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Und was will man auch von einem erwarten, der seinen Büchern Titel wie Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau, Die Kugeln in unseren Köpfen oder 'Mind-boggling' -- Evening Post gibt. Dass also der Titel Der Krapfen auf dem Sims nichts, aber auch gar nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat, versteht sich da von selbst. Ebenso, dass es sich hier nicht um einen Roman handelt, sondern um eine Sammlung von Betrachtungen, Essays und anderes, wobei dieses "und anderes" vor allem diverse absurde Fotos nebst erheiternder Bildunterschriften sowie Auszüge aus dem Jetzt-Tagebuch des Autors umfasst.
Unnötig anzumerken, dass nicht nur die erwähnten Bildunterschriften, sondern auch sämtliche der in diesem Buch versammelten Texte sehr erheiternd sind. Und das, obwohl der Herr Goldt vieles, was man als Mainstream-Normalo vielleicht sogar schätzt, ziemlich schlechtmacht oder gar explizit: verachtet. Den Jungmänner-Massenzynismus zum Beispiel, oder Leute, die sich mit schlechter Handschrift und der 999 DM Montblanc-Füllfederhalteredition an Büttenpapier zu schaffen machen. Deutsche Art Stylisten (im Gegensatz zu türkischen Friseuren), Gerhard Schröder, Faxe, Diplome auf dem Klo und scheinbar auch Inge Meysel (obwohl er das nicht so deutlich sagt).
Immerhin finden sich auch praktische Verbesserungsvorschläge. Kuchen backen sollte man, Barbies und Playmobilmännchen endlich aus der modernen Kunst verbannen, und vor allem: Schulen bloß nicht voreilig mit internetfähigen Computern ausstatten, sondern erstmal wieder das Sprechen und Schreiben üben. Denn: "Wer eine gute Allgemeinbildung hat, sich auch in Fremdsprachen gut ausdrücken kann, der wird mit dem Internet keine Schwierigkeiten haben. Wer nichts weiß und schlecht spricht, wird kaum in Verlegenheit kommen, im Berufsleben seine Internet-Kenntnisse unter Beweis zu stellen."
Das Buch müsste dringend ins Tschechische übersetzt werden. Allein schon wegen des Titels. --Anneke Hudalla
Neue Prosa von Max Goldt
Gross war der Kummer, als Max Goldt im Januar 1998 mit der 108. Folge seine «Titanic»-Kolumne («Onkel Max' Kulturtagebuch», später «Informationen für Erwachsene») einstellte, die letzten 13 Folgen als «Mind-boggling Evening Post», ergänzt um einige artfremde Texte, als abschliessenden vierten Sammelband herausgab und wissen liess, neun Jahre seien genug, nicht ohne hinzuzufügen, eine Kolumne im engeren Sinn des Gattungsbegriffs seien seine «Titanic»-Texte ohnehin nicht gewesen. Ein schwacher Trost! Zumal die wunderbar unangestrengten Texte gerade als Betrachtungen vermischten Inhalts, auf die George Orwells «Tribune»-Kolumnentitel «As I Please» recht wohl gepasst hätte, zu entzücken wussten. Nun ist es aber weit weniger schlimm gekommen als befürchtet; Goldt hat sich nicht ausschliesslich auf seine musikalischen Projekte geworfen, sondern ist dem Frankfurter Satiremagazin als regelmässiger Autor erhalten geblieben. Dazu noch mit Texten, die der alten Kolumne eng verwandt sind. Und wer sich mit dem knalligen Heft nie anfreunden mochte oder ihm entwachsen ist, der kann nun wieder in Buchform nachlesen, was der 43-jährige Wahlberliner vom September 1998 bis zum September 2000 dort veröffentlicht hat; hinzu kommen einige Beiträge aus den Zeitschriften «jetzt» und «Der Rabe» sowie einer aus der «Berliner Zeitung».
Nach wie vor berichtet Goldt aus der Welt seiner «individuellen Aufmerk- und Empfindsamkeit», quält sich also beispielsweise mit der Frage, ob er sich mit einem Schwert zerteilen muss, weil ausgerechnet der «Tag des Buches» mit dem «Tag des Bieres» zusammenfällt, oder lobt die türkischen Friseure, weil sie sich nicht «Art Stylist» nennen und auch nicht «Hallöchen» sagen, hingegen die Ohrbehaarung mit einem Einwegfeuerzeug kunstgerecht abzufackeln verstehen. Das Thema ist der Alltag. Doch Goldt glossiert ihn nicht wie ungezählte Kolumnisten landauf, landab in verschmitzt-anbiedernder Art, er nimmt den Leser nicht an der Hand, um mit ihm über allerlei Modetrends zu tuscheln. Seine Texte sind von subtilerer Art. Sie wollen, so scheint es, vor allem sich selbst überraschen. Deshalb sind sie ohne jenes Element aufgesetzter Souveränität, das die Schmunzelprosa stets verdirbt. Die wohlfeile Ironisierung fast aller Bereiche des kulturellen Lebens sieht Goldt im Gegenteil mit dem Scharfblick desjenigen, der immer misstrauisch wird, wenn sich irgendwo ein Konsens bildet.
