Auf verminten Feldern Fünf Versuche, dem Krieg literarische Gestalt zu geben Von Angela Schader Von drei kanadischen und zwei amerikanischen Schriftstellern sind in dieser Saison Bücher erschienen, die ältere und jüngere Kriegserfahrungen vom Ersten Weltkrieg bis zum Genozid in Rwanda thematisieren. Die Redlichkeit der Absicht genügt nicht immer, um der Materie gerecht zu werden. Nachdem die Engländerin Pat Barker mit ihrer grossartigen, bei Hanser auf Deutsch erschienenen Kriegstrilogie den Ersten Weltkrieg sozusagen aus dem Schlagschatten des Zweiten geholt und unter so ungewohnten wie aufschlussreichen Perspektiven ins Licht gesetzt hat, greift man mit vermehrtem Interesse nach Werken aus demselben Themenbereich. Timothy Findleys «Der Krieg und die Kröte» ist im Original 1977, also 14 Jahre vor dem ersten Band von Barkers Triptychon erschienen; im Original trägt das Buch des vor zwei Jahren verstorbenen kanadischen Autors den schlichteren, aber vielleicht rätselhafteren Titel «The Wars». Warum Kriege, wenn vorab ein Segment der französischen Front im Jahr 1916 gezeigt wird ergänzt durch einen Blick auf die militärische Ausbildung des kanadischen Protagonisten Robert Ross in einem abgelegenen Camp in Alberta, ein Intermezzo in Grossbritannien und eine knapp markierte Rahmenhandlung, welche die Recherchen eines stets im Schatten bleibenden Ich-Erzählers über die Lebensgeschichte seines Helden schildert? Tatsächlich hat Findley aber im Umfeld wuchtig gestalteter Szenen aus dem im kalten Schlamm absaufenden Stellungskrieg auch anders geartete Konflikte und Grenzerfahrungen arrangiert. Ein persönliches Trauma, der Tod der geliebten, kranken Schwester, hat Robert Ross erst in den Kriegsdienst getrieben; komplexer und grausamer als für Barkers couragiert bisexuellen Billy Prior gestaltet sich für ihn dann die Konfrontation mit den in diesem Kontext naheliegenden homoerotischen Erfahrungen: vom Schock, als er einen bewunderten Offizier beim kruden Geschlechtsakt beobachtet, über die verschwiegene Zuneigung, die ihn Tag für Tag ans Lager eines sterbenden Kameraden treibt, bis zur beklemmend inszenierten Vergewaltigung des Protagonisten hinter der Front durch die eigenen Leute. In einer Welt, wo sich die Liebe so roh und zersplittert präsentiert wie die geschundenen Bäume auf den Schlachtfeldern, überlebt sie am Ende in Gestalt des Mitleids mit den stumm Mit-Leidenden: in der Pflege, die ein verschrobener Offizier auf einem Aussenposten ein paar versehrten Kreaturen (darunter der titelgebenden Kröte) angedeihen lässt; oder in Robert Ross' angesichts des allgewaltigen Schlachtens sinnlosem Zorn über die nicht minder sinnlos der Kriegsdisziplin hingeopferten Trainpferde, der den Fahnenflüchtigen am Ende zusammen mit seinen vierbeinigen Schützlingen in eine Flammenhölle treibt. ACTION STATT ANALYSE Mit einem Feuertod setzt auch Michael Ignatieffs Roman «Charlie Johnson in den Flammen» («Charlie Johnson in the Flames», 2003) ein. Hier steht jedoch kein stiller, an kaum verstandenen Gefühlen würgender Aussenseiter im Zentrum, sondern ein hartgesottener Kriegsreporter, der seine Empfindungen bewusst unterm Deckel hält. Erst die unmittelbare physische Konfrontation mit einem Gewaltopfer reisst ihn aus seiner professionellen Abstumpfung nicht zuletzt, weil er selbst indirekt Schuld trägt am grausamem Tod der jungen Frau, die als menschliche Fackel in seine Arme stürzt. Von Ignatieff, der auch als politischer Essayist ein hervorragendes Renommee geniesst, hätte man eine besonders differenzierte Auseinandersetzung mit der Materie erwartet; doch leider setzt sein im Balkankrieg angesiedelter Roman vorab auf action und jene bewährten männlichen Werte, die am besten unter regelmässiger Berieselung mit Bier oder Whisky zu gedeihen scheinen: Einzelgängertum, ein Rechtsempfinden, das gern auch einmal mit dem Kopf durch die Wand geht, Männerfreundschaft und eine patente