"Der kurze Brief zum langen Abschied" ist eine Mischung aus Entwicklungs-, Reise- und Kriminalroman. Die Ich-Person, deren Namen man nicht erfährt, flieht aus seinen Ehezwängen nach Amerika und lernt, sich im Laufe der Reise von bedrückenden alten Denk- und Reaktionsmustern zu befreien. Seine Frau Judith, eine Schauspielerin (auch Handkes erste Frau übte übrigens diesen Beruf aus) verfolgt ihn mit der Intention, ihn zu töten. Im Zentrum steht allerdings die Entwicklung der Ich-Person von einem durch Erschrecken und Angst bestimmten Bewusstsein zu einem neuen, nicht mehr entfremdeten, sondern offenen Bewusstsein.
Die von Peter Handke, einem der größten Dichter und Erzähler Österreichs, verfasste Erzählung birgt einige Intertextualitäten in sich. Alleine der Titel weist auf ein Spätwerk von Raymond Chandler hin: "The long goodbye" - "Der lange Abschied". Diese Detektivgeschichte weicht vom Sujet des Kriminalromans insofern ab, als nicht die Aufklärung des Falles im Mittelpunkt steht, sondern die Person des Detektivs Phillip Marlowe. Weiters ist als Intertextualität "Der Grüne Heinrich" von Gottfried Keller zu nennen, unbestritten einer der größten Bildungsromane in der deutschsprachigen Literatur. Nicht zuletzt bleibt "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz zu erwähnen. Je ein Zitat aus diesem Werk leitet den Leser am Kapitelanfang ein (das Buch ist zweigeteilt in "Der kurze Brief" und "Der lange Abschied").
Handke hat zweifellos eine nach großen Vorbildern geschaffene hervorragende Erzählung verfasst, die meines Erachtens weniger eine Liebesgeschichte, sondern vielmehr eine Dokumentation eines Erkenntnisprozess - ja, fast eines Läuterungsprozesses - seitens der Ich-Person darstellt.