Der Koran gilt den Muslimen als die Offenbarung, als Wort Gottes, den sie Allah nennen. Dieses arabische Wort taucht allerdings in der Koranübersetzung von Hartmut Bobzin nicht auf. Bobzin ist um eine Übersetzung in eine nachvollziehbare deutsche Sprache bemüht. So wird auch deutlich, in welch hohem Maß die Muslime der Bibel und ihrer Überlieferung verbunden sind. Dennoch ist der Koran ein arabisches Buch. Dem trägt der Band in der "orientalischen Bibliothek" dadurch Rechnung, dass jede Sure mit einer arabischen Kalligrafie versehen ist (von Sahid Alam). Weiterhin lässt Bobzin die Sprache der Übersetzung nicht ins Profane abgleiten. Das sonst eher geläufige Reden von Körperflüssigkeiten klingt hier schon ein wenig anders: "Wenn ihr unrein seid, dann reinigt euch." (Sure 5,6). Der Islamwissenschaftler Bobzin ist von der lyrischen Sprachkraft des arabischen Koran fasziniert, lässt aber die Übersetzung nicht zu oft in den dort üblichen Endreim auslaufen: "Bei den nacheinander Ausgesandten, dann heftig Stürmenden, bei den rasch Zerstiebenden, dann sich Trennenden und dann Ermahnung Bringenden, Verzeihung oder Warnung" (Sure 77, 1-6). Denkt man an den Stil von Bibelübersetzungen, so erklingt hier eher die Sprache Luthers als die der nüchtern wirkenden Einheitsübersetzung. Auch ein modernisierender Klang ist hier nicht zu spüren, eher der Respekt vor der Religionsschrift des Islam. Neben dem Nachwort, in dem der Autor die Entstehung seiner Übersetzung erklärt, gibt es noch einen Anhang mit Erläuterungen zu jeder einzelnen Sure, die aber den Kommentar nicht ersetzt, vielmehr auf seine geplante Veröffentlichung verweist, mit einem Glossar zu wichtigen arabisch-islamischen Begriffen und mit einem Stellenverzeichnis wichtiger Stichworte. Gerade dieses Stellenverzeichnis wird für den interreligiösen Dialog eine gute Hilfe sein. Einige Beispiele aus der 2. Sure seien hier in zufälliger Auswahl zitiert:
- Vers 26: "so wissen sie, dass es die Wahrheit ist, von ihrem Herrn!"
- Vers 42: "Vermengt die Wahrheit nicht mit Nichtigem"
- Vers 91: "Wobei sie aber nicht daran glauben, was danach war, obwohl es doch die Wahrheit ist, bestätigend, was sie schon hatten." ("Wenn deutsche Wörter kursiv gesetzt sind, so heißt es, dass sie besonders betont werden müssen", so Bobzin im Nachwort).
- Vers 119: "Siehe, wir sandten dich mit der Wahrheit, als Künder froher Botschaft und als Warner."
- Vers 252: "Das sind die Verse Gottes. Wir tragen sie dir vor, in Wahrheit. Siehe, du bist wahrhaftig einer der Gesandten."
Die zitierten Verse lassen erspüren, dass die Übersetzung Bobzins die religiöse Ausprägung des Korans sehr gut wiedergibt. Etwas störend ist, dass die arabischen Titel der Suren, die in den Überschriften mitgenannt, ja sogar illustriert sind, im Inhaltsverzeichnis fehlen, in dem lediglich die Zahlen und die deutschen Titel aufgezählt sind. Der Umfang und die Aufmachung des Buches gibt ihm die Würde einer Heiligen Schrift einer wichtigen Weltreligion.