Ich halte es für eine Beurteilung des Korans für wichtig zu berücksichtigen, dass es sich hierbei nicht um Belletristik handelt und man demnach nicht nach Grad der Unterhaltsamkeit (z.B. Langeweile durch Wiederholung der Prophetie-Erlebnisse) urteilen kann. der Koran stellt für gläubige Muslime - im Gegensatz zu Altem und Neuem Testament für Juden und Christen - direktes Gotteswort dar, was seine zentrale Bedeutung erklärt.
Der Qur'an erkennt die Propheten des Juden- und Christentum durchaus an (zu welchen er übrigens auch Jesus zählt, denn ein "Sohn Gottes" widerspricht der Einigkeitsvorstellung im Islam); er versteht Muhammad lediglich als "Siegel der Propheten", also den letzten in der Reihe der Gesandten. Ebenfalls wird von ein und derselben Schrift als Grundlage für die 3 Buchreligionen ausgegangen, die allerdings im Juden- und Christentum verfälscht wurde. Somit korrigiert der Islam nur das Juden- und Christentum.
Inhaltlich befasst sich der Qur'an mit Lobpreisungen Gottes, Warnungen vor dem jüngsten Gericht, Gleichnissen, Propheten- und Straflegenden. Neben allgemein gehaltenen moralischen Grundsätzen finden sich dann in begrenzter Zahl auch die so kontrovers diskutierten Vorschriften zu Ehe-, Familien und Erbrecht. Der Koran im Ganzen ist also weit mehr als ein Gesetzbuch.
Für jemanden, der mit dem Islam nicht sehr vertraut ist, empfiehlt sich vorher eine Einführung zum Qur'an zu lesen. Der Qur'an sollte nämlich sehr aufmerksam, gründlich und v.a. unvoreingenommen gelesen werden, da sonst sehr leicht die Verse überlesen werden können, die mit den Vorurteilen z.B. über die Behandlung der Frauen im Islam aufräumen. So sind die für uns so befremdlichen Weisungen an bestimmte Bedingungen geknüpft, die in der Regel kaum erfüllbar sind. Was zum Beispiel die Polygamie betrifft: das Recht, mehrere Frauen zu heiraten, ist von vornherein nur zur Versorgung von Waisen gedacht. Darüber hinaus ist die Heirat mehrerer Frauen ganz streng an die Bedingung geknüpft, dass der Mann jeder seiner Frauen die gleiche Zuwendung entgegenbringen muss - sowohl finanziell als auch emotional. Das ist im Grunde unmöglich. Als 2. Beispiel seien die harten Strafen für Ehebruch genannt. Bedingung für den Strafvollzug ist, dass 4 Zeugen den Akt in Einzelheiten wiedergeben können. Seien wir ehrlich, dazu müsste der Ehebruch schon auf dem Marktplatz stattgefunden haben.
Der Aufbau des Qur'ans erfolgt in Suren. Da der Qur'an nicht mehr zu Muhammads Lebzeiten gesammelt wurde, war die Reihenfolge der Offenbarungen nicht klar und die Anordnung der 114 Suren erfolgt (mit Ausnahme der 1. Sure) schlichtweg der Länge nach, wobei die langen Suren zu Beginn stehen. Vermerkt ist allerdings, ob die jeweilige Sure in Mekka oder Medina offenbart wurde. Im Arabischen sind v.a. die frühen Suren in Reimprosa gehalten. Das ist insofern bedeutsam, dass die sprachliche Unnachahmlichkeit als Gottesbeweis gilt und daher Koranübersetzungen nicht wirklich anerkannt sind, aber als Annäherung natürlich unumgänglich sind. Verschiedene Übersetzungen legen den Schwerpunkt entweder auf inhaltliche Genauigkeit oder auf Annäherung in der sprachlichen Form. Heutzutage sind Übersetzungen nicht mehr gefärbt durch die Einstellung des Übersetzers zum Islam.