauen als das der Männer. Um dieser nicht eben gängigen Ansicht zu ihrem Recht zu verhelfen, führt Martin Walser den Ehemann Susis als «Pipi-machenden» Parkinson-Fall in das letzte Stadium der Inkontinenz; noch als in Windeln gepackter, sabbernder Greis will Edmund sich freilich «den Schwanz nicht abschneiden lassen». Das ist die Formel für seine Sexmanie bis zum bitteren Tod. Susis neuer Gatte dann, zehn Jahre später, ist Marokkaner, ein in penibler Religionsausübung befangener Muslim, treu, stumm wie ein Fisch und 38 Jahre zu jung. Doch Susi, die Duldsame, liebt ihn mit der ganzen Entsprechungswut ihrer törichten Mädchen-Seele. Und weil die personale Erzählhaltung die Walser'sche Zentralperspektive uns einen intimen Blick nicht nur in ihr Seelenleben, sondern auch auf ihr verfallendes Fleisch erlaubt, wird uns die detailgenaue Zerrüttung des Körpers nicht vorenthalten eine stilistische Gratwanderung auf der Grenze zwischen gebotenem Voyeurismus und der Gefahr des Verrats, die der Roman mit solidarischem Takt bewältigt.
Denn auch Walser liebt seine Susi mit einer heissen Entsprechungswut, mit dem Wunsch, ihrem Wesen und Wollen bis in den letzten Winkel ihres tapferen Herzens zu folgen. Das ist nicht schwer, denn Susis Herz ist zwar gross, hat aber nicht viele Kammern. Und so muss der Autor, was ihm die Figur (oder die Treue zu ihrem Vorbild) an Seelenprofil verweigert, mit einer Detailfülle kompensieren, die den Materialrealismus dieses Buchs ins Absurde schraubt. Besonders hat Walser die Liebe der Heldin zur Doppelung in die Sätze kopiert: Sie kauft, was ihr gefällt, immer gleich zweimal; und sie kauft viel. Die Wiederholungstobsucht in diesem Roman ist kein Mangel an Ökonomie, sondern das dem Entsprechungswunsch gehorchende Stilprinzip.
«Der Lebenslauf der Liebe» ist ein Buch über den Ruin physisch, seelisch und materiell, ein Buch über den Niedergang aller Hoffnungen und die Unbelehrbarkeit seiner Heldin. Am Anfang treffen wir Susi Gern am Frühstückstisch an, ihren Kätzchen, wie jeden Morgen, die «Quarkfinger» hinstreckend, sowie Edmund Alexander Gern seine Initialen schmücken Socken, Manschettenknöpfe und Unterhosen in Vorbereitung einer millionenschweren Finanztransaktion und einer Rom-Reise, die er in Begleitung von einer seiner drei Dauergeliebten anzutreten gedenkt; «Blödesuse» packt ihm wie üblich auch noch den Koffer. «Alles ist erlaubt, doch nichts hinter dem Rücken des anderen», ist Edmunds Ehe-Devise, was weniger eine private Diktatur der Ehrlichkeit als vielmehr den Freibrief für seine notorischen Eskapaden darstellt, die Susi mit Kontakt-Annoncen in der «Rheinischen Post» zu kontern eher gezwungen als gewillt ist.
So kommt sie an Kerle wie den kaffeebraunen Tunesier Lotfi, den dauerkochenden Libanesen Salim, den rheinischen Burton-Verschnitt Dirk Pfeil oder das blonde Musketier Klaus und Martin Walser zu der Gelegenheit, seinen Beschreibungsfuror an Typen auszuprobieren, denen er innerlich nicht verpflichtet ist; wobei wir in «Klausdrei» «man möchte es einfach nicht für möglich halten, wie verschieden voneinander Männer sein können, die dann doch alle Klaus heissen» einmal mehr einen alten Bekannten aus früheren Büchern begrüssen dürfen. Und natürlich ist auch Susis Suada von Walser'schen Topoi und Gegensatzpaaren durchsetzt, von dem Grundkonflikt zwischen den «kartoffeltriebblassen» Seelenarbeitern und den studiogebräunten Mittelpunktsmännern zum Beispiel, sowie von einer sich selber ständig ins Wort fallenden Verneinungsrhetorik. «Das Leben muss doch, wenn es gut verläuft, so verlaufen, dass man gern stirbt. Dazu muss es schlecht verlaufen. Das Leben muss also, wenn es gut verlaufen soll, schlecht verlaufen», lautet das erste Axiom der Walser-Logik. Dem wird Genüge getan mitunter auch auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Figuren.
