Nachdem mir "Die Alchemie der Unsterblichkeit" sehr gefallen hat, war ich dementsprechend gespannt auf das neue Abenteuer Icherios Ceihns und seiner Ratte Malficium. "Der Krähenturm" hat es jedoch nicht geschafft, die gleiche Begeisterung bei mir auszulösen wie sein Vorgänger.
Dies lag unter anderen am schleppenden Einstieg in die Geschichte, der wohl nötig war, um auch Lesern, die noch nicht den ersten Band gelesen haben, ausreichend Informationen mit auf den Weg zu geben. Ich empfand die ersten Seiten so als ein wenig mühsam, doch sobald sich Icherios auf den Weg nach Heidelberg machte, stellte sich auch ein angenehmer Lesefluß ein.
Im Laufe der Story, die wieder viele spannende, oft überraschende Szenen und die unterschiedlichsten Wesen und Personen bereit hält, kam mir die Entwicklung Icherios zunehmend seltsam und unglaubwürdig vor. Auch wenn die Ereignisse in Dornfelde erst ein paar Wochen zurück liegen, und er sein Weltbild ganz neu ordnen musste, hätte ich mir bei ihm ein wenig mehr Realitätssinn gewünscht, dass er einfach die Tatsachen akzeptiert, die so offensichtlich sind. So war ich manches Mal genervt von seinem Festhalten an alten Ansichten, trotz aller Fakten, die ihm ja durchaus bewusst sind. Nichtsdestotrotz ist er eine vielseitige Hauptfigur, mit der man mitfiebert, auch wenn man ihn manchmal schütteln möchte. So ein kantiger Charakter ist mir allemal lieber als ein aalglatter Typ.
An Icherios Seite kämpfen auch dieses Mal einige Nebenfiguren, neue Charaktere wie einige bereits bekannte. Den Hexenjäger Silas und die Hexe Gismara begleitet man in einem eigenen Handlungsstrang, der zwischendurch aufregender ist, als die Haupthandlung rund um Icherios. Durch die beiden gewinnt die Geschichte an Tempo und Spannung. Auch die Werratte Franz und Auberlin, der Leiter des Magistratums, bieten Grundlagen für einen interessanten Hintergrund, insgesamt kommen sie aber recht kurz, ebenso wie die restlichen Nebenfiguren.
Von Professor Crabbé und seiner Truppe hätte ich gern noch mehr erfahren, aber sie tauchten am Ende gar nicht mehr auf, genauso wenig wie das Schankmädchen Julie. Das fand ich schade, denn wenn man es genau nimmt, waren sie im Endeffekt nicht wirklich wichtig für die Geschichte. Ich würde mir wünschen, dass man solche Personen einfach weg lässt, als sie einfach nicht mehr zu erwähnen. Zwar haben sie auf den ersten Blick die Geschichte bereichert, ich denke da z.B. an die Szenen im Keller bei der Untersuchung der Leichen, aber im Nachhinein wirkt für mich vor allem die Liebelei mit Julie überflüssig.
Mit Avrax betritt recht spät eine wirklich spannende Figur die Bühne, über die ich gern mehr erfahren hätte. Doch gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob dieser zusätzliche Handlungsstrang wirklich nötig ist, so faszinierend der Mann auch sein mag. Insgesamt hatte ich das Gefühl, es war zu viel auf einmal. In "Die Alchemie der Unsterblichkeit" stimmte die Mischung, während ich die Ereignisse hier als etwas chaotisch empfunden habe, obwohl die Geschichte in sich schlüssig ist. Sie wirkte bisweilen überladen und auch das recht spannende und dramatische Ende konnte mich nicht überzeugen. Nach langem Hin und Her ging plötzlich alles ganz schnell, alle Bösewichte fliegen kurz hintereinander auf, ein kurzer, heftiger Kampf mit den nötigen Verlusten und aus.
Auch da hätte ich mir mehr Substanz erhofft.
Insgesamt fehlte mir einfach das gewisse Etwas, das mich in "Die Alchemie der Unsterblichkeit" so gefesselt hat. "Der Krähenturm" ist ebenfalls ein kurzweiliges, meistens flüssig zu lesendes Buch, doch eben nur Durchschnitt im Vergleich zum Debüt der Autorin. Ausreichend Spannung war vorhanden, nur die Zusammensetzung stimmte für mich dieses Mal nicht.
Eine Fortsetzung würde ich aber trotzdem lesen, denn ich mag Kerstin Pfliegers Art zu schreiben, die abgefahrenen Ideen, die sie einbaut und trotz meiner Klagen ist es eben auch Icherios, dessen weiteres Schicksal mich interessiert, Malficium nicht zu vergessen. :)