Gerade hat Dorothy Carlsson (Sean Young), die Tochter des schwerreichen Kupfer-Barons Thor Carlsson (Max von Sydow), an der Universität von Pennsylvania an einer Vorlesung des SS 1987 teilgenommen, in der auch Nietzsche's amoralischer Übermensch erwähnt wird, da trifft sie unwissentlich einen derartigen skrupellosen Soziopathen, ihren Freund Jonathan Corliss (Matt Dillon), vor einem Standesamt der Stadt Philadelphia, wo sie beiden verabredet sind, um heimlich zu heiraten. Doch Jonathan, der um strikte Geheimhaltung ihrer Beziehung bemüht war, hat den Termin absichtlich so gewählt, dass seine Freundin mit ihm in der Mittagspause der Angestellten vor verschlossener Tür steht. Während der Wartezeit ermordet er Dorothy schnell und ohne Gewissensbisse und wirft einen Abschiedsbrief in einen nahe gelegenen Briefkasten, der seinen Mord als Selbstmord Dorothys erscheinen lässt. Jonathan lebt zu dieser Zeit nach seinem Universitätsabschluss scheinbar ziel- und planlos in einer ärmlichen Gegend der Stadt Pittsburgh in dem kleinen Haus nahe der Bahngleise zusammen mit seiner konservativen und fleißigen Mutter und arbeitet in einem Fast Food-Restaurant. Dorothys Zwilingsschwester Ellen (Sean Young), die in New York als freiwillige Sozialarbeiterin arbeitet, glaubt nicht an einen Selbstmord ihrer Schwester und stellt Nachforschungen an der Universität in Philadelphia an. Jonathan Corliss gelingt es, den Verdacht auf einen Campus-Freund von Dorothy zu lenken, nachdem er diesen Studenten auch ermordet hat, bevor dieser Ellen weiterhelfen kann. Ellen gerät in New York ebenfalls an Jonathan, der die Identität eines von ihm ermordeten jungen Mannes, Jay Farraday, angenommen hat. Jonathan alias Jay macht sich bei ihr beliebt, indem er, wie sie, als Streetworker arbeitet, gewinnt sie ebenfalls als Freundin und wird bald auch ihrem einflussreichen Vater vorgestellt. Sein Ziel ist es, in die Familie von Thor Carlsson einzuheiraten, nachdem er vorher dessen Kinder bis auf seine zukünftige Ehefrau aus dem Weg geräumt hat. Dies gelingt ihm, und er beginnt Karriere in der Verwaltung von Thor Carlsson's Hüttenwerk zu machen. Jedoch muss er bald den nächsten Mord begehen, um seine bisherigen Untaten zu verschleiern. Aber dieser Mord an einer Kommilitonin von Dorothy, die Ellen etwas über Dorothyss damaligen Freund Jonathan mitteilen wollte, bringt Ellen zum Nachdenken. Sie merkt auch, dass Jonathan sich durch die Arbeit von ihr entfremdet und sie möglicherweise nur benutzt hat. Ellen engagiert einen Detektiv und nimmt ihre unterbrochenen eigenen Nachforschungen wieder auf. Dabei gerät sie selbst in tödliche Gefahr, als Jonathan merkt, dass seine Ehefrau ihm auf die Schliche kommt.
"Der Kuss von der Tode" (A kiss before dying, USA1991) erinnert in vielen Details an die filmische Erzähltechnik Alfred Hitchcocks. Der Anfang ist sehr schnell erzählt und ehe man sich versieht, ist Dorothy, die man für eine Hauptperson des Films hielt, durch einen Sturz aus großer Höhe getötet worden. Der Tod durch einen Sturz aus großer Höhe ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Filmen von Alfred Hitchcock (z.B. in "Foreign Correspondent", "Vertigo"). Bezeichnenderweise sitzt Dorothys Schwester Ellen auch an einer Stelle des Film (nach einer Stunde Laufzeit) vor dem Fernseher und sieht sich Hitchcock's "Vertigo" an. Die Bedrohung geht sowohl in vielen von Hitchcocks Filmen als auch hier von Freunden und Liebespartnern aus, denen die Hauptperson beginnt zu misstrauen. Zwei Opfer von Jonathan werden von ihm erwürgt. Man erinnere sich daran, dass Hitchcock immer gerne auf Einladungen vorführte, wie man Frauen am besten erwürgt (wovon es eine Reihe von Fotos gibt, die ihn beim der Geste des Erwürgens zeigen). Seine Mörder in "Strangers on a Train" (auf einem Filmplakat stand sogar "Strang(l)ers on a Train!) und "Shadow of a Doubt", seinem Lieblingsfilm, töten ebenfalls durch Erwürgen. Eine ermordete Frau wird von Jonathan Corliss im Bad eines Hotelzimmers in Stücke zersägt, während wir nur die Geräusche der Säge hören und die Kamera langsam auf die Badezimmertür zufährt, die einen Spalt offen steht, um uns Voyeure einzuladen. Die nächste Einstellung zeigt Jonathan aus der Vogelperspektive von der Decke des Badezimmers herabblickend gefilmt, wie er gerade die blutverschmierte Badewanne putzt, in der er sein Opfer zerlegt hat. Fotografisch ist der Film, von solchen Kunstgriffen abgesehen, leider doch weitgehend unspektakulär. Viele Szenen sind sehr einfach und ohne Betonung ausgeleuchtet und entbehren einer einfallsreichen Kameraführung. Nebendarsteller sind unauffällige Dutzendware. Hitchcock dagegen hat den visuellen Details seiner Filme und den Nebendarstellern oft große Mühe angedeihen lassen, und beleuchtungstechnisch sind seine Meisterwerke meist auch sehr ausgefeilt, indem er Details durch Licht betonte. Dies fehlt in "Der Kuss vor dem Tode" völlig. Thor Carlsson's Reichtum kommt ebenfalls nicht sehr gut durch Zurschaustellung von Büros und Immobilien zur Geltung. Für heutige Verhältnisse wirkt bereits zwanzig Jahre später alles zu moderat als glaubhaftes Ambiente eines Milliardärs. Die schauspielerischen Leistungen fand ich eher durchschnittlich, und die Personen, die dargestellt werden, sind ziemlich eindimensional im Charakter. Matt Dillon hat sowieso schon eine leicht bedrohliche Ausstrahlung und kann dies auch durch Freundlichkeit nie ganz verbergen. Corliss' Mutter dagegen wird sehr überzeugend dargestellt. Natürlich wohnt der Mörder alleine bei seiner dominanten Mutter, was ebenfalls wieder einen Bezug zu Hitchcock'schen Helden ("Die Vögel") und Antihelden ("Psycho") herstellt. In Corliss Elternhaus hängen sogar Bilder mit Vögeln wie bei Norman Bates aus "Psycho". Spärlicher Wortwitz in den Dialogen erinnert jedenfalls teilweise an die oft sehr amüsante Dialogpassagen in Hitchcock's Filmen ("Ich meine es todernst!"). Den schnell improvisierten Mord an dem ersten Zeugen fand ich in der Schnelligkeit der Durchführung technisch völlig unplausibel. Der Film schert sich manchmal nicht um Details der Glaubwürdigkeit. Trotzdem, er hat doch für mich das gewisse Etwas, das ihn von vielen schlechteren Kriminalfilmen abhebt, weshalb ich den Film gut bewertet habe.