Bis zur Wiedervereinigung war der Name Erwin Strittmatter nur eingeweihten Bücherwürmern ein Begriff. Er galt als Volksschriftsteller der DDR und wurde im Westen nur selten gelesen. Anders als Strittmatters enger Freund Bertold Brecht, der auch im Westen ein literarischer "Star" war und ist. Strittmatters Werk wurde oft als schlichte Belletristik abgetan und seine unpolitische Haltung sorgte dafür, dass er als Freund des Regimes galt. Seit 1990 denken viele Leser anders darüber. Strittmatter erzielte schon vor der Grenzöffnung Auflagen, von denen selbst erfolgreiche Schriftsteller nur träumen können. Seine Werke wurden in zig Sprachen übersetzt. Aus der Vielzahl seiner Veröffentlichungen ragt "Der Laden" noch ein Stück heraus. Die Geschichte von Esau Matt, seine Kindheit in Bossdom und Spremberg. Die Beziehung zu seinem sorbischen Großvater und den Eltern. Das Überleben des Krieges. Dazu Tausende von Mosaiksteinchen, von der ersten Liebe bis zu Schulerlebnissen, die ein Bild der Bevölkerung und der Lebenssituation in den Jahren zwischen den Kriegen und danach zeichnen, wie es so detailgetreu und liebevoll in kaum einem anderem deutschen Romanstoff zu finden ist. Immer wieder findet man Parallelen zur eigenen Kindheit. Es ist atemberaubend, festzustellen, wie sehr der Schriftsteller frühe Erlebnisse und ihre komplizierte Gefühlswelt derart fesselnd und genau wiedergeben kann. Strittmatter ist ein genialer Erzähler. Vielleicht der beste, wenn auch nicht bekannteste, deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts. Wer seine Geschichte liest und sich von ihr einfangen lässt, der legt die Bücher über den Laden nicht mehr aus der Hand. Strittmatter schafft es, eine Atmosphäre zu erzeugen, die einen glauben macht, man wäre selbst dabei gewesen. Ein Zauber, den nur die wenigsten Bücher vermitteln können. Würde heute eine derartige Romantrilogie erscheinen, sie wäre in kürzester Zeit zum "Kultbuch" avanciert. Die Geschichte Esau Matts fasziniert dabei nicht nur diejenigen, die sich noch an die Zeit zwischen den Kriegen erinnern können. Im Gegenteil: Wer nicht dabei war, der kann hier lernen und verstehen. Aber vor allem: Einfach nur zuhören. Denn wenn Strittmatter erzählt, dann blendet man alles andere aus.
Last not least ist die Trilogie ein Hingucker im Bücherregal. Bei mir steht sie da aber nicht immer komplett. Hin und wieder schnappe ich mir einen Band, lese ihn zum zweiten oder dritten Mal, und lasse mich von Erwin Strittmatter in eine andere Welt versetzen...
Die Verfilmung des Stoffs ist ebenfalls hervorragend gelungen und sehenswert. "Der Laden" und Edgar Reitz's "Heimat", das sind für mich die perfekten und unterhaltsamen Lektionen in Deutscher Geschichte, außerhalb der historischen und politischen Geschichte.