Dass Max Goldt kein ungestümer Fabulierer ist, sondern ein präziser, ökonomischer Autor, dem das spezifische Gewicht der Formulierungen wichtiger ist als solide Pointen, hat seit je seinen Rang bestimmt, und es bestätigt sich auch hier. Allerdings zeigt sich ebenso, dass nicht alle Themen ihm in gleichem Masse liegen. So fällt «Doppelmayr halbiert die Mulmigkeit», das Journal einer Chinareise, gegen die einheimischen Texte ab, weil hier Goldts Methode nicht recht greift. Wenn er aus und über Deutschland schreibt, situiert er Kuriositäten und Fehlleistungen in einem Kontext, der sowohl ihm als auch dem Leser geläufig ist. Wo sich dieser Kontext hingegen mindestens teilweise entzieht, da droht der Bericht zur anekdotischen Mäkelei zu werden.
Ein Zweites fällt auf: Manche von Goldts Texten sind schon in der Zeit, die zwischen Erst- und Buchveröffentlichung verstrichen ist, zu historischen Dokumenten geworden. Die Betrachtung «Niedere Botschaften» (Oktober 1998) etwa beklagt auf subtile Weise die Entwicklung zum Saloppen, Nonchalanten, ja Distanzlosen, welche die Schreibkultur auf dem Weg vom Brief zum Fax genommen hat. Heute indes, im E-Mail-Zeitalter, scheint der Fax schon wieder eine besondere Patina bekommen zu haben, wirkt seine Materialität atavistisch, evoziert das Thermopapier beinahe die Tage der Rohrpost. Das heisst nun aber nicht, dass Goldts Text «veraltet» wäre. Vielmehr bezeichnet er einen Übergang, dessen Konturen sich bereits verwischen.
Ganz in seinem Element ist Goldt da, wo er in Sterne'schen Abschweifungen vollkommen nutzloses Wissen vor dem Leser auftürmt: wo er sich etwa, von einer Bänderzerrung an die Wohnung gefesselt, erst am Fernsehen sämtliche Feierlichkeiten zu Inge Meysels 90. Geburtstag ansieht und dabei das ausgewogene Gemisch von Sorgen- und Lachfalten bei völligem Fehlen von Gleichgültigkeitsfalten im Gesicht der «Mutter der Nation» würdigt, um darauf in einer Leni-Riefenstahl-Biographie zu entdecken, dass die unverwüstliche Heldin bereits 1924 ebenfalls eine Bänderzerrung erlitt, auf einer Tanzveranstaltung vor 3000 Zuschauern in Prag, und sich deshalb in Freiburg behandeln liess, während er, Goldt, sich in Luzern verletzte und in Berlin zum Arzt ging, worauf sich natürlich die Frage stellt, wer den weiteren Weg zurückgelegt hat und also härter im Nehmen war, die Tänzerin oder der Schriftsteller, in welchem Zusammenhang die Konsultation einer Landkarte ergibt, dass es von Luzern nach Berlin zwar weiter ist als von Prag nach Freiburg, die Strecke aber im Flugzeug zurückgelegt wurde; handkehrum indes er, Goldt, eine Flugthrombose hätte bekommen können, weil er in der unseligen Economy-Class den schadhaften Fuss nicht auf die Schultern des Vordermannes legen durfte, während Leni Riefenstahl, damals sicher schon eine so berühmte Tänzerin wie Neddy Impekhoven oder Gret Palucca, vermutlich in einem komfortablen Oldtimer nach Freiburg chauffiert wurde und das Bein höchst bequem hochlagern konnte.
Wer mit solchen Assoziationsketten nichts anfangen kann, der ist für Goldts Texte wohl verloren; wen jedoch Dinge wie der Prestigeverlust des Journalisten-Bekleidungsstils vom Armani-Look über den Marius-Müller-Westernhagen-Look zum Jörg-Haider-Look nicht kalt lassen, der wird auch an diesen Darreichungen sein Vergnügen haben; und schwerlich wird er anderswo etwas Scharfsinnigeres und Vergnüglicheres finden über den omnipräsenten «Interview-Unfug».
Manfred Papst
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„Der Krapfen auf dem Sims" zeigt Max Goldt von seiner besten Seiten. Ein bedachter, äußerst gekonnter Umgang mit der deutschen Sprache; konkrete Lebenshilfe; Humor, der auch beim wiederholten Lesen lustig bleibt und ein wohltuendes Abwatschen all der Nervensägen aus Presse und Fernsehen - es ist schön in der Welt von Max Goldt zu sein.
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