Wippersberg befasst sich mit einem Phänomen, das sich weitgehend unbemerkt von der Mehrheit der Bevölkerung auf der ganzen Welt vollzieht: der Prohibition des Tabakkonsums. Verharmlosend als Nichtrauchterschutz tituliert handelt es tatsächlich um eine internationale, quasireligiöse Bewegung, die starke Anleihen beim protestantischen Calvinismus nimmt und daher nicht zufällig in den USA ihr Zentrum findet. Ein Merkmal dieser Bewegung ist, den Tabak nur noch unter Gesundheitsgesichtspunkten zu sehen und Raucher als bedauernswerte Abhängige, wenn nicht gar Volksschädlinge, darzustellen. Der Tabak war über viele Jahrhunderte als Genussmittel bekannt und insbesondere unter Schriftstellern und Künstlern als Mittel zur Inspiration beliebt. Eine Sichtweise, die heute völlig verloren gegangen ist. Moliere beispielsweise war überzeugt: Es gibt nichts, was dem Tabak gleicht; wer ohne Tabak lebt ist nicht würdig zu leben.(138) Und Thomas Mann, selbst Raucher, legt im Zauberberg seinem Helden Hans Castrop fogenden Satz in den Mund: Wenn ich morgens sagen müßte: Heute gibt's nichts zu rauchen - ich glaube, ich fände den Mut gar nicht aufzustehen. (138) Dabei waren die Gefahren des Tabak- und Alkoholkonsums durchaus nicht unbekannt. Mark Twain, zudem ein gewaltiger Trinker, meinte, es sei doch ganz leicht mit dem Rauchen aufzuhören. Er selbst habe es schon viele hundertmal geschafft. (139) Kein Politiker oder Künstler würde es wagen, so etwas heute noch zu sagen.
Der Kampf gegen das Rauchen stützt sich auf wissenschaftliche Untersuchungen zum sogenannten Passivrauchen und stellt sich praktisch als medizinischer Fortschritt dar. Das erklärt jedoch nicht, warum es zu skurrilen Auswüchsen kommt. In den USA wird sogar zum Tode Verurteilten der Wunsch nach einer letzten Zigarette verweigert. In Teilen Deutschlands müssen die Stutenkerle" (früher auch politisch inkorrekt als Kiepenkerle" bezeichnet) jetzt ohne Pfeife ausgeliefert werden. Wippersberg weist nach, dass die angeblichen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf äußerst schwachen Beinen stehen. Von 64 Studien zu den schädlichen Wirkungen des Passivrauchens fanden neun einen leichten Effekt, 52 Studien zeigten keinerlei Zusammenhang zwischen Passivrauchen und rauchertypischen Erkrankungen. (75) Der Autor nimmt Anleihen bei Manfred Lütz, der den Begriff der Gesundheitsreligion geprägt hat. Gesundleben sei faktisch zu einer neuen Religion geworden, die ähnliche Rieten, Zwänge und Selbsttäuschungen aufweise wie die alten Religionen. Wer die Angst vor dem Tode durch gesunden Lebensstil bekämpfe, reagiere natürlich mit psychologischer Abwehr auf Mitbürger, die völlig ungesund leben - und trotzdem nicht sterben.
Der Autor plädiert für ein tolerantes Nebeneinander von Raucher und Nichtrauchern in getrennten Bereichen, wie es in Österreich offenbar noch möglich ist. Kleiner Gaststätten sollten selbst entscheiden, oder sie Rauchen zulassen, größere getrennte Bereiche einrichten. In Zügen sollten in den letzten beiden Waggons rauchen erlaubt sein. Dass er angesichts der Hysterisierung der Gesellschaft" (167) mit diesen Appellen zur Zeit wenig Resonanz findet, weiß er selbst.