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«Der Koryphäenkiller» von Gerd Overbeck
Dass Psychoanalytiker sich von ihren Patienten bis auf die Tatsache, dass sie irgendwann einmal auf den Platz hinter der Couch umgezogen sind, in fast nichts unterscheiden, ist bekannt. Die Therapeuten von heute sind die Patienten von gestern. Das lässt hoffen. Allerdings gibt es doch noch einen bedenklichen Unterschied: Die Liebesbeziehung der Therapeuten zu den Patienten (von der die sexuelle Missbrauchshysterie sich die ausschweifendsten Dinge verspricht) bleibt zuverlässig hinter der Wut auf die Patienten zurück. Was ist das Beilager auf der Couch schon gegen einen veritablen Patientenmord, wiewohl der meist nur in der Phantasie stattfindet. Zumindest wünschte selbst Freud das ganze Patientenpack zum Teufel wo es, genau besehen, ja schon ist.
Prof. Dr. med. Gerd Overbeck, Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, stellt uns in seinem «psychoanalytischen Roman» «Der Koryphäenkiller» an dem, wie an der Psychoanalyse, «nichts wahr» sein soll «als seine Übertreibungen» einen wahrhaft traumatischen Patienten im langjährigen Kontakt mit Professor G. vor. Letzteren dürfen wir getrost, wenn auch in der selbstironischen Brechung, als eine der versprochenen «Koryphäen» identifizieren.
Der Patient, der «K.» heisst und, wie man es von ihm unter diesen Namensbedingungen erwarten darf, einen «Brief an den Vater» schreibt, ist in der Tat dazu angetan, alle Therapeuten dieser Erde zur Verzweiflung zu treiben. Ihn «therapieresistent» zu nennen käme einer krassen Untertreibung gleich. Aber Therapieresistenz ist ja auch im Gegensatz zur erfolgreichen Kur die Garantie für eine langanhaltende Liebesbeziehung. Warum bleiben schliesslich Paare zusammen?
Gleich, ob «Ks» Bild aus dem therapeutischen Leben gegriffen ist oder ob man ihn in Analogie zu Karl Marx' Begriff des «Gesamtarbeiters» als empirisch gesättigtes Porträt des «Gesamtpatienten» verstehen darf: dieser Synthese-Patient lässt kein Krankheitsbild aus. Ein Register wäre dem Roman bei der Zweitauflage dringend zu wünschen. Die psychoanalytische Falldarstellung mausert sich hier, weit über jene «Novellen» hinaus, die Freud in seinen Krankengeschichten entdeckte, zum «Fallroman». Ein relativ neues Genre allerdings mit relativ altem Personal.
Denn für diesen Patienten gäbe es auch eine völlig triviale Diagnose: gigantische Hypochondrie. Aber was besagt ein derart krudes, übrigens gänzlich unanalytisches Wort schon gegenüber einem Einfühlungsvirtuosen, nur dass es hier der Patient ist, der sich in die Krankheiten einfühlt. Keine Frage, er ist in diesem Roman die wahre Koryphäe, geradezu konkurrenzlos. Denn er hat, nein, er ist einfach alles.
Wer es über viele Jahre hinweg mit einem solchen Patienten aushält, der liebt ihn natürlich auch. Zumindest darf man auf eine gutentwickelte masochistische Disposition als Komplement der sadistischen des Patienten rechnen. Gilt das aber auch für die Beziehung des Lesers, gleich ob selber Patient oder Therapeut, zu diesem Buch? Laut der schönen Gleichung von Breuers und Freuds «Studien über Hysterie» heisst Aussprechen soviel wie Erledigen Thomas Mann hat das nachgebetet: Man kann etwas «wegerzählen». Aber kann man auch etwas «weglesen»?
Dieser «Fallroman» ist unterhaltsam, manchmal ausserordentlich witzig erzählt. Selbst bewährte psychoanalytische Kasinowitze erzielen ihre Heiterkeitserfolge, von einem brillanten Kalauer wie «Ignatius von Gorgonzola» ganz zu schweigen. Und die Geschichte vom fallenlassenden «Muttile» und vom schwarz gestiefelten und gespornten NS-Vater muss man selbstredend als vielleicht etwas bemühte Parodie lesen. Aber hält es der Leser auch über gut 300 Seiten wie der Therapeut mit seinem Patienten aus? Wenn der Leser nicht über das gleiche masochistische Potential verfügt, wird er die Lektüre nicht über Gebühr ausdehnen. Ein Wartezimmer zum Beispiel wäre der geeignete Lektüreplatz.
Ludger Lütkehaus
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