Aus der Amazon.de-Redaktion
Kois sind schön. Kois sind teuer. Und Kois sind irgendwie auch einzigartig. Ob Ki Matsuba, Showa Sanshoku, Shiro Utsuri oder Asagi, ob bläulich geschuppt, metallisch glänzend, mit "rotoranger Zeichnung" oder "Pinienzapfenmuster": Laut "Farbkarpfenverzeichnis" FKV ist jeder der japanischen Fische ein wertvolles Kleinod, das deshalb auch empfindsamste Gemüter entzückt. Kein Wunder also, dass der Süßwasserbewohner neuerdings auch die Sänger und Dichter hier zu Lande begeistert. Jungautor Dieter Bohlen (
Die ganze Wahrheit) etwa, der viele Kois in seinem Gartenteich herumschwimmen hat -- auch wenn der Barde in einem Interview einmal gestand, zwar den Preis der Kois "so ungefähr" zu kennen, nicht aber bemerke, wenn einer stürbe. Dieter Bohlen hat eben keine Ahnung von den Fischen.
Weitaus wissender ist der Lyriker Reiner Kunze. In seinem neuen Betrachtungsband jedenfalls, der mit eigenen, durchs Objektiv einer Canon EOS-1N aufgenommenen Fisch-Porträts versehen ist, gibt der Büchner-Preisträger an, Karpfen und Dichter hätten in gegenseitiger Anschauung "einander gezähmt". Der Kuss der Koi, der ganz japanisch "aus der Melancholie glücklicher Augenblicke" heraus entstand und als "Gegen-Buch gegen das Ton-Angeben des Hässlichen, des Ekelhaften, des Brutalen" konzipiert worden ist, versucht demnach, in direkter Ansprache die "Seele" der exotischen Tiere im heimischen Becken auszuloten und "Friedfertigkeit mit einem Schimmer Zärtlichkeit" als deren ontologische Grunddisposition auszumachen: "Jede Art Regung, die als feindselig empfunden werden könnte, scheint eurem Wesen fremd zu sein. Manchmal -- meist in der Tiefe des Teiches und in Zeichen, in denen es nichts anderes zu tun gibt als zu sein -- drückt ihr Maul auf Maul, als würdet ihr euch küssen, oder reibt die Mäuler aneinander. Auch sah ich, wie einer den anderen ausdauernd mit den Lippen betastete". Ein Beweisfoto für diese These ist gleich mit beigegeben.
Der Kuss der Koi ist ein schönes Buch. Ein individuelles, seinem Gegenstand nach allerdings auch etwas modisches Buch: Und teuer ist es auch. Ganz so wie der Zierfisch also, den es besingt. Aber ästhetisch, originell (und meistens nicht gerade preiswert) ist gute Dichtung ebenfalls. Und so ist Der Kuss der Koi nicht nur für sensible Fisch-Fans, sondern auch für Kunze-Liebhaber ein unbedingtes Muss. Ein echter Koi kostet ohnehin viel mehr. --Thomas Köster
Kurzbeschreibung
Reiner Kunze, geboren 1933, Bergarbeitersohn, wurde 1977 aus der DDR ausgebürgert und lebt seitdem an der Donau in der Nähe von Passau. Er erhielt zahlreiche in- und ausländische Literaturpreise, u.a. den Georg Büchner-Preis. Seine Lyrik und Prosa wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Über das Buch
Der Kuß des Koi sagt er, es sei "aus der Melancholie glückseliger Augenblicke" entstanden, und er nennt es ein "Gegen-Buch", ein Buch gegen das Tonangeben des Häßlichen, des Ekelhaften, des Brutalen". Um neben das reflektierende Wort das Bild stellen zu können, hat Reiner Kunze vier Jahre fotografiert und vom Teichrand aus, also nicht mit einer Unterwasserkamera, Porträts von seinen Farbkarpfen (japan. "Koi") geschaffen, die den einzelnen Fisch in seiner Individualität und Würde zeigen - eine fotografische Leistung, die bisher ebenso einmalig sein dürfte wie die Tatsache, daß ein Dichter Koi zum Anlaß nimmt, um über unsere Kreatürlichkeit nachzudenken. Der Autor spricht von ihnen als von seinen "Verbündeten". Jene, deren Seele nicht in einem "Panzerhemd" steckt, werden diesen Buch als Verbündeten empfinden.