Frau, die immer im richtigen Moment zur Hand ist. Verschenkt wird damit die Gelegenheit, tiefer in die seelische Topographie eines Menschen vorzudringen, dessen Lebensweg über Jahrzehnte allein vom Aufspüren und Aufzeichnen des Entsetzlichen bestimmt war; und der vielleicht vor seiner «Erweckung» interessanter zu beobachten gewesen wäre als auf dem gradlinigen und letztlich sinnlosen Feldzug gegen den zynischen Mörder der jungen Frau. Auf ähnliche Art scheitert der Quebecer Journalist Gil Courtemanche, der in seinem ersten Roman, «Ein Sonntag am Pool in Kigali» («Un dimanche à la piscine à Kigali»), noch einmal die katastrophalen Versäumnisse aufrechnen will, die sich die Weltgemeinschaft angesichts des Genozids in Rwanda von 1994 zuschulden kommen liess. Wer sich zuvor schon mit den im Rahmen des Projekts «Rwanda écrire par devoir de mémoire» entstandenen Texten befasst hat, wird bedauern, dass nicht statt Courtemanches Roman eines dieser Bücher auf Deutsch vorgelegt wurde; das überzeugendste und eindrücklichste Werk jener von afrikanischen Autorinnen und Autoren bestrittenen Reihe, Tierno Monénembos «L'aîné des orphelins», ist nach wie vor unübersetzt. Die Disziplin und Sensibilität, mit der sich neben Monénembo auch andere an dem Projekt beteiligte Literaturschaffende ihrer Aufgabe stellten, sucht man bei Courtemanche weitgehend vergebens. Die Zusammenhänge zwischen den Problemkreisen, die er in seinem Roman verhandeln will zum grausigen Phänomen des Genozids tritt neben der Kritik am Versagen der westlichen Funktionäre auch noch die Aids-Problematik , sind mit eher nachlässiger Hand skizziert; einen Leser ohne genügendes Vorwissen dürfte das Taumeln zwischen wechselnden Episoden und eingestreuten Informationsfetzen im Verständnis der Ereignisse von 1994 kaum weiterbringen. So hätte etwa Courtemanches Versuch, Aids als Metapher in die Genozidthematik einzuarbeiten, eines subtileren Brückenschlags bedurft als der ziemlich brüsken Volte im Monolog eines sterbenden Aids-Kranken, der von der tödlichen Seuche auf die rwandische «Volkskrankheit» des Hasses überwechselt. Und wenn der Autor die Interaktionen zwischen den Einheimischen und den im Luxushotel von Kigali herumlungernden ausländischen Entwicklungshelfern, Beamten und Soldaten mehrheitlich auf der Ebene einer nach Möglichkeit gegenseitig betriebenen sexuellen Ausbeutung inszeniert, gibt das zwar Anlass für einige schneidende Aperçus; aber das Thema Sex wird im Roman derart penetrant ausgereizt, dass es die Auseinandersetzung mit dem Genozid fast zu verdrängen droht. Dieses schiefe Konkurrenzverhältnis ist des Dramas, von dem das Buch letztlich handeln will, schlichtweg unwürdig; ebenso die sentimental überhauchte Liebesgeschichte zwischen einer so schönen wie scheuen jungen Rwanderin und dem Romanhelden, einem alternden kanadischen Journalisten, die Courtemanche ohne Scheu vor Klischees ins Zentrum des Geschehens stellt. ÖDE ZEITEN AM GOLF In auffälligem Kontrast zu den mehr oder minder spektakulären Szenarien, welche die bisher erwähnten Romane aufbieten, steht das einzige direkt auf realen Erinnerungen an einen Krieg, den zweiten Golfkrieg, basierende Buch im hier vorgestellten Ensemble: Joel Turnipseeds Kriegstagebuch «Bagdad Express» («Baghdad Express. A Gulf War Memorial», 2003). Der Autor, der neben dem Philosophiestudium bei den amerikanischen Marines diente, schildert allerdings keine direkte Fronterfahrung; kurz nach Neujahr 1991 wurde er einberufen, um als Lastwagenfahrer Kriegsmaterial durch die saudische Wüste an die Grenze von Kuwait zu befördern. Dass der Autor seinen zur Atmosphäre des Militärcamps quer stehenden intellektuellen Habitus etwas gar offen zur Schau trägt, mag von dem Augenblick an weniger stören, wo man Einblick in seine Lebensgeschichte erhält: Mit nichts als einer zerrütteten Familie und einem Zickzack von Orts- und Milieuwechseln im Rücken wird es