Aus der Amazon.de-Redaktion
In einer Einleitung liefert Hofmann eine kurze Einführung in die Entstehungsgeschichte des Islams und die Offenbarung des Korans. Er verteidigt den Islam gegen Vorurteile abendländischer Nicht-Muslime und plädiert für die Authentizität und Fehlerlosigkeit sowie die überzeitliche Bedeutung der koranischen Botschaft, für ihn die "einzige ernsthafte Alternative zur westlichen Konsumgesellschaft". Zur Untermauerung seiner These führt Hofmann moderne wissenschaftliche Forschungserkenntnisse zur Autorschaft des Korans sowie zu dessen naturwissenschaftlichen Aussagen, die zu Zeiten des Propheten noch nicht bekannt waren, an. Abschließend erläutert und begründet er die Änderungen, die er an veralteten oder fehlerhaften stilistischen Eigenheiten der Übersetzung Hennings sowie an dessen zeitbedingten islamfeindlichen Kommentaren vorgenommen hat.
Abgesehen von einem kleinen inhaltlichen Fehler (der Koran ist nicht, wie der Autor behauptet, das meistübersetzte Buch der Welt, sondern die Bibel) bietet diese erste arabisch-deutsche Koranausgabe im deutschen Buchhandel nicht nur Fachleuten, Studenten und Kennern der arabischen Sprache eine spannende und wissenschaftlich fundierte Lektüre. --Susan Radwan
Buch der 1000 Bücher
Koran
OT al-Qurãn DE 1772 EZ Anfang 7. JahrhundertForm Perikopensammlung Bereich Theologie
Der Koran (arab. Lesung), die Heilige Schrift der Muslime, ist die Sammlung der von Anfang an zur kultischen Rezitation des Einzelnen wie der Gemeinde bestimmten Perikopen, die der Prophet Mohammed (ibn Abdallah ibn Abdalmuttalib, um 570632) seinem eigenen Selbstverständnis nach rein passiv als göttliche Offenbarungen empfing. Während dieses Prozesses, der sich über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren erstreckte, trug Mohammed die immer komplexer werdenden Einzeloffenbarungen seinen Landsleuten immer wieder vor (zunächst in Mekka, wo er überwiegend auf Ablehnung stieß, nach seiner Emigration 622 in Medina), um sie zur Verehrung des einzigen Gottes zu bewegen.
Inhalt: Der Koran deckt ein inhaltlich breites Spektrum literarischer Texte. Noch vor Hymnen und Ermahnungen, Tugend- und Lasterkatalogen, Preisungen der Allmacht Gottes in Natur und Geschichte ragen in den kurzen Suren der frühmekkanischen Zeit dramatische Darstellungen des apokalyptischen Zerfalls der Welt, des Jüngsten Gerichts und der jenseitigen Vergeltung der Gottesfürchtigen bzw. der Frevler hervor. In den später längeren mekkanischen Suren stehen Erzählungen über biblische Patriarchen und Helden wie Mose, Abraham, Lot, Jakob und Josef Sure 12, die Josefsgeschichte, gilt als »die schönste Erzählung« sowie Salomon und David und deren Auslegungen im Vordergrund. In medinischer Zeit treten soziale und kultische Anweisungen an die Gemeinde sowie Erinnerungen an ihre neuen eigenen Geschichtserfahrungen hinzu.
Der Koran sollte nach dem heilsgeschichtlichen Sendungsbewusstsein des Propheten für die bis dahin »buchlose« arabische Sprachgemeinschaft die Rolle einnehmen, die in Synagogen und Kirchen des damaligen Orients die Tora bzw. das Evangelium spielten, d. h. der Koran sollte als Herzstück des Kultus auf das ganze Leben ausstrahlen, privates und öffentliches Verhalten regeln, die Vergangenheit und die Gegenwart deuten sowie auf die letzten Dinge durch Warnungen und Verheißungen vorbereiten. Der Prozess der Gemeindebildung um Mohammed ist darum nicht nur als Annahme der von ihm gepredigten Inhalte zu verstehen, sondern als Bereitschaft, an seinen regelmäßigen Gottesdiensten teilzunehmen, deren Hauptstück eben die wiederholte Rezitation des nun in der eigenen Landessprache neu geschenkten göttlichen Wortes war. Dies bedingte die aktive Aneignung zumindest einer größeren Anzahl von »Suren«, die es dem Gläubigen ermöglichte, zu den festgesetzten täglichen Gebetszeiten die göttliche Rede aus sich heraus hörbar zu machen, sie ohne äußere Hilfsmittel wie Hefte oder Bücher zu rezitieren.
Struktur: Angesichts dieser festen liturgisch-mündlichen Präsenz der überschaubaren Texte und wegen des fortdauernden Anwachsens des Corpus zu Mohammeds Lebzeiten kam es bis zu seinem Tod nicht zu einer schriftlichen Kodifizierung des Koran wenn auch für die späteren komplexen Texte mit inoffiziellen Einzelaufzeichnungen zu rechnen ist. Aus der Priorität der mündlichen Verwendung erklären sich die Charakteristika, die dem westlichen Verständnis bis heute Schwierigkeiten bereiten: die Polythematik der einzelnen »Suren« einerseits, die Wiederholung gleicher Themen in verschiedenen »Suren« bei extensiver Formelhaftigkeit andererseits, insgesamt die Verschmelzung der hymnischen, erzählenden, ermahnenden, polemischen und gesetzgeberischen Elemente zu komplexen neuen Einheiten, den »Suren«, und schließlich die dem Text nicht äußerliche, sondern für sein Wesen konstitutive Rezitation in Kantilene.
Wirkung: Etwa 20 bis 30 Jahre nach dem Tod Mohammeds wurde wegen der beispiellos raschen Ausbreitung des Islam und aufgrund der Konkurrenz mehrerer verschieden umfangreicher, leicht voneinander abweichender Einzelsammlungen ein definitiver, vom dritten Kalifen Uthman (reg. 644656) approbierter Text mit 114 »Suren« kanonisiert, die sog. Uthmanische Rezension. Um sie herum bildete sich in mehr als 13 Jahrhunderten ein inzwischen klassisch gewordenes, immenses Corpus auslegender Literatur heraus, das ausgedehnte Variantendiskussion, Rezitationstechnik, Lexikografie und Grammatik, historische Einordnung der Einzeloffenbarungen sowie juristische und mystische Deutung umfasst. Diese exegetischen Bemühungen um das Verständnis des Koran wurden zum ersten Mal von at-Tabarï (838 bis 923) in einem umfassenden Kommentarwerk gesammelt.
Der Koran ist in der islamischen Welt aber vor allem mündlich in verschiedenen Formen kunstvoller Kantilene-getragener Rezitation präsent. Nicht nur beherrscht er die Atmosphäre offizieller religiöser Feste und familiärer Feiern, er ist dank der modernen Audiomedien vielerorts auch ein selbstverständlicher Teil des alltäglichen öffentlichen Lebens. A. N.
Literatur: H. Bobzin, Der Koran. Eine Einführung, 2000; N. Kermani, Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran. München 1999; A. Neuwirth (Hrsg.), Hörbuch Koran. Mit S. Kurt und A. Taha, 2002.