GRELLBUNTE INSZENIERUNG
Mehr denn je ist der Walser'sche Hang zur Überzeichnung von satirischem Ingrimm befeuert, vermutlich weil das Milieu, dem der Autor hier seine Reverenz erweist, einmal nicht aus der Perspektive der von unten nach oben Schielenden aufgenommen wurde, sondern gewissermassen frontal. Auch die Namensgebung lässt nicht eben auf eine Feinzeichnung der Charaktere schliessen. Wer Helmut Hellpapp, Ottilie Oschatz, Aenne Klomfass oder gar Heimchen Pudlich heisst, ist für ein individuelles Geschick von vorneherein verloren. Es scheint, als sei das Doppelporträt, das EAG von sich und seiner Suse durch Andy Warhol anfertigen liess, auch für die Figurenzeichnung des Buches stilbildend gewesen. Ist «Der Lebenslauf der Liebe» womöglich ein verkappter Pop-Roman?
In der Tat trägt die grellbunte Inszenierung des deutschen Alltagslebens schrille Schockfarben; sollte man diesen Roman kolorieren, fielen einem vermutlich als Erstes die Farbtöne Pink (die Farbe von Susis Traumporsche) und Orange ein. Rabenschwarz aber ist der Humor, mit dem Martin Walser den Lebenslauf der Liebe dem Alter zutreibt, und nicht zufällig wohl hat er sich für dieses heikelste aller Themen als Hauptfigur eine Frau ausgesucht etwa so, wie man peinigende Gefühle im Schutz einer fremden Sprache leichter ausdrücken kann.
«Ich will nicht so sein, wie ich bin», heisst der Satz, der als Damoklesschwert über jeder männlichen Walser-Figur schwebt; das treibt diese Selbstbezichtigungsvirtuosen in ein implodierendes Dauerlamento. Anders Susi: «Sie wusste, dass sie sich endlich ablehnen musste. Das schaffte sie nicht.» Auch ihr Porträtist schafft das nicht. Das mag, neben der Selbstverpflichtung auf den authentischen Lebenslauf, daran mitgewirkt haben, dass diesem Buch fehlt, was Walsers Bücher vor allem andern auszeichnet: die vertrackte Komik, die stilistische Dialektik, kurz: die Seelenarbeit der Ironie.
Kompensiert wird dieser Mangel freilich durch einen Sarkasmus, der den Düsseldorfer Lebenslauf in die Nähe jener geharnischten Gesellschaftssatiren rückt, für die Martin Walser in seinem Roman «Ehen in Phillipsburg» vor 44 Jahren den Grundstein legte. «Der Lebenslauf der Liebe» ist ein radikales Buch radikal bis ins Monströse, polemisch bis zum Hohn, taub gegen jeden mildernden Umstand. Das macht diesen Roman über weite Strecken höchst unterhaltsam und führt doch aufs Ganze gesehen, wie jeder Dauerbeschuss, zu gewissen Ermüdungserscheinungen. So furios Martin Walser die Verlaufskurve dieses Liebeslebens zunächst in die Höhen seiner Beschreibungskünste katapultiert, so unbarmherzig lässt er seine Heldin zuletzt in den Schlund der Ausführlichkeit stürzen. «S'iss wie es iss», lautet die vorletzte Einsicht der Susi Gern. Und vielleicht ist das Leben ja wirklich so: eine einzige Wiederholung zum Schlechteren. Auch das muss man aushalten können. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Warum dann nur 4 Sterne: Tja, Herr Walser, genial, ungewöhnlich, skuril, glaubwürdig, nachvollziehbar aber nicht so hell leuchtend wie das fliehende Pferd. Ok, ein anderer hätte wahrscheinlich auch hierfür 5 Sterne erhalten, aber die Erwartungen liegen eben hoch.
Wer sich , wie ich, durch den „Tod eines Kritikers" gelangweilt hat und bis zur letzten Seite nicht glauben wollte, dass ein so... Lesen Sie weiter...
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