verständlich, dass der damals 22-Jährige seine Identität in stabilen geistigen Grössen zu verankern suchte. Sticheleien und die stinkenden Socken der Zeltgenossen im Camp, normierte Gerätschaften und Fertigmahlzeiten, Kettenrauchen und gelegentliche Fehlalarme: Das Soldatenleben, wie Turnipseed es schildert, ist aufreibend, aber alles andere als aufregend. Es gibt Sturmwarnungen: den Aufruf zur Impfung gegen Anthrax, die beim Appell ausgehändigten Pillen, bei denen man im Kleingedruckten auf die Vorschrift stösst: «Nicht einnehmen, bevor der Sanitäter oder Sanitätsoffizier nicht Nervengas bescheinigt hat.» Es gibt hässliche Momente: wenn beim Scud-Alarm die neu eingetroffenen Rekruten mit gezogener Waffe aus dem Offiziersbunker gescheucht werden, in den sie sich unwissentlich verirrt haben; oder den Blick auf den Zug irakischer Kriegsgefangener «eine grimme Prozession aus Russ, Schmutz, getrocknetem Blut, glanzlosem, schmierigem Haar, toten, entrückten, starren Blicken, hohlen Wangen». Doch die latente Bedrohung verschärft eher noch die Langeweile, welche die Soldaten mit der Zeit dazu reizt, auf eigene Faust mit dem Schicksal zu spielen: So absolviert Turnipseed eine Fahrt, während aus einem defekten Reservetank Diesel über seine Ladung Handgranaten sickert. REALISMUS ODER IMAGINATION? Trotz den zwölf Jahren, die zwischen dem zweiten Golfkrieg und der Publikation des Buches liegen, und trotz allen philosophischen Aperçus: Turnipseeds Kriegserinnerungen aspirieren weder auf Ordnung noch auf Durchdringung des Erfahrenen, und vielleicht liegt die Authentizität des Buches gerade in dieser weitgehenden Ungeformtheit. Oder bestünde der richtige Umgang mit der Materie im genauen Gegenteil, nämlich dem Versuch einer radikalen Transformation? Das lässt sich anhand von Gabe Hudsons im Original 2002 erschienener Erzählsammlung «Dear Mr. President» überprüfen, die ebenfalls auf den Golfkrieg von 1991 zurückgreift. Hier wird der Kampf von Mann zu Mann nicht nur gezeigt, sondern in einer Mischung aus Slapstick und Splatterpunk noch hochgeschraubt: Da befreit sich einer nach scheusslicher Folter, kobolzt durch den Kugelhagel weg über einen Panzer und landet patenterweise auf dem Höcker eines Kamels, das ihn treulich in eine paradiesische Oase befördert; ein anderer verkriecht sich mit seinem verletzten Kumpan in einem von Schimpansen bevölkerten irakischen Bunker und macht dort eine zumindest für den Leser etwas bedenkliche Wandlung zum «Menschenfreund» durch; ein Dritter, der obwohl Agnostiker das Pech hat, Jesus zu heissen, endet am Kreuz. Hudsons Texte operieren bewusst, gezielt und aggressiv mit der Geschmack- und Sinnlosigkeit, die dadurch als Summa des Krieges (und der Gewalt ganz allgemein) exponiert wird. Das kann, wenn auch zulasten sensibler Leser, gelingen: so in der ersten Geschichte, welche die Fronterfahrung mit dem inneramerikanischen Kleinkrieg zwischen den Bewohnern vernachlässigter Stadtquartiere und verrohten Aussenseitern verschränkt. Es birgt aber auch die Gefahr des Abhebens in schieren Nonsens: Wenn einem Frontsoldaten plötzlich ein zusätzliches Ohr am zweiten Rippenbogen wächst, entwickelt das extravagante Sujet weder im Kontext der Erzählung Bedeutung, noch wirkt es (wie vom Autor intendiert) als Variation auf das nach wie vor mit spitzen Fingern gehandhabte Thema «Golfkriegs-Syndrom». Der 1971 geborene Hudson verzettelt sich noch zu häufig bei der Schmetterlingsjagd nach vermeintlich Originellem, wo er bei etwas mehr Bodennähe die längst nicht im Realismus zu versanden brauchte wesentlich stärkere Effekte hervorbringen könnte: Gelungene Vignetten, tückische Inversionen stellen dies innerhalb seines Débutbandes immer wieder unter Beweis. Ob sich in Amerika eine Stimme finden wird, die mit einem ähnlichen imaginativen Ansatz, aber auch dem rechten Gleichmass an Wut, Phantasie und Disziplin an die Ereignisse des jüngsten Krieges herangeht?